Jörg Friedrich
30.08.2012 | 14:38 8

Sterne sehen

Wundersamer Alltag Wissen, das vor Jahren noch Eindruck machte, hat an Wert verloren, seitdem immer und überall das Internet verfügbar ist. Aber wirkliches Wissen glänzt weiter

Sterne sehen

Das ist der Meteoriten-Schauer Perseiden! Wirklich? Eine Smartphone-App weiß es mit Sicherheit

Foto: Flickr

Lauer Sommerabend, klares Wetter, Freunde und Fremde stehen plaudernd zusammen. Die ersten Sterne erscheinen am Firmament. Das war über Jahre der Moment, wo man sich neben eine Party-Besucherin stellen konnte und wissend in Richtung Himmel deutend sagen konnte: "Sehen Sie? Jupiter. Und dort drüben: Saturn." Wissen über den Sternenhimmel, Sternzeichen, Doppelsterne, Planetenkonstellationen – damit konnte man lange Zeit beeindrucken und im wahrsten Sinn des Wortes "Nähe schaffen" – doch das ist vorbei.

Als ich neulich in so einer warmen Sommernacht wieder einmal die Gelegenheit ergriff, zückte meine Gesprächspartnerin ihr Smartphone, richtete die Kamera auf den leuchtenden Punkt, den ich gerade stolz als Jupiter identifiziert hatte und sagte "Wega". Ein Wort, das meine jahrzehntelange Gelehrtheit über Sterne und Planeten in lauen Sommernächten wertlos machte. Aus unserem Gespräch über Sterne wurde ein Gespräch über Smartphone-Apps und jeder, der schon einmal ein solches Gespräch geführt oder ihm gelauscht hat, weiß, dass dabei niemals Nähe entsteht.

Man kann die mobile Verfügbarkeit von Informationen – so zeigt es das Beispiel – als Emanzipation von neumalklugen Besserwissern interpretieren. Niemand muss sich mehr die Sterne vom Himmel herunter erzählen lassen. Andererseits sind Party-Gespräche über Sterne und Planeten nicht als Lehrveranstaltungen konzipiert, es kommt weniger auf die einzelnen Fakten als auf den angenehmen Fluss des Gesprächs an.

Trotzdem  verweist der Fall auf einen Trend, der gegenwärtig häufig sichtbar wird: Die Entwertung von erstaunlichem persönlichen Wissen und beeindruckenden individuellen Fähigkeiten durch Dienste, die jeder durch ein kleines mobiles Gerät an fast jedem Ort nutzen kann. Bewunderte man vor Jahren noch den Berliner Taxifahrer dafür, dass er jede Straße der Stadt kannte und den schnellsten Weg dorthin wusste, prüfen wir heute mit einer Navigations-App auf dem Handy, ob der Fahrer auch die preiswerteste Route wählt.

Irrtum, Großmäuligkeit oder Hinterlist

Jemandem am eigenen Wissen teilhaben zu lassen, baut Nähe und Vertrauen auf, sei es zum anderen Partygast oder zum Taxifahrer. Das Smartphone erlaubt uns und provoziert uns geradezu, solches Wissen in Zweifel zu ziehen – Misstrauen entsteht, weil wir im Einzelfall den simplen Irrtum nicht von Großmäuligkeit oder Hinterlistigkeit unterscheiden können. Meine Zufallsbekanntschaft in der Sommernacht kann mich, weil ich den Stern Wega für den Planeten Jupiter hielt, für einen schlichten Angeber halten, der Taxifahrer, der eine andere als die vom Smartphone vorgeschlagene Route nutzt, wird dem Vorwurf der Geldschneiderei ausgesetzt.

Aber das mobile Telefon, mit dem Internet verbunden, liefert immer nur Daten und Fakten, und kein Wissen. Deshalb hat der Taxifahrer gar kein Problem, wenn er mit dem Vorwurf konfrontiert wird, die falsche Strecke gefahren zu sein: Er weiß, wo die Staus in der Stadt wirklich sind, er hat eigene Erfahrung darin, wie schnell man auf einer Abkürzung voran kommt. Er kennt seine Stadt nicht besser, sondern anders als sein Internetunterstützter Passagier.

Und genauso ich an jenem Sommerabend. Natürlich konnte ich erklären, wie es sein konnte, dass ich mich irre. Und wie schade es ist, dass es Wega ist und nicht Jupiter, davon konnte ich auch berichten. Schließlich ist der Jupiter von Monden umgeben, die man mit einem Feldstecher schon erkennen kann – und das sollte man, in lauen Sommernächten, unbedingt einmal gemeinsam ausprobieren.

