À la française

Debatten In Frankreich empört man sich über #MeToo und ein geschenktes Kunstwerk. Was die Deutschen von solchem Bürgersinn lernen können
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À la française
Man muss mit den Positionen – beispielsweise von Catherine Deneuve – nicht übereinstimmen. Ausdruck eines Bürgersinnes war ihr offener Brief dennoch

Foto: Jean-Francois Monier/AFP/Getty Images

Erst der offene Brief zahlreicher Prominenter, Künstler und Intellektueller zur Kritik an der #MeToo-Bewegung in Le Monde. Jetzt die brüske Ablehnung eines Geschenks des Künstlers Jeff Koons. Die Franzosen sind on fire. Damit dokumentieren sie einen Bürgersinn, der den Deutschen abgeht.

Gleich vorweg: Es lässt sich trefflich darüber streiten, welche Ziele der französische Bürgersinn für erstrebenswert hält. War der Le Monde-Appell eine dringend notwendige Korrektur oder ein Fanal des Unverständnisses, was mit #MeToo gemeint ist? Ist er Beispiel für das den Nachbarn so gerne unterstellte Savoir-vivre, eine nonchalante Lebenskunst, die das Zweifelhafte und Grenzwertige gelten lässt? Oder war er ein Aufbäumen der Reaktion gegen den Machtverfall der Männer, kontraproduktiv vorgebracht von Komplizinnen des Patriarchats?

Und der Protest gegen Jeff Koons' Denkmalkunstwerk: Ist er wirklich allein Kritik daran, das historische Datum eines schweren Terroranschlags dem Kommerz auszuliefern? Ein später, aber hörbarer Einspruch gegen den Wahnsinn am Kunstmarkt? Oder wird darin nicht auch ein eigentümlicher Kulturnationalismus dokumentiert? Kann wirklich nur ein französischer Künstler den Opfern angemessen gedenken?

Schon in der Schule haben wir gelernt, dass die Franzosen ein stolzes Volk sind. Im Deutschunterricht wurde mit Anerkennung und ein wenig neidisch auf die Stellung der französischen Sprache im Nachbarland verwiesen. Dort heißt es nicht schnöde Computer, nein, Ordinateur. So gehört sich das. Zum 55. Jahrestag der Unterzeichnung des Élysée-Vertrags soll nicht nur bekräftigt werden, dass Frankreich und Deutschland gemeinsam voran gehen. Es darf auch erlaubt sein, vom Nachbarn zu lernen. Wir Deutschen von den Franzosen z.B. ihren Bürgersinn.

Denn die umstrittenen offenen Briefe sind genau das: Anlass zum Streit. Sie sind diskutabel. Sie enthalten Gedanken und Argumente, die man wohl ablehnen und kritisieren kann, aber man muss sich zu ihnen verhalten. Für die Deutschen wurde der Retweet und der Like erfunden. Man begnügt sich damit Meinungen Dritter weiterzureichen - vielleicht mit einem nur scheinbar charmanten "tja!" verbunden.

Darin unterscheiden sich die Sozialen Netzwerke nicht vom traditionellen Stammtisch. Nicht "Das wird man ja wohl noch sagen dürfen!", sondern ein "Das musste mal gesagt werden!" dominiert inzwischen die Debatte. Hauptsache man hat sich einmal ausgekotzt. Vielleicht noch ein Klick und eine virtuelle Unterschrift unter eine sehr, sehr wichtige Petition, dann ist aber wirklich gut.

Wo sich in Frankreich Intellektuelle, Künstler und Prominente einmischen, herrscht in Deutschland gähnende Leere. Der Posten des public intellectual ist verwaist. Daran ändern auch all jene nichts, die Journalismus mit Politikberatung verwechseln. Sogar um Böhmermann ist es still geworden. In Deutschland empört sich der Kleinbürger, in Frankreich streitet der Citoyen.

Dabei ist das offenkundige Fehlen der öffentlich und prominent Nachdenkenden eine riesen Chance. Der Posten muss nicht leer bleiben, wir können ihn füllen: Mit diskutablen Debattenbeiträgen auf Augenhöhe, die mit Leidenschaft und Stolz vorgetragen, ohne Rücksicht auf falsche Eitelkeiten und unbesorgt über mögliche Mehrheiten formuliert sind. À la française. Auf die Barrikaden!

20:40 23.01.2018
Dieser Beitrag gibt die Meinung des Autors wieder, nicht notwendigerweise die der Redaktion des Freitag.
Geschrieben von

Philipp Greifenstein

freier Journalist und Referent, Twitter: @rockToamna, Redakteur des Magazins für Kirche, Politik und Kultur "Die Eule"
Philipp Greifenstein

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