„Antigone in Butscha“: Theater kann wirklich existenziell sein

Theatertagebuch Am Schauspielhaus Zürich hatte Stas Zhyrkovs „Antigone in Butscha“ Premiere. Der Abend war schwer auszuhalten – auch weil er zeigte, wie „schlafend“ wir angesichts dieses Krieges sind
Ausgabe 19/2023
Alina Kostyukova, Leonard Burkhardt und Annemarie Brüntjen in "Wie man mit Toten spricht"
Alina Kostyukova, Leonard Burkhardt und Annemarie Brüntjen in "Wie man mit Toten spricht"

Foto: Maximilian Borchardt

Als Russland im vergangenen Jahr mit dem Angriffskrieg auf die Ukraine begann, nahmen hierzulande einige Theater- und Kulturinstitutionen ukrainische Künstler*innen auf, damit sie in Sicherheit arbeiten und leben konnten. Daher sind nun vermehrt Arbeiten von ukrainischen Theaterschaffenden auf den Bühnen zu sehen. Dort erschüttern sie mit ihren eigenen Perspektiven auf den Krieg, ihrem Blick auf die Haltungen in Westeuropa, und sie transformieren mit ihren künstlerischen Erzählweisen das deutschsprachige Theater. So habe ich das wahrgenommen.

Am Nationaltheater Mannheim war vor Kurzem die Uraufführung von Wie man mit Toten spricht zu sehen, ein Stück der ukrainischen Regisseurin und Autorin Anastasiia Kosodii. Es ist ein autobiografischer Text, der Kosodiis im Krieg getöteten Freund*innen und ihrer Großmutter gewidmet ist. Hier wird vor allem erzählt: Vorsichtig, tastend und respektvoll messen die drei Schauspieler*innen, von denen eine ebenfalls aus der Ukraine geflüchtet ist, einen möglichen Erinnerungsraum aus. Denn dass die Toten durch das Leben bestimmt werden müssen und nicht durch ihren Tod, dass es die ethische Aufgabe ist, aktiv an das Leben der Verstorbenen zu erinnern, ist die Motivation dieses Texts.

So wird hier angesichts der Trauer auch manchmal nur geschwiegen oder Klavier gespielt, dann wieder in Erinnerungen geforscht. Auch an Bäume, Landschaften und Häuser wird gedacht, die nicht mehr existieren. Es war erschütternd, wie Theater hier plötzlich über sich selbst hinauswies, indem es zu einem stillen, theatralen Gedenkort wurde. Ein Zufluchtsraum, der Erinnerungen beherbergen kann, ohne abschließenden Applaus. Nur die an eine Wand projizierte Info: „Sie können den Saal jetzt verlassen.“

Unfassbarer Schmerz: „Antigone in Butscha“

Das ukrainische Kulturministerium hat auch einigen männlichen Künstlern erlaubt, zu fliehen, statt an die Front zu gehen. Auch für den Auftrag, im Ausland von der ukrainischen Sache zu berichten. Einer dieser Künstler ist der ukrainische Regisseur und ehemalige Intendant des Kiewer Left Bank Theatre Stas Zhyrkov. Er ist mit seinen Arbeiten zurzeit an der Schaubühne Berlin und am Düsseldorfer Schauspielhaus zu sehen. Seine Inszenierung von Antigone in Butscha, die am vergangenen Wochenende am Schauspielhaus Zürich Premiere hatte, ließ teilweise das gesamte Parkett schluchzen.

Herzstück dieses Abends sind filmische Szenen, die einen fiktiven Keller in Butscha zeigen, in dem sich die Schweizer Kriegsfotografin Antigone mit einer ukrainischen Frau anfreundet. Auf der Bühne wiederum wird gezeigt, wie die Kriegsbilder und -szenen, die zu uns dringen, medial verwertet werden. Diskussionen über die „Ästhetik von Gewalt“ in Kulturtalkshows etwa. So prallen radikal unterschiedliche Sichtweisen und Erfahrungen aufeinander. Diese Kollision ist es, die den Abend kaum aushaltbar macht, weil die Brüche schmerzhaft zeigen, wie unendlich weit entfernt dieser Krieg trotz allem für uns ist, wie „schlafend“ wir sind, wie es an einer Stelle heißt.

Vitalina Bibliv in "Antigone in Butscha"

Foto: Philip Frowein

Die ukrainische Schauspielerin Vitalina Bibliv spielte in den Videosequenzen mit einer solchen Wahrhaftigkeit, dass die Fiktion der Rolle vollständig in den Hintergrund trat. Der unfassbare Schmerz, der sich angesichts der Grausamkeiten, die in Butscha geschahen, tief in ihr Gesicht furchte – ich werde das nie vergessen.

Ich verstand, dass die ukrainischen Künstler*innen hier auch inszenieren und spielen, um nicht den Verstand zu verlieren. Dass Theater im wirklichen Sinn existenziell sein kann. Dass es auch dazu da ist, in der Kunst als Mensch zu überleben. Und dass wir viel erfahren können, wenn wir in diesen Fällen im Theater hinhören und zusehen.

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