Das Glamourpaar

Science-Fiction Die Vorlage für Fritz Langs „Metropolis“ ist wieder erschienen: Thea von Harbous gleichnamiger Roman
Florian Schmid | Ausgabe 06/2015

Er gilt als eines seiner Meisterwerke. Doch als Fritz Langs Metropolis, der erste Science-Fiction-Film in abendfüllender Länge, 1927 in die Kinos kam, floppte er. Die zweieinhalbstündige Fassung wurde daraufhin gekürzt, dabei wurde Filmmaterial zerstört. Erst 2010 konnte durch eine in Argentinien gefundene Kopie die Originalversion weitgehend wiederhergestellt werden.

Weniger bekannt ist, dass die literarische Vorlage und das Drehbuch Metropolis von Langs damaliger Ehefrau Thea von Harbou stammen. Der lange vergriffene Roman aus dem Jahr 1926 wurde jetzt im Wiener Milena Verlag neu aufgelegt. Thea von Harbou war bereits eine erfolgreiche Schriftstellerin, als sie 1922 den zwei Jahre jüngeren Fritz Lang heiratete. Als Drehbuchautorin hatte sie schon für Friedrich Wilhelm Murnau gearbeitet, für Lang schrieb sie unter anderem die Skripts zu Dr. Mabuse und M – Eine Stadt sucht einen Mörder. Harbou und Lang galten als Glamourpaar der 20er Jahre, 1933 wurde die Ehe geschieden, Lang ging ins Exil, Harbou drehte in Deutschland Propagandafilme für die Nazis.

Der Roman Metropolis unterscheidet sich in dramaturgischer Hinsicht kaum vom Film. Wobei der Urtext im Gegensatz zum Stummfilm sehr wortreich ist: zum Beispiel die Diskussionen zwischen dem Herrscher von Metropolis, dem Chefkapitalisten Joh Fredersen, und seinem Sohn Freder. Oder die Ansprachen der Arbeiterführerin Maria beziehungsweise die Hetztiraden ihres Klons und die von der Kanzel des Doms dramatisch angekündigte Apokalypse.

Letztgenannte Szene kam im ursprünglichen Film vor, ist aber noch verschollen, sodass sich mit Hilfe des Romans die Lücken in der heute bekannten Leinwandadaption praktisch bei der Lektüre auffüllen lassen. Insofern ist das Buch für jeden Metropolis-Fan ein Gewinn.

Der eigentliche Protagonist in Buch und Film ist die titelgebende, 50 Millionen Ein-wohner zählende Stadt mit ihren quasi-menschenfressenden Maschinen. Die Arbeit an den Maschinen ist Ausdruck eines brutalen Unterdrückungsregimes. Der Science-Fiction-Schriftsteller H. G. Wells ärgerte sich deswegen über Metropolis und bezeichnete das Werk in seiner Filmkritik in der New York Times seinerzeit als den dümmsten Film, den er je gesehen habe. Metropolis symbolisiere nicht die moderne Stadt. In den 20er Jahren seien die Arbeiter in die Peripherie gezogen und weniger Sklaven als, entsprechend dem Diktum Henry Fords, gut entlohnte Käufer der Industrieprodukte.

Neben Wells’ berechtigter Kritik fällt auf, dass die Arbeiter in ihrer maschinenstürmerischen Revolte als irrationale und sozial verwahrloste Meute in Szene gesetzt werden, die ihre Kinder in der Unterstadt ersaufen lässt, während sie blindwütig die Glitzermetropole kaputt haut. Diese Darstellung des widerständigen Arbeiters zu einer Zeit, als SPD und KPD in Deutschland bei Wahlen mehr als 40 Prozent der Stimmen bekamen und Arbeiterprotest eine gesellschaftspolitisch fast mehrheitsfähige Position war, belegt eine eigenwillige sozialkritische Sicht.

„Mittler zwischen Hirn und Händen muss das Herz sein“, schrieb Harbou über das sozialpartnerschaftliche Happy End des Films, in dem die Arbeiter und der Herrscher von Metropolis durch Junior Freder ausgesöhnt werden. Fritz Lang kommentierte später, dass sich mit dieser Grundaussage „kein gesellschaftlich bewusster Film machen“ lässt.

Gleichzeitig nimmt Metropolis Entwicklungen der Nazizeit vorweg. „Im Gesicht der Masse stand abergläubische Furcht. Wille zur letzten Vernichtung stand im Gesicht der Masse“, heißt es im Roman. Und im kitschigen Schluss wird jener volksge-meinschaftliche Konsens in Aussicht gestellt, der etwas später Fundament nationalsozialistischer Herrschaft war.

Buch

Metropolis Thea von Harbou Milena Verlag 2014, 272 S., 24,90 €

06:00 18.02.2015
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