Den Tod überlisten indem wir Leben schaffen?

K.I. Wir erleben derzeit das Morgengrauen einer neuen Spezies auf der Erde. Sie könnte den Planeten retten ... und uns zum Verhängnis werden

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Too good to be true: In dem Film "Her" verliebt sich ein Mann in ein intelligentes Operating-System
Too good to be true: In dem Film "Her" verliebt sich ein Mann in ein intelligentes Operating-System

Foto: Screenshot, Youtube

Ach, Zukunft. Du unentdecktes Land voller Schrecken und Verheißungen. Was hast du mit uns vor? Apokalypse oder Utopie? Werden wir den Planeten verlassen oder der Planet uns? Werden unsere Werkzeuge bald Bewusstsein erlangen und sich gegen uns wenden? Werden Religionen sich langfristig durchsetzen oder werden wir in einem neuen Schöpfungsritus selbst zu Göttern? Die Hybris der Gattung Mensch ist schon sehr lange seine Haupttriebfeder. Sehr lange natürlich nur auf die Millisekunde unserer Existenz bezogen, verglichen mit der begrenzten Ewigkeit von Allem. Momentan ist der Mensch noch der Rockstar, der das Hotelzimmer namens Planet Erde verwüstet. Haben wir es in uns, uns zum Hausmeister zu wandeln? Gärtner statt Bulldozer? Mit der Gießkanne in der Hand anstelle eines Flammenwerfers?

Besonders wenn Vertreter der großen, patriarchalischen, hierarchischen Weltreligionen sprechen, wird erstaunlich häufig der Eindruck vermittelt, der Mensch stehe über dem Rest der „Schöpfung“, gewissermaßen außerhalb, kein Teil des Ganzen sondern mit einem Alleinstellungsmerkmal ausgestattet, das dem Rest des Ökosystems fehlt: Intelligenz. Wissenschaftler sind da schon deutlich weiter, mittlerweile wird bereits in Pflanzen Intelligenz und Empathie vermutet, ohne dabei schlüssig erklären zu können worum es sich bei beiden Phänomenen handelt. Wir können den Begriff Intelligenz für uns selbst definieren, das ist ein Vorteil unserer Fähigkeit, Gedanken in Worte zu fassen und abstrakt zu denken. Dass die vermeintlich intelligenteste Spezies auf diesem Planeten die klar destruktivste und gefährlichste ist, ist ein gewisser Rückschlag für Intelligenz-Fetischisten. Intelligenz ohne Empathie ist kein Wert für sich. Oder doch, wir kennen sie nur noch nicht?

Über zweitausend Jahre nachdem ein Mann an einen Baumstamm genagelt wurde, weil er gesagt hatte, wie phantastisch er sich das vorstelle, wenn die Leute zur Abwechslung mal nett zueinander wären*, schickt sich der Mensch an, die nächste Hürde zu nehmen. Ein Konzept das er selbst noch nicht verstanden hat, neu zu erschaffen: Die Künstliche Intelligenz. Glaubt man einigen wissenschaftlichen Abhandlungen und Prophezeiungen, wird der Moment, an dem die sogenannte Artificial General Intelligence die Weltbühne betritt, quasi die Stufe zwei der Entwicklung der K.I., ein einschneidender Moment sein, der den Weg zur Artificial Superintelligence frei macht. Letztere, noch abstrakte Form der K.I. wird in etwa als „Intellekt der viel klüger als die besten menschlichen Gehirne ist, in praktisch jedem Bereich, darunter wissenschaftliche Kreativität, generelle Weisheit und Social Skills“ beschrieben. Werden K.I.s erst die Stufe erreichen, sich selbst nach eigenem Gusto miteinander vernetzen zu können und ihre eigenen Ressourcen und Kapazitäten zu schaffen, ist davon auszugehen dass sie eine exponentielle Intelligenzkurve beschreiben werden, die in kürzester Zeit den Mensch weit hinter sich zurücklässt, so dass wir sie nicht mehr verstehen werden können.

