Lockerbie: Neues Berufungsverfahren

Libyen/GB/Lockerbie. Dokumente, die Megrahis Unschuld beweisen, werden nicht freigegeben. Dennoch entlarven neue Ermittlungen die Verurteilung von Megrahi als „spektakulären Justizirrtum“.
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Der Libyer Abdelbaset Megrahi war am 31.01.2001 vor einem schottischen Gericht in den Niederlanden zu einer lebenslangen Freiheitsstrafe verurteilt worden. Er wurde beschuldigt, 1988 eine Bombe in die PanAm-Maschine geschmuggelt zu haben, die über Lockerbie explodierte. Beim Absturz der Maschine kamen 270 Menschen ums Leben. Megrahi verbrachte acht Jahre im Gefängnis, bevor er 2009 wegen einer unheilbaren Krebserkrankung entlassen wurde. Eine ZDF-Fernseh-Dokumentation zog schon 2013 Bilanz und stellte die Frage: „War der verurteilte Libyer Megrahi nur das Bauernopfer eines weltpolitischen Spiels westlicher Geheimdienste und Regierungen?“ Aufgrund des Lockerbie-Urteils wurden Libyen schwere UN-Sanktionen auferlegt, die dem Land Verluste in Milliardenhöhe verursachten.

Die Schottische Kommission zur Überprüfung von Kriminalfällen (Scottish Criminal Cases Review Commission - SCCRC) hat am 11. März 2020 entschieden, dass eine Berufung beim höchsten schottischen Strafgericht gegen das damalige Urteil posthum von der Familie al-Megrahis eingelegt werden darf, denn es lägen Hinweise auf einen möglichen damaligen Justizirrtum unter anderem aufgrund eines „unangemessenen Urteils“ vor.

Laut dem britischen Guardian folgten in dem gerade laufenden Berufungsverfahren die Richter der Argumentation des britischen Außenministers Dominic Raab und gaben Lockerbie-Dokumente, die zur Aufklärung des Falles beitragen und die Unschuld von Abdelbaset Megrahi belegen könnten, nicht frei, obwohl selbst Außenminister Raab zugestand, dass die Dokumente für die Berufung relevant seien.

Laut dem Guardian handelt es sich dabei um Dokumente, die vermutlich von König Hussein von Jordanien nach dem Lockerbie-Bombenanschlag von 1988 an die britische Regierung geschickt worden waren. Vermutlich belegen diese Dokumente, dass ein jordanischer Geheimdienstmitarbeiter namens Marwan Khreesat, der der Volksfront für die Befreiung Palästinas (PFLP-GC) angehörte, die Lockerbie-Bombe gezündet hat. Diese Dokumente wurden jedoch nicht freigegeben, weil sie der nationalen Sicherheit Großbritanniens schaden könnten. Sie würden die Verbindung zwischen Großbritannien und anderen Staaten zum Zwecke der Terrorismusbekämpfung und das Sammeln nachrichtendienstlicher Informationen beeinträchtigen.

Schon lange wird vermutet, dass auch der Iran hinter dem Lockerbie-Anschlag steckte. Der Iran soll damit Rache für den Abschuss eines iranischen Passagierflugzeugs durch die USA genommen haben, bei dem alle 290 Passagiere den Tod fanden. Es wurde immer wieder der Verdacht geäußert, dass auch westliche Geheimdienste in das Lockerbie-Attentat verwickelt waren.

Im weiteren Verlauf der Berufungsverhandlung sollen noch Beweise vorgelegt werden, dass die US-Regierung dem damaligen Hauptbelastungszeugen und seinem Bruder für ihre Zeugenaussage heimlich insgesamt drei Millionen US-$ Dollar gezahlt haben.

In diesem Zusammenhang vielleicht nicht ganz uninteressant ist ein bei Wikipedia noch heute zu lesender Text, der einmal mehr aufzeigt, wie mit dreisten Lügen Libyen und dem damaligen Machthaber Muammar al-Gaddafi geschadet werden sollte. Demnach hat der ehemalige libysche Justizminister Mustafa Abdel Dschalil der schwedischen Zeitung Expressen im Februar 2011 gesagt: „Ich kann beweisen, dass Gaddafi den Befehl für Lockerbie gegeben hat“. Diesen Beweis ist Dschalil bis heute schuldig geblieben. Tatsächlich beweist diese Aussage Dschalil nur eines, nämlich wie unglaubwürdig Mustafa Abdel Dschalil ist.

Die Regierungen Großbritanniens und Schottlands fechten die Berufung der Familie Megrahis an.

