Mit zweierlei Maß

Konsum Luxemburgleaks, Bio-Lüge und Taschengate sind echte Skandale, kein Empörungstrend. Beim Thema Konsum neigen wir zum Fatalismus. Warum wir uns zu viel gefallen lassen
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Es gab sofort ein Hashtag. Nachdem bekannt wurde, dass dm Drogeriemarkt die Produktion seiner Baumwoll-Pfandstofftaschen von Augsburg nach Indien verlegt hatte, ohne der Erfinderin dieser Taschen das mitzuteilen – und das Ganze dann auch noch mit sozialem Verantwortungsbewusstsein begründete, war der Shitstorm unter #Taschengate perfekt.

Alles geht, wenn es auf nichts ankommt. „Ausgerechnet bei gesellschaftlich engagierten Unternehmen ist die Aufmerksamkeit oft am größten, während diejenigen, die alles schleifen lassen und nur auf den Profit schauen, unbeachtet bleiben.“ schreibt die SZ. Das ist richtig. Doch letzteres ist das Problem: Was Unternehmen als Akteure gesellschaftlichen Wirkens angeht, herrscht nach der ersten Welle des Shitstorms eine beunruhigende Mischung aus Fatalismus, Selbstberuhigung und Büßertum. Du musst da ja nicht kaufen! Kauf doch mit Siegel! Du hast auch ein iPhone! Und du? Und du? Und du?

Bei dem Skandaltempo, das Großkonzerne vorlegen, sollte sich der Wirtschaftssektor ernsthafte Sorgen machen. Doch die Konzernleiter wissen genau, dass sie das nicht müssen. Nicht nur Kundenbindung ist hier das Zauberwort. Politikverdrossene können der Politik einfach den Rücken drehen, ihre Stimme verweigern, und schon sehen Politiker und Journalisten die Demokratie am Abgrund. Harald Welzer schrieb vergangenes Jahr über das Ende des kleineren Übels. Doch was tut der Konsumverdrossene? Er konsumiert weiter. Vielleicht nun ohne Freude, vielleicht nun mit Siegel das kleinere Übel, vielleicht mit Verdrängung und guter Laune. Man kann nicht nicht konsumieren. Das ist das Problem. Es wird in absehbarer Zeit immer Leute geben, die wenig Geld zum Einkaufen haben, und solche, die für Hungerlöhne arbeiten.

Die Schuldzuweisung ist, wie immer bei Skandalen, sofort da. Die einen wettern gegen die Schweineunternehmen, die nächsten gegen die Politik, wieder die nächsten gegen den Konsumenten, der doch alles unterstützt. Das ist auch die richtige Mischung: Zur unethischen, aber legalen Wirtschaftsweise, die gerade meist Bestandteil der Skandale darstellt (Steuer'verschiebung', Produktions'verlagerung', Biosiegel'auslastung'), gehören immer drei Akteure.

  • die Politik, deren Gesetze den Missbrauch ermöglichen
  • das Unternehmen, das die Gesetze skrupellos auskostet und dies gleichzeitig intransparent macht
  • der Konsument, der das teilweise weiß, aber sein Konsumverhalten nicht ändert.

Die Aufzählung gibt auch gleich die Geschwindigkeit wieder, welcher Akteur am schnellsten den Status Quo ändern kann - aufsteigend. Gesetze zu erlassen dauert eine Zeit, so ist das in der Demokratie. Aber ein Unternehmen kann seine Strategie innerhalb weniger Wochen ändern. Am schnellsten ist der Konsument: Er kann morgen schon wieder zum Buchladen um die Ecke statt zu Amazon gehen.

Konzernverdrossenheit statt Politikbashing!

Wir schimpfen auf alle drei, aber wer bekommt die Frustration allein messbar zu spüren? Die Volksvertreter.

Warum eigentlich? Weil wir ihnen durch den Urnengang die Macht verleihen? Weil sie unsere Steuergelder missbrauchen? Wo ist der Unterschied zu Unternehmen, die wir mit unserer Zustimmung als Kunde mit Macht ausstatten? Die von unserem Geld leben und nicht einmal ihren Pflichtteil an den Staat abgeben, sondern absurd geringe Steuern in Luxemburg zahlen?

Unternehmen, die sich aus ihrer sozialen Verantwortung stehlen, sind keinen Deut besser, als Politiker, die Steuergelder in irgendwelchen Koffern, skandalösen Großprojekten oder maroden Drohnen verschwinden lassen. Wir sollten ihnen mit der gleichen Verachtung begegnen, die wir verantwortungslosen Politikern zuteil werden lassen. Und auch Unternehmen wie dm, die sonst (bisher) ein recht sauberes Image haben, sollten wir ihre Fehler um die Ohren hauen. Aber besonders Konzernen wie Amazon müssen wir einen Denkzettel für ihre Arbeitsweise verpassen. Dass Unternehmen eben unsozial wirtschaften, einfach, weil sie es können, ist reine Wirtschafts-PR. Wenn Konzerne nur nach ihren eigenen machtpolitischen Interessen handeln und ihre gesellschaftlichen Pflichten aus Profitgier umgehen, müssen wir sie mit einer starken Politik und entschlossenem, mündigen Konsumverhalten zu einem Mindestmaß an Verantwortung zwingen. Also: Weg von der Politikverdrossenheit! Werden wir konzernverdrossen! Wenigstens gegen die Konzerne, von deren Machenschaften wir bereits wissen. „Die Wirtschaft ist für den Menschen da – nicht umgekehrt.“ - das war das Motto von Götz Werner, dem Gründer von dm.

Holen wir uns dieses Motto zurück.

15:08 15.11.2014
Dieser Beitrag gibt die Meinung des Autors wieder, nicht notwendigerweise die der Redaktion des Freitag.
Geschrieben von

Helke Ellersiek

Freie Journalistin. Twitter: @helkonie
Helke Ellersiek

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