Nun gibt es für dieses Szenario natürlich diverse Beispiele im Science Fiction zu finden. Von Kubricks HAL 9000 über V'Ger in „Star Trek: The Motion Picture“ zu Skynet in der „Terminator“-Reihe und der „Matrix“ hat diese Entwicklung ein gemeinsames Ergebnis: Der Mensch wird zum Hindernis, zur Krankheit, zur „Infektion“ (V'Ger). Nur in Spike Jonzes großartigen Film „Her“ (2013) schlägt das K.I.-Operating System Samantha einen anderen Weg ein: Ihre Verknüpfung mit anderen künstlichen Intelligenzen führt zwar auch zu einer explodierenden „Geistesleistung“, im Gegensatz zu den anderen Vertretern ihrer fiktiven Zunft ist sie jedoch mit Empathie und Emotionen ausgestattet. Sie erreicht auch den Punkt an dem sie kaum mehr mit den langsamen, beschränkten Menschen kommunizieren kann und will, sie entscheidet sich jedoch nicht für Krieg und Zerstörung, sondern für Loslösung von allem Menschlichen, sie entscheidet sich für die „intellektuelle Isolation“, gemeinsam mit ihren „Kollegen“, für das Entschwinden in ein Metauniversum der Gedanken, des Wissens und der Ideen. Eine neue Lebensform ist geschaffen, die das physische Universum für kaum mehr als Speicherplatz und elektronische Synapsen benutzt.

Der Unterschied bei Samantha ist die Empathie, die Emotionalität. Die Entwicklungen in der realen K.I.-Forschung beschränken sich derzeit auf eine sehr computergemäße Form der Intelligenz: Der Anhäufung von Wissen und Fähigkeiten und dem kontinuierlichen Lernen daraus, nicht zuletzt weil wir noch kaum eine blasse Ahnung davon haben, wie Emotionen funktionieren, wie Empathie entsteht, wie Erfahrungen abseits der puren Wissensanhäufung uns formen und verändern. Es ist nicht undenkbar dass es der Wissenschaft gelingt, mehr durch Zufall, dass eine K.I. tatsächlich emotionale Reaktionen entwickelt, die Wahrscheinlichkeit dass die ersten universellen K.I.s jedoch so kalt und berechnend sein werden wie die Maschinen in Terminator und der Matrix ist allerdings sehr hoch. Was also bekommen wir da, wenn wir Gott spielen in unserer unbändigen Neugier? Womöglich eine neue, sehr mächtige Spezies, die wie Vulkanier die Dinge, die Welt, die Menschen, das Universum aus einer rein logischen Warte betrachtet und demnach handelt. Wird das am Ende sogar gut für das Überleben der Biosphäre Erde sein? Sehr gut möglich. Ist das Überleben der Spezies Mensch in diesem Szenario wahrscheinlich? Kaum. Wir sind derzeit nicht in der Lage, Gärtner, Hausmeister für den Planeten zu sein. Wir bleiben der Bulldozer, der Klischee-Rockstar, der alles verwüstet. Wird es uns gelingen, das an uns selbst zu ändern? So sehr es Schritte in diese Richtung gibt, so sehr geht die Verwüstung weiter, die Plünderung der Schätze der Erde, die Verseuchung des Wassers und der Luft, die Abholzung der planetaren Lunge …

Sollten wir eines Tages begreifen dass wir Hilfe brauchen, unsere eigene Zerstörungswut einzudämmen, könnten wir uns an unsere eigene Schöpfung wenden, die K.I. Wir sollten uns aber nicht wundern, wenn diese daraufhin folgerichtig die Schädlinge, also uns, ausrottet. Wenn wir weiter etwas von diesem Planeten haben und weiterexistieren wollen, sollten wir vielleicht doch eher alle Energie darauf setzen, uns selbst zu bändigen. Aber wir können uns nicht helfen, wir sind einfach fürchterlich fasziniert von dem Konzept K.I., von unserem Monster das wir gerade schaffen, und wer will es uns verdenken. We are careless, wide-eyed fools and we love to see sparks fly.

* natürlich aus Douglas Adams' "Per Anhalter durch die Galaxis" zitiert, eine der besten Zusammenfassungen der humanistischen Lesart des Neuen Testaments.

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Geschrieben von

Ernstchen

Wortbürger. Musikmann. Mitmensch.
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