Jörg Friedrich geht immer donnerstags in seiner Kolumne "Wundersamer Alltag" seinem ganz alltäglichen Staunen über die Welt nach. Denn alle Philosophie beginnt beim Staunen. Und alle Veränderung mit einem Wundern. Vergangene Woche fragte er nach dem Unterschied zwischen Bundesverfassungsgericht und Königshaus.

Kommentare (8)

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Ehemaliger Nutzer 30.08.2012 | 16:43

Was an Wert gewonnen hat, ist Überblick- und Zusammenhangwissen, sowie persönliche Erfahrungen. Das gibts zwar auch alles im Internet, aber es ist doch erheblich schwieriger einen 2000 Worte langen wiki-Artikel mal eben Ad Hoc zu durchkämmen.

Dafür kann man (wie das Jupiter-Beispiel) viele Irrtümer schnell ausräumen. Ich halte das für positiv. Und wenn wir ehrlich sind: das analysieren von Sternbildern usw. war schon immer SmallTalk, ebenso wie heute eben über Apps geredet wird.

Meyko 30.08.2012 | 17:46

"Aber wirkliches Wissen glänzt weiter"

"Wie oft war Italien Weltmeister? Und wie oft Deutschland? Darüber gerieten während der WM ein Frührentner und zwei Italiener in einer Kneipe in Hannover in Streit. Der Deutsche ging kurzerhand nach Hause, holte eine Waffe und erschoss die beiden anderen." (Spiegel.de)

Heute würde er vermutlich die "Seite seines Vertrauens aufrufen"...

Das wirkliche Wissen ist größtenteils im Internet überprüfbar und glänzt vermutlich auch ab und an. Klugscheißer, Dummschwätzer und Angeber werden sich irgendwann zurückhalten müssen, oder aber ihre Erzählungen von vornherein als "Geschichten" kennzeichnen. Rechthaberreien können relativ schnell aufgelöst werden und es hat nicht unbedingt der Stärkere oder Lautere das Definitionsrecht.

Insgesamt doch eine positive Entwicklung.

Lethe 31.08.2012 | 15:43

ich bin bereits in einem Alter, in dem ich mich auf mein Detail-Gedächtnis nicht mehr 150prozentig verlassen kann, das schnelle Nachschlagen hat unter diesem Aspekt durchaus seinen Wert. Andererseits bin ich bereits in einem Alter, in dem reduzierte Detailgenauigkeit keine grundlegende Revision meines Allgemeinwissens notwendig macht, 80% dieses Wissens sind bullet-proof. Desweiteren bin ich in einem Alter, in dem mein Verständnis für Zusammenhänge ein Ausmaß erreicht hat, das irgendein Spezialist erst mal übertreffen soll. Und last not least bin ich auch schon in einem Alter, in dem ich es nicht mehr notwendig habe, Gespräche mit dem Versuch, zu beeindrucken zu starten^^

lebowski 02.09.2012 | 14:06

Vielwisserei lehrt nicht, Verstand zu haben. (Heraklit)

Die Entwertung von Faktenwissen finde ich ich nichts so schlimm; schlimm finde ich im konkreten Fall, dass Gespräche nur noch häppchenweise möglich sind, da jeder Gesprächspartner zwischendurch auf sein dummes Smartphone-Display starren muss, um den neuesten Sch.. in Erfahrung bringen. Das Smartphone ist der Tod jeder Gesprächskultur. Und die Zahl der Technikverweigerer, die ich persönlich kennen gelernt habe, kann ich an einer Hand abzählen.

drhwenk 02.09.2012 | 15:56

1) Das ist eben die Wegrationalisierung des technsicheh Fortschrits

2) Wohl und Wehe: DER FAJKTENHUBEREI!!!

3) Das "Sottern" und "Wegwaschen" in der großen Stadt, (Weltmotropole Erde), noch des allertiefsten und allerkomplexesten Wissens.

Leider begreifen die Intellektuel gar nciht was alles GEGEN sie, zu ihrer Entwertung sowohl "automatisch" läuft als auch geamcht wird. Abder sie hetzen sich völig deprtessiv aufeiandeer los - und peitscbhen sich mit wachsenden "Wissysenleistungsforderungen" gegenseituijh dun inerlih halab bis ganz tot. WohlverstandeN: Die Hüter des "Wissens" AUCH DARUM.

Ich habe noch kein Grund zur Abekhr von der Verzweifelung gefunden (Nietzscheumkehrung).

(PS: Wenn das unserer jahrzehntausendlang Steunzeit-Vorfahren begriffen in seiner ganzen Dimesnion - die würden uns kommentarlos erschlagen ). Hier die Erklärung. Der Mesnch gewöhnt sicn sehr schnell an alles (Plastizität des Gehirns - Wehe und (ganz kleines Wohl).