Felix Werdermann
Ausgabe 1014 | 11.03.2014 | 06:00 12

Was die Atomlobby verheimlicht

Intransparenz Die gesundheitlichen Folgen von Fukushima dürfen von den Ärzten nicht einfach so offengelegt werden. Die Uniklinik braucht die Erlaubnis der Atomlobby-Organisation IAEA

Atomkraft und Öffentlichkeit schließen sich aus. Was würde passieren, wenn alle Bürger informiert wären, welche Schwachstellen ein Reaktor hat? Was, wenn selbst Kriminelle und Terroristen davon wüssten? Kraftwerksbetreiber und Regierungen sind daher in diesen Dingen seit jeher verschlossen. Aber auch wenn es um die gesundheitlichen Auswirkungen von Reaktorunfällen geht, ist es mit der Transparenz nicht weit her. Das hat Tschernobyl gezeigt, das zeigt Fukushima.

Eine unrühmliche Rolle spielt dabei die Internationale Atomenergiebehörde, IAEA. In der Satzung bekennt sich die UN-Organisation unmissverständlich zur Unterstützung der Atomenergie: „Die Behörde bemüht sich, den Beitrag der Kernkraft für Frieden, Gesundheit und Wohlstand weltweit zu beschleunigen und auszuweiten.“ Diese Behörde soll aber auch die gesundheitlichen Schäden von Atomunfällen aufarbeiten. Der Interessenkonflikt ist nicht zu übersehen.

Maulkorb möglich

Die IAEA hat 2012 ein Abkommen mit der Universitätsklinik Fukushima geschlossen, über die Zusammenarbeit bei der Dekontamination und den Gesundheitsuntersuchungen. Darin heißt es: „Die Parteien gewährleisten die Geheimhaltung von Informationen, die von der jeweils anderen Partei als gesperrt oder geheim eingestuft wurden.“ Die Atomkraftlobby der IAEA kann dem Krankenhaus also einen Maulkorb verpassen.

Bei Kritikern ruft das schlimme Erinnerungen hervor. Eine ähnliche Passage findet sich in dem Vertrag zwischen IAEA und der Weltgesundheitsorganisation WHO. Dort heißt es, beide Seiten „erkennen an, dass es notwendig sein kann, bestimmte Einschränkungen zur Wahrung geheimer Informationen anzuwenden“.

Nach dem Atomunfall in Tschernobyl gab es wohl Meinungsverschiedenheiten über die gesundheitlichen Auswirkungen. Aber die UN-Organisationen sprechen mit einer Stimme. Offiziell hieß es dann, man habe rund 6.000 Krebserkrankungen entdeckt, die wahrscheinlich auf die Strahlung zurückzuführen seien. Zum Vergleich: Die atomkraftkritische Ärzteorganisation IPPNW rechnet mit hunderttausenden Krebsfällen.

Über Fukushima gehen die Angaben ebenfalls auseinander. Während die IPPNW von mehr als 10.000 Erkrankungen ausgeht, erklärt die WHO, dass „keine beobachtbaren Anstiege der Krebsraten“ über das normale Niveau hinaus zu erwarten seien. Wie gründlich das untersucht wird, entscheidet dann womöglich die IAEA gemeinsam mit der Uniklinik.

Zehn Jahre Gefängnis für Geheimnisverrat

Und sollten der Regierung die Ergebnisse nicht passen, kann sie das unter Umständen mit dem neuen Geheimhaltungsgesetz unterbinden, das erst vor drei Monaten vom Parlament beschlossen wurde. Whistleblowern und Journalisten drohen bis zu zehn Jahre Gefängnis, wenn sie „bestimmte Geheimnisse“, die der nationalen Sicherheit dienen, weitergeben. Um welche Geheimnisse es geht, ist nicht genau definiert – gerade das schürt die Angst vor der Strafe. Könnten nicht auch beunruhigende Gesundheitsdaten eine Panik auslösen und damit die Sicherheit bedrohen?

Die atomkraftkritische Journalistin Oshidori Mako aus Japan berichtet, dass Informanten aus den Ministerien jetzt vorsichtiger seien. Auch als sie mit Müttern in der Nähe von Fukushima reden wollte, seien diese eingeschüchtert gewesen – weil Mitarbeiter des Nachrichtendienstes deren Autokennzeichen fotografiert hätten.

Oshidori Mako selbst fühlt sich ebenfalls unter Druck gesetzt – von der Politik, aber auch von der Wirtschaft. „Die Stromkonzerne haben solche Macht, weil sie die größten Sponsoren der Medien sind.“ Manche Redaktionen seien dazu angehalten worden, bei jedem atomkraftkritischen Artikel im Gegenzug mindestens drei atomkraftfreundliche Texte abzudrucken.

Und dann gibt es noch Toru Nakakita, den Journalisten der Japanischen Rundfunkgesellschaft, dessen atomkraftkritische Sendung aus dem Programm genommen wurde. Vom Sender hieß es dann, vor den Gouverneurswahlen in Tokio müssten „beide Seiten“ zu Wort kommen. Toru Nakakita kündigte wenige Tage später den Job.

 

 

Dieser Beitrag erschien in Ausgabe 10/14.

Kommentare (12)

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Ehemaliger Nutzer 11.03.2014 | 11:11

Was in Japan mit den Menschen gemacht wird ist unter aller Kanone und zeigt wie Menschen- und Lebensfeindlich die Kapitalisten(Großaktionäre) eingestellt sind. Ich empfinde die Intransparenz als diktatorisch und grob-, ja geradezu dümmlich, Fahrlässig und im höchsten Maße gewalttätig, angesichts der gigantischen und in den Auswirkungen unabsehbaren von Kapitalisten gemachten atomaren Katastrophe die eine weltweite Katastrophe nach sich ziehen kann, da gigantische Radioaktivität tagtäglich freigesetzt wird und niemand bis heute sagen kann wo die geschmolzenen Kerne überhaupt sind.