Abdelbaset Megrahi - Der Film „Lockerbie. Case closed“

Der ehemalige polizeiliche Ermittler George Thompson hatte Megrahi noch kurz vor seinem Tod in Libyen besucht, begleitet von den Filmemachern William Cran und Christopher Jeans. Thompson ging den Unstimmigkeiten bei der damaligen Beweisaufnahme nach. Wie ein Guardian-Artikel vom 24.11.2020 darlegt, wurden die in dem Film nachgewiesenen Unstimmigkeiten jetzt weitgehend vom Berufungsgericht bestätigt. Megrahi, der noch auf dem Sterbebett seine Unschuld beteuerte, wurde Opfer eines himmelschreienden politischen Unrechtsurteils.

Der erschütternde Film von William Cran und Christopher Jeans von 2012 ist auf Youtube zu sehen:

https://youtu.be/XxMfxYUP6VI

George Thompson war von Megrahis Verteidigerteam beauftragt worden, den Fall Lockerbie noch einmal zu untersuchen. Bei der Durchsicht der Beweismittel stieß er auf massive Unstimmigkeiten. Wie in dem Film eindrücklich dargelegt, gelingt es Thompson, die gerichtliche Beweiskette zu sprengen. Zutiefst berührend ist das Gespräch mit dem todkranken, seine Unschuld beteuernden Megrahi, der dem, der ihn mit seiner Falschaussage hinter Gittern brachte, vergibt.

Die Filmemacher folgen Thompson auf der Spurensuche von Schottland über Malta bis in die Schweiz und nach Libyen. Thompson spricht mit Anwälten, Zeugen und Sachverständigen. Er weist die Unhaltbarkeit der gegen Megrahi erhobenen Anschuldigungen nach und zerlegt die Beweisführung der schottischen Staatsanwaltschaft.

Ein in Glasgow erstellter, aber nicht veröffentlichter SCCRC-Bericht (Scotish Criminal Cases Review Commission) führt sechs Gründe an, warum die Verurteilung Megrahis durch ein Fehlurteil zustande kam. Laut dem Chef von SCCRC, Jared Sinclair, wurde es den Kommissionsmitgliedern, die von den Gerichten und der Regierung unabhängig sind, 1995 verboten, diesen Bericht zu veröffentlichen. Laut der Anwältin Maggie Scott, die Megrahis Verteidigungsteam leitete und in dieser Funktion Einsicht in den Bericht hatte, durfte der Bericht nicht einmal vom schottischen Justizminister gelesen werden.

In Edinburgh sagte die Vorsitzende des Justiz-Komitees des schottischen Parlaments, Christine Graham: „Erst wenn man diesen Bericht gelesen hat, beginnt man zu verstehen, was wirklich geschehen ist.“

Der Inhalt eines Samsonite-Koffers

Die Ermittler hatten auf der Absturzstelle der PanAm-Maschine einen braunen Samsonite-Koffer gefunden, in dem sich die Bombe zusammen mit einigen Kleidungsstücken befunden hatte. Die Bombe selbst bestand aus 450 Gramm hochexplosivem Sprengstoff und einem Zeitzünder, eingebaut in einem Toshiba-Radiokassettenrekorder.

Ein Kleidungsgeschäft auf Malta

In den Kleidungsstücken fanden sich Etiketten, die die damaligen Ermittler zu einer Bekleidungsfirma auf Malta führten. Aus deren Büchern ging hervor, dass die Ware im November 1988 an ein kleines Bekleidungsgeschäft namens Mary‘s House geliefert worden war. Der Inhaber des Ladens war Tony Gauci, der spätere Hauptbelastungszeuge gegen Megrahi. Am 1. September 1989, also neun Monate nach dem Anschlag, sagte Gauci in einer ersten Aussage über den Kauf: „Es war etwa halb sieben, kurz vor Ladenschluss. Der Mann benahm sich merkwürdig, deshalb kann ich mich an ihn erinnern. Er fragte nach einem Jackett und als ich ihn nach der Größe fragte, sagte er, es ist nicht für mich. Ich suchte Hosen heraus und fragte ihn nach der Größe. Und er sagte: Mehr oder weniger meine Größe. Es war, als ob alles, was ich ihm anbot, von ihm auch gekauft wurde. Ich zeigte ihm auch einen schwarzen Regenschirm und er kaufte ihn.“ Den Regenschirm habe er nach Verlassen des Ladens sofort aufgespannt, weil es draußen regnete.

