Abschied aus der Gegenwart

Nullpunkt Botho Strauß’ neues Buch bringt uns Momente der Beklommenheit und der Kälte
Abschied aus der Gegenwart
Das dramatische und erzählerische Werk von Strauß wirkt wie eine Zwischeneiszeit mit Bofrost-Lieferanten

Foto: Arnulf Hettrich/Imago

Die erste Reaktion: ein verstohlenes Beiseiteblicken. Der Leser fühlt sich erwischt, in eine Falle getappt und beobachtet worden zu sein. Die zweite Reaktion: Sein Handwerk hat er nicht verlernt. Die dritte Reaktion: Strauß verwandelt den Leser in einen Indiskretin. Er belauscht ein Selbstgespräch, das dem zuhörenden Leser bedeutet: Hebe dich hinweg, fort mit dir, eine Hagestolzhaltung, mit der der Autor feststellt, dass die Falle zugeschnappt ist, ein Abdeckereigeschäft.

Wer das Buch liest, dem einen Notat zustimmt, das andere verwirft, erliegt einem Trugschluss, den der Autor von langer Hand herbeiführt. Von dir ist nicht die Rede, wahre den Abstand, der uns voneinander trennt.

Botho Strauß legt ein Vermächtnis vor. Kein Notar wacht über den Antritt des Erbes, kein Testamentsvollstrecker zieht die Strippen. Wem das Erbe bestimmt ist, dem bleibt nichts anderes übrig, als es anzutreten oder zu verwerfen. Die Tragik liegt nicht im Buhlen der Nachkommen um dieses oder jenes Erbstück. Es ist ihnen aus der Hand genommen, das Unteilbare zu teilen. In das Gesicht des alten Botho Strauß scheinen die Endmoränen der Uckermarck eingekerbt zu sein, als habe die terra ukera all die Jahrzehnte nach 1945 nur auf ihn gewartet, dabei zugesehen, wie sein Werk ihn in einen Eremiten im Wartestand verwandelte, bis es so weit war, dass Leib und Landschaft zueinanderfanden, auf dass sie ihn selbst langsam, aber sicher in einen Findling verwandelt.

Kein Zurück hinters Absurde

Das dramatische und erzählerische Werk von Strauß wirkt wie eine Zwischeneiszeit mit Bofrost-Lieferanten. Tiefstgekühlt präparierte er in Groß und klein seine Lotte-Kotte, die Komik Udo Samels in Kalldewey Farce ist klinisch. „Kalldewey mit Namen / hält brav zurück den Samen.“ Luc Bondy besaß ein absolutes Gehör für das Anomische darin. Zwölf Jahre später inszenierte er Peter Handkes Die Stunde da wir nichts voneinander wußten wie eine dramatische Korrespondenz zwischen Eiszeitmoränen und anomisch zerfransender Piazza.

Das Format erinnert an Fernando Pessoas Buch der Unruhe, an das Gesamtwerk Emil Ciorans, der nichts unversucht ließ, in seinem Werk an den Nullpunkt der Kälte zu gelangen. Die Einträge folgen einem zwiespältigen Oszillieren zwischen Festhalten und Loslassen. In den letzteren Fällen gibt es, frei nach Giorgio Manganelli, Dramen in Pillenform, die vor dem Auge des Lesers wie ein Meteorit vorbeizischen, einen Feuerschweif an Assoziationen freisetzen. In Fällen des Festhaltens entstehen nur Momente der Beklommenheit. Ihr Tonfall evoziert Aphasie, als folgten sie einer Dramaturgie des Sinnabrisses, gegen den Bildungsreserven mobilisiert werden, obschon in die Notate Einsicht ins Scheitern eingewebt ist. Der Titel des Buches heischt nach einer Bedeutung, die Strauß, ohne es zu merken, schuldig bleibt. „Man ist Fort-Führer – oder es gibt einen gar nicht. Der Dichter führt vorangegangene Dichter fort. Der Dichter führt aber auch Leser fort, entfernt sie aus ihren Umständen, Belangen und Geschäften. Macht ist Vermächtnis.“

Das „fort“ schrumpft unter der Hand zum „weiter“, als führe ihm der Schrecken vorm „weg“ die Feder. Es gibt aber kein „weiter“. Den Existenzbeweis im „weiter“ hat das absurde Theater zunichtegemacht. Dahinter gibt es kein Zurück. Das Führen als Entfernen, dieser Idee hätte Strauß durchaus gründlicher nachgehen sollen. Im Wörterbuch der Brüder Grimm folgen auf das Lemma „fortführen“ übrigens die Lemmata „fortfürchten“ und „fortgähnen“. So sehen unerbetene Nachbarschaften aus.

Mit seinem Buch Der Fortführer verabschiedet sich Strauß auf eine bestürzende Weise aus der Gegenwart. Sein Buch Herkunft kreiste um die Auflösung des elterlichen Haushalts nach dem Tod des Vaters. In seinem jüngsten Werk wendet sich der Autor nunmehr selbst als Vater an den unangesprochenen Sohn. Der scheint abwesend allgegenwärtig als einziger Adressat, der zählt. Welchen Gebrauch der Sohn davon machen kann, darüber versucht der Vater in einer Weise verfügen zu wollen, die der Freiheit des Sohnes, einen Teil des Erbes auszuschlagen, keinen Raum lässt. Bitter.

Info

Der Fortführer Botho Strauß Rowohlt 2018, 208 S., 20 €

06:00 15.07.2018

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