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Ehemaliger Nutzer 11.03.2014 | 11:52

Da ist es im aufgeklärten Westen aber viel einfacher:

Wer nicht raucht, bekommt auch keinen Krebs. Und was man nicht weiß, macht einen nicht heiß, wies so schön heißt.

Gegen Tschernobyl-Niederschläge auch HIERZULANDE haben die Leute damals einfach das Gemüse gründlicher gewaschen und auf Rohkost verzichtet, Motto: das Atom koch ich ab.

Goldene Zeiten.

Meyko 11.03.2014 | 13:24

Neue Empfehlungen der Strahlenschutzkommission auch in Deutschland.

Die Kommission, die das Umweltministerium berät, schlägt vor, im Falle eines schweren Atomunfalls mit radioaktiver Strahlung das Gebiet in einem Radius von etwa fünf Kilometern um das Kernkraftwerk innerhalb von sechs Stunden vollständig zu evakuieren. Bislang hat diese sogenannte Zentralzone einen Radius von zwei Kilometern. Die daran anschließende "Mittelzone" soll von zehn auf 20 Kilometer ausgeweitet werden. Hier sei die Evakuierung so zu planen, dass sie innerhalb von 24 Stunden nach dem Katastrophenalarm abgeschlossen werden könne. Und Jodtabletten gibts umsonst...

Reinhold L. 11.03.2014 | 17:21

Ich sitze hier im Zug, lese diesen Artikel und schlagartig wird einem (wieder) bewusst, dass sich diese perfiden Auswüchse von Lobbyismus und Kapital, bis in den letzten Winkel ausgebreitet haben! Diese Zustände werden das Ende der menschlichen Zivilisation bedeuten - ausnahmslos.

Wie ich dabei empfinde? Keine Gnade! Wir hatten unsere Chance...

h.yuren 11.03.2014 | 20:12

Whistleblowern und Journalisten drohen bis zu zehn Jahre Gefängnis, wenn sie „bestimmte Geheimnisse“, die der nationalen Sicherheit dienen, weitergeben

lieber felix,

das recht der freien meinungsäußerung sollte nicht überbewertet werden, nicht wahr? jeder staat und jeder großkonzern hat ein legitimes interesse daran, dass die staats- bzw. betriebsgeheimnisse unter verschluss bleiben. is doch klar, nicht wahr?

wenn die uno-abteilungen staatsfromme vereinbarungen treffen, darf das niemanden wundern. die uno ist ein verein der staaten der erde. deren interessen gilt es zu wahren. andere interessen wie menschenrechte dienen eher der propaganda.

die konkurrenz wartet nicht, bis ein geheimnis herauskriecht aus dem staat oder konzern. sie hilft nach.

das menschenfeindliche regime der staaten und konzerne wird nicht erst in kriegen sichtbar, sondern schon im sogenannten frieden, nämlich bei der geheimhaltung zum zwecke des verrats der menschen, die nicht wissen sollen, was ihnen blüht, damit das gefährliche treiben ungestört weitergehen kann.

übrigens hat heute jürgen döschner das ergebnis von wdr-recherchen veröffentlicht. danach haben die abenteuerlichen experimente mit der sogenannt friedlichen nutzung der atom-energie bisher eine billion euro gekostet. kein experiment war teurer als dieses. berechnet wurden nicht nur die schäden durch die katastrophen von tschernobyl und fukushima, sondern auch so kostbare versuche wie der von kalkar oder der von hamm-uentrop.

wo die kontrolle durch sachverstand und absolute ethik fehlen, wird das riskante und verschwenderisch teure treiben vorläufig weitergehen. wie ja auch die staatsausgaben und konzernverluste nicht aufhören.

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Ehemaliger Nutzer 12.03.2014 | 10:19

Sie untertreiben. Selbst im Regelbetrieb "diffundiert" genug Tritium, Krypton und Jod aus dem Konstrukt, dass es relevante Veränderungen gibt, die sie auf den Säuglingsstationen der in der Nähe befindlichen Krankenhäuser oder durch Gespräche mit Tierärzten evaluieren können.

Im Zweifel machen Sie es analog, sägen die oben 2 cm von Zaunpfählen ab und messen. Sie würden aus dem Staunen nicht mehr herauskommen.

Johannes Renault 13.03.2014 | 23:58

Ist man nicht schon seit Jahren erstaunt über die unfassbaren Zustände der Rettungsaktionen um Fukushima?

Mit Godzilla-haften Ideen sammeln dort Kamikaze-Obdachlose das verstrahlte Kühlwasser in riesigen Wassertanks!

Nach der Reinigung (!) wird es dann in das Meer gekipt. Klar, dann ist es ja gereinigt.

Jetzt will man dort das Erdreich um das Werk vereisen! Wow, Super-Godzilla-Idee-Nr.2! Dann kann das verstrahlte Todes-Grundwasser ja nicht mehr weiter fliessen, wie die letzten 20000 Monate.

Gott sei dank ist es in Japan, Gott sei dank interessiert es uns nicht so dolle. Die paar Leukämie Fälle mehr pro zig-Einwohner weltweit kratzen auch nicht weiter.

Gott, lass die Japaner beim Sake von der Bierbank stürzen. So, das war jetzt mein Protest zum Thema Fuckyoushima.