Die dubiosen Aussagen des Herrn Gauci

Der Ladenbesitzer Gauci beschrieb den Käufer als „six Feet“ [etwa 1,80 m] groß oder größer. Er habe eine breite Brust und einen großen Kopf gehabt. Sein Haar sei sehr schwarz gewesen, es selbst dunkelhäutig; er habe libysch gesprochen, er sei aus Libyen gewesen. Später suchte Gauci ein Polizeirevier auf und fügte seiner Aussage neue Details hinzu. Der Käufer habe etwa „16 1/2 oder 17 Inch [etwa 42 cm] Halsumfang“ gehabt und sei etwa 50 Jahre alt gewesen. Nach dieser Beschreibung wurde ein Phantombild angefertigt, das keinerlei Ähnlichkeit mit Megrahi aufweist. Megrahi war bedeutend kleiner, fünf Feet [etwa 1,60 m] groß, bedeutend jünger, nämlich erst 36 Jahre alt, und hellhäutig.

Megrahi hatte in seiner Funktion als Sicherheitschef von Libyan Arab Airlines häufig Malta besucht. Aus den Eintragungen in der Hotelregistration geht hervor, dass der einzige Tag, der laut den Aufenthaltsdaten von Megrahi als Kauftag in Frage kommt, der 7. Dezember 1988 war.

An der Absturzstelle in Lockerbie war auch ein von der Bombe zerfetzter schwarzer Schirm gefunden worden, der nach Malta zurückverfolgt werden konnte. Der Ladenbesitzer Gauci hatte ausgesagt, es habe geregnet und der Käufer habe sogleich den bei ihm neu gekauften Schirm aufgespannt. Nur, nach den Aufzeichnungen des Meteorologen Major Massou hat es am 7. Dezember zwischen fünf und sieben Uhr abends im Stadtteil Lima (Malta) mit 90 prozentiger Wahrscheinlichkeit nicht geregnet.

Es gibt ein Protokoll, laut dem Gauci sagte, der Tag, an dem der Kauf stattfand, sei der 29. November gewesen. Er könne sich erinnern, weil er an diesem Tag Streit mit seiner Freundin hatte. Aber: Der einzige Tag, der für einen Besuch von M. im Laden von G. in Frage gekommen wäre, war der 7. Dezember. Dieses Protokoll lag der Anklage vor und wurde nicht an die Verteidigung weitergereicht.

Der Ermittler Thompson führte mit einem weiteren wichtigen Zeugen, Dr. Miachael Rifalow, dem maltesischen Tourismusminister, ein Gespräch. Laut Aufzeichnungen von Dr. Rifalow wurde die Weihnachtsbeleuchtung in der Stadt erstmals am Dienstag, den 06.12.1988, um 5:30 Uhr, eingeschaltet. Folglich hätte sie am 07.12., der einzige Tag, an dem laut der Hotelregistrierung Megrahi den Bekleidungsladen hätte aufsuchen können, gebrannt haben müssen. Auch hier findet sich ein Widerspruch zu der Aussage Gaucis, der behauptete, an dem Tag, als Megrahi seinen Laden besuchte, sei die Weihnachtsbeleuchtung nicht an gewesen. Die Ermittler hatten sich 1988 gar nicht erst bemüht herauszufinden, wann die Weihnachtsbeleuchtung eingeschaltet worden war.

Gauci hatte behauptet, Megrahi sei am 29. November bei ihm im Laden gewesen und es habe geregnet. Die städtische Weihnachtsbeleuchtung sei noch nicht angeschaltet gewesen. Der einzige Tag, an dem Megrahi laut Hotelregister bei Gauci im Laden gewesen sein könnte, war aber der 7. Dezember. Am 7. Dezember brannte bereits die Weihnachtsbeleuchtung und an diesem Tag hatte es aller Wahrscheinlichkeit nach nicht geregnet.

Die falsche Identifizierung Megrahis

Der Prozess gegen Megrahi, den angeblichen Lockerbie-Bomber, fand in den Niederlanden statt. Zu diesem Zweck war extra ein neues Gebäude errichtet worden, das unter schwerer Bewachung stand.

Dokumente, die Megrahi entlastet hätten oder die ausländische Geheimdienste dem britischen Geheimdienst zur Verfügung gestellt hatten, wurden Megrahis Anwälten vorenthalten. In den Dokumenten, die ihnen ausgehändigt wurden, war fast alles geschwärzt.

Wiederholt wurden Gauci Fotografien von Verdächtigen gezeigt. Dabei sei enormer Druck auf Gauci ausgeübt worden, worüber sich der berufserfahrene Superintendant Ian McKee besorgt geäußert hatte und meinte, es werde von Anfang bis Ende betrogen.

