Unkulturpolitik

Sondierungsgespräche Kultur spielt für Jamaika bislang keine große Rolle. Dabei gäbe es viel zu tun. Und es bräuchte jemanden, der sowohl den Schatzmeistern als auch der Rechten trotzt
Hans Hütt | Ausgabe 45/2017 3
Unkulturpolitik
Was scheint dazu geeignet, die Kultur des jungen 21. Jahrhunderts zu prägen?

Foto: Sean Gallup/Getty Images

Bei dem Gerede über die Bildung der nächsten Bundesregierung fällt auf, worüber nicht geredet wird. Die Kulturpolitik des Bundes scheint kein Thema zu sein, nicht ein Streit, von dem bisher zu hören gewesen wäre. Liegt das daran, wie Markus Söder kürzlich das Verfahren mit den Worten beschrieben hat, erst werde sondiert, dann geredet? Üben sich die Damen und Herren Koalitionspartner in spe beim Sondieren in kommunikativem Beschweigen? Sind sie sich gar wortlos einig darüber, wie das Amt und die Kulturpolitik des Bundes künftig aussehen soll?

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Daran gibt es Zweifel. Es gibt auch Zweifel daran, dass die derzeitige Amtsinhaberin den Job der Staatsministerin im Kanzleramt weiter versehen wird. Als Vorsitzende des Berliner Landesverbandes der CDU hat Frau Grütters genug zu tun. Der Job des Kulturstaatsministers verträgt es nicht, künftig als Frühstücksdirektorium im Nebenamt wahrgenommen zu werden. Wenn Frau Grütters das Amt abgeben sollte, wer käme für die Nachfolge in Sicht? Gibt es liberale oder grüne Kulturpolitiker (m/w/trans), die jedem sofort einfielen und die Herzen der Kulturinteressierten höher schlagen ließen? Leider nein. Dabei wäre das eine Probe aufs Exempel gegen die bisherige Tradition, das Amt der Partei zuzuschlagen, die das Kanzleramt innehat. Etwas mehr Dialektik, etwas mehr Kontrapunktik bekämen dem Kulturstaatsministerium und der nächsten Koalition gleichermaßen gut.

Bevor sich besonders Ehrgeizige nach dem Amt zu sehnen beginnen, wäre ins Auge zu fassen, was über die bisher eingeschlagenen Pfade des Hauses hinaus an neuen Aufgaben in Sicht gelangt. Wer hat sich darin hervorgetan, dem Gerede über einen neuen Kulturkampf entschieden entgegenzutreten? Was scheint dazu geeignet, die Kultur des jungen 21. Jahrhunderts zu prägen? Ist es mit dem fast beliebigen Plural der Kulturen getan, um den latenten und den offenen Konflikten unserer Zeit entgegenzutreten? Von welcher kulturellen Praxis könnte oder müsste die Rede sein, ohne in larmoyanten Tönen über Opernabonnements, über Theaterplätze oder über Marktchancen deutscher Filme und Romane zu klagen? Was rechtfertigt die Fortsetzung einer Tradition der Selbstüberhöhung des Kulturellen? Es ginge um einen Höhenflug mit Bodenhaftung, um eine Performanz, die den meisten Berufspolitikern bestenfalls Unbehagen bereitet, verbunden mit einer Pragmatik, die dem Haushaltsausschuss und dem neuen rechten Rand im Bundestag selbstbewusst entgegentritt.

Den Weg dahin bahnte ein Verständnis von kultureller Praxis, das in der Lage wäre, den Raum kultureller und politischer Common Grounds überzeugend zu bespielen, im Wissen darum, dass kulturelle Bindungen, weil sie locker sind, so dauerhaft wirken, mit einer Haltung, die sich dem Wiederaufleben des Völkischen souverän entgegenstellt, im Verständnis einer Praxis, die das Fortschreiten zum Besseren glaubhaft vermitteln kann.

Kein Barde wäre in dieser Rolle gefragt, den man beim Wildschweinessen knebeln müsste, kein Knauserer, keine Walküre. Es wäre schon viel gewonnen, wenn eine neue Praxis sich mit der nötigen institutionellen Durchsetzungskraft der gewachsenen Möglichkeiten dieses Amtes annähme, dabei auch der etwas bräsig gewordenen Kulturstiftung des Bundes neue Ziele setzte. Dass darüber nicht gesprochen wird, gehört zu den Peinlichkeiten in der Bildung einer neuen Bundesregierung.

06:00 09.11.2017

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