Größtmögliches Kino

Film Actionreißer mit Materialschlachten gibt es wie Sand am Meer. Doch ab und zu bekommen wir wirklich "Großes Kino" geboten. Ab heute in Deutschland: "The Revenant"
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Größtmögliches Kino

Foto: Twentieth Century Fox

Als ich vor zwanzig Jahren in meiner Heimatstadt ins Kino ging, gab es noch Werbung in Dia-Form. Für lokale Geschäfte, Eis oder den berühmten Kinogutschein. Auf dem vergilbten Gutschein-Dia war ein schwarzweißer Charlie-Chaplin-Kopf zu sehen und der Preis 6,90 DM. Vor zwei Wochen sah ich den neuen Star-Wars-Film im Nürnberger Cinecittà (eines der größten Multiplexkinos Europas). Das Ticket für den „Deluxe-Kinosaal“ (Drinks und Snacks werden an den Platz geliefert, es gibt ein Begrüßungsgetränk und man kann seine Beine hochlegen) kostete satte 17 Euro. In Zeiten von Netflix, Amazon Prime, Bluray-Playern, 3D-Flachbildfernsehern, Beamern und illegalen Downloads im Internet stellt sich klar die Frage: Warum noch ins Kino gehen für horrende Preise? Oft genug ärgert man sich als Cineast dann dort auch noch über zu leisen Sound, schlecht eingestellte 3D-Projektoren mit permanenten Doppelbildern, verkratzte 3D-Brillen oder völlig überteuerte Getränke.

Früher, als man Kinofilme noch vornehmlich im regulären Fernsehen auf relativ kleinen Bildschirmen zu sehen bekam mit Werbepausen alle Viertelstunde, war der Impuls ins Kino zu gehen noch weit höher als das eigene Heimkino zu bevorzugen, auch wenn Videotheken begehrt waren und sich verbreiteten wie Bäckerkettenfilialen oder Dönerbuden. Heute kostet der Kinobesuch ein kleines Vermögen und die Verbreitung der Streaming-Dienste könnte die große Leinwand in ihrer Existenz bedrohen. Und doch hat das Kino derzeit Hochkunjunktur, zumindest im Bereich der großen, meist amerikanischen Special-Effects-Blockbuster. Die Superheldenfilme der Marvel- und DC-Studios, große Filmreihen wie Harry Potter, Star Trek, Star Wars oder The Hunger Games spielen Rekordumsätze weltweit ein.

Das ist sicher auch den höheren Preisen und dem 3D-Boom zu verdanken, wohl aber auch der visuellen Überwältigungsstrategie der großen Effektfilme. Mit jedem Marvel-Film wird die Action spektakulärer, in jedem Transformers-Film werden die Roboter größer und die Explosionen lauter. Es ist ermüdend und oft herzlich unkreativ. Das Blockbusterkino war stets ein sehr gemischtes Feld in Sachen Qualität und Invention. Oft gewinnt ein unoriginelles Malen nach Zahlen mit so viel CGI-Pomp wie nur möglich.

Ab und zu gelingt es den Filmemachern in den USA aber auch, die große Leinwand und die einzigartige sensorische Erlebniswelt des Kinosaals für wirklich beeindruckende visuelle Kunstwerke zu nutzen, die sich dennoch durch einen gewissen Massenappeal finanzieren lassen. Als 2009 James Cameron aus 12jähriger Abstinenz mit „Avatar“ zurück auf die große Leinwand kam, war das Ergebnis zwar sehr einfach gestrickt und durchschaubar was Story und Charaktere betraf, das Eintauchen in die komplett computergenerierte Welt von Pandora war jedoch ein singuläres audiovisuelles Erlebnis, das so beeindruckend war, dass der Film in den USA acht Monate lang in den Kinos lief und weltweit zum Film mit den meisten Einnahmen aller Zeiten wurde.

2013 gelang dem mexikanischen Regisseur Alfonso Cuarón mit „Gravity“ ein Film, in dem man regelrecht spürte wie unfassbar schön und fürchterlich einsam und lebensfeindlich der Weltraum ist. Ein Jahr später entführte uns auch Christopher Nolan ins All, durch Wurmlöcher und an schwarzen Löchern vorbei bis in die fünfte Dimension auf eine metaphysischere Suche nach unserem Platz im Cosmos. Für Filme wie „Interstellar“ ist die große Leinwand gemacht. Aber auch für George Millers „Mad Max: Fury Road“ (2015), der wahrscheinlich beste Actionfilm des jungen Jahrtausends. Ein vollkommen wahnsinniger Roadtrip durch eine postapokalyptische Wüstenlandschaft, bevölkert von verzweifelten, rasenden Figuren am Ende ihres Lateins.