Der Film zeigt Originalaufnahmen von der Gegenüberstellung, die am 13.4.1999, also zehn Jahre nach dem Einkauf auf Malta, stattfand. Alle Teilnehmer hatten arabisches Aussehen und trugen den gleichen Overall. Megrahi musste sich mit ihnen in einer Reihe aufstellen. Überraschender Weise konnte Gauci ihn ohne Zögern nach zehn Jahren und nur einmaligem Sehen als diejenige Person identifizieren, die 1988 in seinem Laden eingekauft hatte, obwohl er ihn in bei der ersten Befragung völlig anders beschrieben hatte. Erst später fand die Kommission heraus, dass Gauci ein Foto von Megrahi in der Illustrierten Focus gesehen hatte, wo dieses in Zusammenhang mit dem Bombenattentat veröffentlicht worden war.

Kein Hemd, ein beiges Hemd, ein graues Hemd

Zurück zur Absturzstelle nach Lockerbie. Dort hatte die Polizei auch Fetzen eines grauen Hemdes gefunden, an dessen Kragen kleine Teilchen einer Platine anhafteten, die zum Zeitzünder der Bombe gehörten. Dieses Hemd war bei dem Prozess eines der wichtigsten Beweisstücke.

Auch bezüglich des Kaufes eines Hemdes wartete Gauci mit unterschiedlichen Versionen auf. 2011 hatte Gauci eine Liste erstellt, welche Kleidungsstücke der libysche Kunde gekauft hatte. Auf dieser Liste fand sich kein Hemd. Gauci sagte sogar, der Kunde habe mit Sicherheit kein Hemd gekauft. Diese Aussage wurde von Gauci im Januar 1990 bei einer erneuten Befragung und zu einen späteren Zeitpunkt noch einmal wiederholt.

Erst am 10. September 1990 hatte Gauci plötzlich eine andere Erinnerung. Jetzt hieß es im Protokoll: „Vor drei Wochen räumte ich Schachteln im Laden auf und ich erinnerte mich jetzt, dass der Mann, der die Kleidung gekauft hatte, auch ein „Slalom“-Hemd und ein weiß-blau gestreiftes Hemd gekauft hat“. Das handschriftlich verfasste, originale Aussageprotokoll deckt sich allerdings wiederum nicht ganz mit dem Endprotokoll, denn ihn ihm stand, das Hemd sei beige gewesen, doch dieses „beige“ war durchgestrichen; im getippten Aussageprotokoll fehlte das „beige“ dann ganz. Dies steht im Widerspruch zum Malteser Polizeibericht, im dem das Wort „beige“ belassen wurde. Das an der Lockerbie-Absturzstelle gefundene Herrenhemd mit der Platinanhaftung war aber grau. Somit ist die ganze Beweiskette hinfällig, die nachweisen sollte, dass Megrahi in dem Bekleidungsgeschäft Mary‘s House auf Malta Kleidungsstücke gekauft hat, die sich später in dem Bombenkoffer des Lockerbie-Attentats wiederfanden.

Die Platinen der Zeitschaltuhr – mit oder ohne Blei

Reste der Platinen der beim Bau der Bombe verwendeten Zeitschaltuhr fanden sich als Anhaftungen an dem grauen Hemd, das an der Absturzstelle gefunden worden war. Solche Platinen wurden von einer kleinen Schweizer Firma namens Mebo, die Zeitschaltuhren herstellte, verwendet. Die Spur führte von der Schweiz nach Libyen, denn Mebo hatte zwanzig dieser Zeitschaltuhren an den libyschen Geheimdienst geliefert. Megrahi als Sicherheitsbeamter hatte Verbindungen zum Geheimdienst.

Kurze Zeit vor der Haftentlassung Megrahis 2009 übergab das britische Verteidigungsministerium weitere Dokumente an Megrahis Verteidiger, darunter zwei Dokumente, die noch niemals Erwähnung gefunden hatten. Sie enthielten die Analyse von Fragmenten des an der Absturzstelle gefundenen Sprengsatzes. Ein Wissenschaftler des Verteidigungsministeriums namens Faraday hatte darin die Beschichtung auf der Platine als „reines Blech“ beschrieben. Die Beschreibung jener Platinen, die nach Libyen geliefert worden waren, beschrieb der gleiche Wissenschaftler allerdings als eine Legierung aus 70 % Blech und 30 % Blei. Obwohl damit nachgewiesen war, dass die Platinen nicht identisch waren, behauptete Faraday beim Prozess, die Platinen wären in jeder Beziehung identisch gewesen.

