Hölle der Herumträger

Demenz Christoph Helds „Bewohner“ erzählt vom allmählichen Verschwinden des Verstandes

Galt bisher als letzter Beweis für die Gleichheit der Menschen ihre Sterblichkeit, ist es nun auch um sie geschehen. Gleichheit vor dem Tod ereilt die Menschen im Zustand der Demenz. Der Verlust des Verstandes führt unter der Regie des Schweizer Autors und Gerontopsychiaters Christoph Held einen Verwaltungsratspräsidenten, eine Schauspielerin, eine durch Erbschaft vermögende Pharmareferentin, eine italienische Gastwirtin, einen Kellner, einen Drogenabhängigen und eine Dame zusammen, die schon zu Lebzeiten glaubt, längst tot zu sein. Christoph Held nennt sie Bewohner. Das Wort beschreibt ihre letzte gesellschaftliche Position vor dem Tod. Sie leben in einem Zürcher Pflegeheim. Infolge ihrer Demenzerkrankung verlieren sie alles, was ihr Leben ausgezeichnet hat, das Empfinden, Erinnern, Unterscheiden und Wahrnehmen ihrer gesellschaftlichen Position wie die Mikroformen des gesellschaftlichen Umgangs. Alles geht infolge der Demenz dahin.

Helds im feinen Dörlemann Verlag erschienenes Buch liest sich wie ein Theaterstück, das dem Ensemble unter der Regie des Autors das Letzte abverlangt, die Preisgabe des Individuellen, ohne diesen Verlust an die Rampe zu wuchten. Wer diese Rollen zu spielen übernimmt, muss Otto Muehls Wühlen in Innereien gesehen und hinter sich gelassen haben, muss durch die Absurdität von Becketts Winnie und Ionescos Nashörnern gegangen sein, um in den klassenlosen Zustand des Geistverlorenen zu finden. Der diskrete Charme der Bourgeoisie geht über die Limmat und kehrt nicht mehr zurück. Sie müssen in einen postnaturalistischen Zustand des Nichterkennenkönnens des eigenen Zustands finden, um einen wahren Ton des Geistverlorenen anzustimmen.

Unausweichlich eine Tragödie

Auf dem Weg dahin gibt es diskrete Vorzeichen dafür, dass der Verstand verloren geht. Es gibt auch für sie selbst die unerklärliche Angst der Betroffenen davor, dass sich etwas verändert, dass sie die Kontrolle über sich verlieren, bis sie schließlich in die drei Welten ihrer letzten Station auf Erden eintreten: die scheinbar noch funktionierende Welt der beginnenden Demenz, die zweite Welt der Läufer und Herumträger, ein Ambulatorium fortschreitender Verwirrung, und schließlich die dritte Welt des letzten Stadiums der Demenz, in dem nur noch Klänge und Berührung, Mimik, Gestik, auch ein vordergründig sinnlos erscheinendes Reden das Leibhaftige erreichen.

Die Pflegenden sind in dieser Welt Dramaturgen, Regieschüler und Reporter. Unter ihren Augen und unter ihrer Zuwendung nimmt das Drama seinen Lauf. Es ist episch wider Willen und aristotelisch, weil es unausweichlich auf eine Tragödie zuläuft. Es gibt in dem Spiel Fermaten, die den Ablauf für einige Schrecksekunden anhalten und situativ ein Angebot machen: eine Schauspielerin, die ihren Verstand verliert, eine Clownin, die zur Aufbesserung der kargen Rente ihre alten Nummern wieder aufführt. Sie zeigen Gesten des Komischen, die Lachen als vegetative Antwort ermöglichen.

Der Erzähler Held operiert in einer dreifachen Rolle: Als Arzt geht er einzelnen Fallgeschichten nach, rekonstruiert aus Anamnese und Akten die Vorgeschichte der Patienten, protokolliert den Fortschritt ihrer Erkrankung und unterstützt als Therapeut die Pflegenden. Jeder einzelne Fall führt an Grenzen des Erträglichen, überschreitet sie auch und macht so damit vertraut, dass auf dem letzten Weg jeder und jede Betroffene die Überforderung am eigenen Leib erfahren wird.

Darin liegt die besondere Kraft dieser Fallgeschichten, dass sie den Verlust des Verstandes auch als Verfall der Leiber begreifbar machen. Es handelt sich, auch in Rücksicht auf überlebende Angehörige, um komponierte Fallgeschichten. Sie erzählen Symptome und Verläufe nicht zulasten der Betroffenen und ihrer Familien. Vielmehr machen sie uns damit vertraut, was es heißen und wie es aussehen kann, wenn uns oder einem uns nahen Menschen der Verstand abhandenkommt. Die Krankheit und ihr Verlauf werden nicht ausgestellt, aber erzählbar gemacht.