Und nachdem J.J. Abrams in seinem sehr guten Star Wars Reboot nun auch die weit, weit entfernte Galaxie in die Welt der 3D-Großleinwand zurückgeholt hat, präsentiert uns ein weiterer Mexikaner nun einen ganz anderen Breitwand-Trip.

Alejandro Gonzáles Iñárritus „The Revenant“ läuft seit heute in den deutschen Kinos und ist ein brutaler Überlebenskampf, inszeniert in solch hineinsaugender Bildsprache, dass man die Schmerzen und die Kälte am eigenen Leib spürt, die Hugh Glass (Leonardo DiCaprio) in dieser gnadenlosen, niederschmetternden, ausweglos erscheinenden Geschichte erdulden muss um zu überleben. Emmanuel Lubezki, der mit seiner unkonventionellen, tanzend-taumelnden Kameraarbeit bereits solch außergewöhnlichen Filmen wie „The Tree Of Life“, „Children Of Men“, „Gravity“ oder „Birdman“ eine Bildsprache verpasst hat, die auf ihre Art eine Hauptrolle in den Filmen eingenommen hat, schwebt wie ein Insekt mit seiner Kamera an seine Protagonisten heran und an ihnen vorbei, zwischen ihnen hindurch und hinter ihnen her, dass man beinahe vor lauter Bewunderung über die Kamera den Bezug zum Geschehen verliert. Zum Glück nur beinahe. Bei der wohl meistdiskutierten Szene in diesem Film, als Glass von einem Grizzly attackiert wird, muss man zwar ganz ehrlich ungläubig den Kopf schütteln „wie zum Henker die das gemacht haben“, was im Bild passiert dominiert dennoch und geht durch Mark und Bein, und zwar wortwörtlich.

In einem für den Spiegel typischen Verriss (der Spiegel verreißt mittlerweile gefühlt jeden einzelnen Film) wurde „The Revenant“ Oberflächlichkeit vorgeworfen, doch ist das Gefühl vom reinen, nackten Überleben in der lebensfeindlichen Wildnis das, was der Film transportieren will. Keine moralischen Diskurse über Rassismus, Ausbeutung, Rache und Geldgier, sondern das nackte Überleben eines Zurückgelassenen, der alles verloren hat was ihm am Herzen lag.

Das ist das große Kino. Nicht die repetitiven Materialschlachten von „Transformers“, „Man Of Steel“ oder „Fast & Furious“. Erlebniskino, das einen in eine andere Welt entführt und sie physisch spürbar macht. Sei es die apokalyptische Wüste von „Mad Max“, die Begegnung mit dem schwarzen Loch Gargantua in „Interstellar“, das verzweifelte Schweben im Orbit bei „Gravity“ oder die eisig-brutal-schöne Landschaft von „The Revenant“. Und für diese Filme lohnt es sich immer, den größtmöglichen Kinosaal zu betreten und sich trotz horrender Eintrittspreise eine halbe Stunde lang sinnloser Werbung auszusetzen. Auch so fesselnde kleinere Filme mit faszinierender Bildsprache wie „Sicario“ (2015, Regie: Denis Villeneuve), „Under The Skin“ (2013, Regie: Jonathan Glazer) oder „Ex Machina“ (2015, Regie: Alex Garland) verdienen ihr Eintrittsgeld.

Eher generische Unterhaltungsfilme darf man sich ruhig ins Heimkino holen, doch den Werken die den Begriff „Großes Kino“ auch wirklich verdienen, sollte man die Ehre im Kinosaal erweisen.

Birgt die neue Medienwelt Gefahren für kleinere Filme, Arthouse-Kino, Skurrilitäten? Jein. Die großen Action-Blockbuster, besonders die großen Franchises (Transformers, Marvel, Star Wars, Hunger Games, Fast & Furious, Rocky, etc.) dominieren zwar den Markt wie eh und je, die kleineren Juwele finden dennoch ihr Publikum. Wenn nicht an den Kinokassen, dann doch im Heimkino. Und selbst wenn die illegalen Downloads eine Gefahr für das gesamte Filmbusiness darstellen, verbreiten sich auf diesem Weg auch Filme, die sonst vielleicht gar kein Publikum gefunden hätten und gewinnen dadurch doch noch nachträgliche Käufer und Unterstützer.

Dies ist nicht nur ein goldenes Zeitalter der TV-Serien, es ist auch eine große Zeit für das amerikanische Kino. Wenn man weiß, den Schrott zu umgehen.

PS: Demnächst laufen in Deutschland an: Tarantinos „The Hateful Eight“, der Börsencrash-Thriller „The Big Short“, das Transsexuellen-Drama „The Danish Girl“ (seit heute) und das Journalismusdrama „Spotlight“, alles aufgrund von überwältigender Kritikermeinung sehr empfehlenswerte Filme.

18:17 07.01.2016
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