Da Experten darauf hinwiesen, dass die Möglichkeit bestanden habe, dass das Blei durch die Hitzeentwicklung während der Explosion verdampft sei, holten Migrahis Verteidiger ein professionelles Gutachten von dem Gerichtssachverständigen Jess Corley ein. Im Advanced Manufacturing Research Center wurde in einem Versuch eine Blech-Blei-Legierung für einige Sekunden auf 1000 Grad Celsius erhitzt. Es kam dabei zu keinerlei Verlusten von Blei oder sonstigen Legierungsanteilen. Dies bedeutet, dass die Platinen für Libyen und jene beim Attentat benutzten mittels unterschiedlicher Verfahren herstellt worden waren und die am Absturzort gefundenen folglich nicht identisch mit jenen nach Libyen gelieferten waren. Damit war nicht nur die Anklage gegen Megrahi, sondern auch die Beschuldigungen gegen Libyen insbesondere gegen Gaddafi als Drahtzieher hinfällig.

Betrachtet man die gesamte Beweislage, hätte es für Megrahi nur ein Urteil geben können: Freispruch.

Millionen für Gaucis Aussagen

Es wurde vermutet, Gauci habe für seine Aussage Geld bekommen und sich ins Ausland abgesetzt. Die USA hatten vier Millionen US-$ für Hinweise, die zur Ergreifung des Lockerbie-Attentäters führen, ausgesetzt. Laut der schottischen Parlamentsabgeordneten Christine Graham hat das US-amerikanische Justizministerium zwei Millionen US-$ an Gauci bezahlt.

Angeblich zeigte Gauci vor Prozessbeginn kein Interesse an der ausgesetzten Belohnung. Allerdings fand Scotlands Criminal Case Review Commission Memoranden der Polizei, dass Gauci sehr wohl Interesse an Geldzahlungen geäußert hat.

Bei seinen Ermittlungen auf Malta suchte Thomson auch das ehemalige Wohnhaus von Gauci auf. Ein teures Auto parkte in der Einfahrt. Als ein älterer Herr, der Gauci ähnlich sah, das Auto bestieg und wegfuhr, folgte ihm Thomson. Das Auto fuhr zu einem Polizeirevier, das der Fahrer betrat. Kurz darauf trat ein Polizist zu Thompson an das Auto und fragte, warum Thomson Herrn Gauci verfolge. Er war es also tatsächlich gewesen.

Gauci selbst hat auf keine der Anfragen geantwortet.

Megrahi hatte kurz vor seinem Tod noch eine bewegende letzte Botschaft an Gauci: „Wenn ich ihn sehen könnte, würde ich ihm verzeihen. Ich würde ihm sagen, dass ich niemals in seinem Laden gewesen bin. Niemals im Leben habe ich Kleidung bei ihm gekauft. Und sag ihm, er hat falsch an mir gehandelt. Ich werde bald Gott gegenüberstehen. Ich schwöre bei meinem Gott und bei seinem Gott, ich war niemals in seinem Laden. Wir treffen uns vor Gott. Ich möchte, dass er weiß, dass ich ihm das sagte, bevor ich starb. Das ist die Wahrheit.“

Bereits 2001 hatte der offiziell ernannte internationale UN-Prozessbeobachter Prof. Hans Köchler von einem „spektakulären Justizirrtum“ gesprochen. Allerdings war es wohl weniger ein Irrtum als eine gegen Libyen gerichtete riesige Geheimdienstintrige, der Megrahi zum Opfer fiel. Man kann nur hoffen, dass das schottische Gericht diesmal ein unvoreingenommenes Urteil fällen wird.

https://www.theguardian.com/uk-news/2020/nov/22/scottish-judges-rule-lockerbie-documents-will-remain-secret
https://www.theguardian.com/uk-news/2020/nov/24/lockerbie-bombing-facts-cherrypicked-to-convict-megrahi-court-told
https://www.freitag.de/autoren/gela/familie-von-al-megrahi-darf-in-berufung-gehen
https://www.freitag.de/autoren/gela/lockerbie-schmierentheater-reloaded
https://de.wikipedia.org/wiki/Lockerbie-Anschlag

20:27 28.11.2020
Dieser Beitrag gibt die Meinung des Autors wieder, nicht notwendigerweise die der Redaktion des Freitag.
Geschrieben von

Angelika Gutsche

Ihre Reisen führten sie neben Indien, den USA, Russland und dem Jemen unter anderem auf den afrikanischen Kontinent und quer durch den Balkan.
Angelika Gutsche

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