In Helds kleinem Buch erklingt das Echo eines anderen Buches, das 1977 erschienen ist: Mars von Fritz Zorn. Inzwischen ist das Pseudonym aufgelöst. Der Autor hieß Federico Angst und stammte aus einer vermögenden Familie an der Zürcher Goldküste. Zorn schildert das Aufwachsen unter einem Regime der Kälte. Sein Pseudonym bezeichnet den Wechsel eines Aggregatzustandes vom Gefrorenen zum Glühenden.

Psychoanalytisch handelt es sich bei Mars um eine narzisstische Fallgeschichte, die nicht nur deshalb auch heute noch interessant ist, weil sie die Krebserkrankung des Autors überlebensgroß zur Metapher erhob, sondern weil sie mikroskopisch eintauchte in die großbürgerliche Herkunftsgeschichte und den leibhaftigen Kampf um die Autonomie im Fortschritt einer psychoanalytischen Therapie beschreibt. Es dauerte nur wenige Jahre nach Erstveröffentlichung von Mars, bis Zürich brannte.

Lehrreiche Verstopfung

Das Bindeglied zwischen beiden Büchern ist der Schriftsteller und Literaturwissenschaftler Adolf Muschg. Muschg empfahl Zorns Manuskript dem Kindler Verlag und schrieb dafür ein fulminantes Vorwort. Muschg steuert nun auch zu Helds Buch ein Lob bei: „Da schnurren Menschen zu großen Charakteren zusammen und wären morgen schon weg, entsorgt, wäre da nicht einer, der sie zu ihren stillstehenden, unendlich aufhebenswerten Lebzeiten auf Papier festhielte, in lebendiger Schrift.“

Es gibt ein weiteres Bindeglied, das in die psychoanalytische Praxis Fritz Morgenthalers, Paul Parins und Goldy Parin-Matthèys am Zürcher Utoquai führt. Morgenthaler hat in den späten 70er Jahren mit mehreren Aufsätzen in den Zeitschriften Kursbuch und Psyche einen Kurswechsel im psychoanalytischen Verständnis der Homosexualität vollzogen. Er verstand sie als Antwort und Verteidigung bedrohter Autonomie. Als Ethnopsychoanalytiker erkannten die drei in ihrer Zürcher Praxis das Fremde im Eigenen und verhalfen so dem ihnen eigenen Fremden in ihren Analysanden als Wegbegleiter ans Licht.

Nicht die Fallgeschichte Zorns als Krebskranker ist deshalb interessant geblieben. Das war schon damals eher ein Ablenkungsmanöver vom Offensichtlichen, das Angst dahinter zu verbergen wusste: das Coming-out, das er in seinem leibhaftigen Leben flamboyant sichtbar gemacht hatte, wie ein Graf Dracula von der Goldküste, um der davon ausgehenden Angst standzuhalten. Mit seinem Pseudonym Zorn verwandelte der Autor die eigene Angst in eine Hasstirade gegen die Welt seiner Herkunft. „Man kann sich einen Autor wie Zorn nicht wünschen“, sagte Muschg vor sieben Jahren. „Sie erscheint, wenn die Not dazu groß genug ist.“

Bei Held wird die Not groß genug, als eine sich ausdehnende Verstopfungsepisode den Verwaltungsratspräsidenten ereilt. Held hat an anderer Stelle das gesellschaftliche Leben, die üppigen Empfänge und Diners geschildert und ist damit eingetaucht in die Welt der Goldküste und eines ihrer herausragenden Bürger. Kein Detail der Menüfolge bleibt ausgeblendet, auch kein Detail der Grausamkeit, mit der der demente Patient seine Pflegenden bis aufs Blut quälte. Nun aber, als auch seine Gattin dabei behilflich ist, den Leib von seiner Last zu befreien, ergießt sich, nach Entfernung einiger Kotsteine, ein schwarzer Strom von Scheiße aus dem Großbürger, ein weiteres dystopisches Element der Gleichheit, die entweder ganz oder gar nicht zu haben ist. Diese Episode ist so grotesk und aus ärztlicher Perspektive zugleich so realistisch geschildert, dass der Vorwurf, hier erklinge zulasten eines Schutzbefohlenen nackter Hohn auf seinen Niedergang, falsch wäre. Nein, hier liefert die Natur das Anschauungsmaterial für das tiefere Verständnis der Gesellschaft.

So wie Zorns wüstes Buch den Aufständen der frühen 80er Jahre vorausging, sie unter der gefrorenen Zeitlupe der Herkunft als Zorn antizipierte, so geht von Helds Fallgeschichten ein Impuls aus, der einen Ton lakonischer Melancholie anstimmt. Wenn dieser Ton aus der Kühle der Klinik zurück in die Lebenswelt findet, wird auch von ihm etwas ausgehen, was nicht nur Zürich und der Schweiz guttun wird: Achtung vor der Gleichheit zu empfinden.

Info

Bewohner Christoph Held Dörlemann 2017, 160 S., 20 €

06:00 05.10.2017

Kommentare 3

Avatar
Ehemaliger Nutzer | Community
Avatar