Nicht meine Einheit

30 Jahre Deutsche Einheit Deutschland bleibt auch 2020 ein gespaltenes Land. Der Ausverkauf des Ostens ist ein monströses Verbrechen, dessen Nachwirkungen bis heute nachhallen
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Nicht meine Einheit
Gedenkstätte Berliner Mauer, 2020

Foto: Sean Gallup/Getty Images

30 Jahre Deutsche Einheit – ich weigere mich, die Rede von Bundespräsident Steinmeier zu hören. Ich habe das die letzten Jahre immer wieder getan und doch immer nur denselben Unsinn gehört. Nein, zum 30. Jahrestag habe ich keine Lust auf bedeutungsschwangere Worte, auf wohlchoreografiertes Pathos, auf Heuchelei. Ich werde mich einfach an die wunderschönen Dresdner Elbwiesen in die stürmische Sonne legen und lesen (Im Kampf gegen die Tyrannei, ein herausragendes Buch). Zum Mauerfall war ich zwei, zur Einheit drei Jahre alt, doch hallen die Ereignisse mit voller Wucht durch die Geschichte in die Gegenwart, ob ich nun im schrumpfenden Frankfurt (Oder) oder Cottbus bin, meine gute Freundin in der heute ausgebrannten und ehemaligen Lausitzer Industriestadt Weißwasser besuche oder mir meine Wut über Nazis in ostdeutschen Parlamenten von der Seele schreibe – 89/90 schwingt mit.

Auch wenn Sonntagsreden das gerne wegschönen wollen und in den, sagen wir, U-35-Generationen glücklicherweise ein Mentalitätswechsel stattfindet: Deutschland ist weiterhin ein gespaltenes Land. Mehr als jede*r fünfte Westdeutsche war noch nie im Osten, andersherum ist es nur jede*r zwanzigste. Werden die 401 Landkreise und kreisfreien Städte nach Pro-Kopf-Einkommen der Haushalte sortiert, findet sich der erste ostdeutsche Eintrag auf Platz 192 (Potsdam-Mittelmark), der zweite auf Platz 261 (Oberhavel) und unter den 20 untersten Einträgen befinden sich 13 ostdeutsche (Duisburg und Gelsenkirchen übrigens auf den letzten beiden Plätzen). Warum sind die Löhne in Ingolstadt doppelt so hoch wie in Görlitz? Wie kann es sein, dass von den Rektor*innen der 81 deutschen Universitäten kein*e einzige*r aus Ostdeutschland kommt, dass also auch alle ostdeutschen Unis von Westdeutschen geleitet werden?

Als Ostdeutscher erlebe ich – und ich denke, die meisten anderen hier auch – heute einen Moment der kognitiven Dissonanz: ein tiefer Spalt in Hirn und Herz. Gleichzeitig große Freude und noch größere Wut. Dass die DDR neben all ihren Errungenschaften auf dem Müllhaufen der Geschichte gelandet ist, ist jeden Tag ein Grund zum Feiern. Bis auf ein paar versprengte unbelehrbare Honecker-Fetischisten will auch niemand die DDR zurückhaben. Und genauso selbstverständlich ist, dass das, was die Generation meiner Eltern 1989 geleistet hat, etwas wahrlich Historisches ist: Sie stürzten einen Polizeistaat, eine brutale Diktatur, ohne dass ein einziger Schuss gefallen ist. Den Revolutionären in Kairo, Minsk, Lilongwe, Damaskus, Naypyidaw, Bangkok, Khartum und überall anders auf der Welt, die mit Polizeiknüppeln im Gesicht und Gewehrsalven in Bauch und Beinen für ihre Freiheit und Würde kämpfen, sind wir es schuldig, der Gewaltfreiheit „unserer“ Revolution zu gedenken und als Ideal hochzuhalten.

Doch über der Freude über die Errungenschaften der Friedlichen Revolution liegt ein dicker, fetter neoliberaler Schleier. Denn natürlich wuchs hier zusammen, „was zusammengehört“ (Brandt), doch war dies kein Zusammenschluss von Gleichen auf Augenhöhe, sondern eine feindliche Übernahme, ein Ladendiebstahl, ein Banküberfall. Horst Köhler, damals Staatssekretär im Finanzministerium, und sein Mitarbeiter Thilo Sarrazin stürzten vorsätzlich drei Millionen Ostdeutsche in die Arbeitslosigkeit, um den Osten so an das geringere Beschäftigungsniveau des Westens anzugleichen. Sarrazin – mit dem ideologischen Rüstzeug seiner Doktorarbeit über die Rentabilität von Sklavenarbeit in den US-Südstaaten ausgestattet – wandte seine arbeitsmarktpolitischen Erkenntnisse von den Sklaven nun auf die Ostdeutschen an. Die Mafiaorganisation Treuhand ließ ihre neoliberalen Heuschrecken über die „neuen Länder“ (was für ein Wort, ganz so, als hätte es in der DDR kein Brandenburg oder Meck-Pomm gegeben…) hinwegfegen und hinterließ flächendeckend Brachland. Das Tafelsilber der Ostdeutschen wurde in Wild-West-Manier einfach geraubt und dem Westen überschrieben.

Wenn gewöhnliche kleinkriminelle Verbrechen eine gewisse Größe, ein gewisses Maß überschreiten, ist es für die Menschen schwer bis unmöglich, sie überhaupt noch als Verbrechen zu erkennen. Wie sagte Bertolt Brecht doch gleich?

„Bankraub ist eine Unternehmung von Dilettanten. Wahre Profis gründen eine Bank.“

Damals wurden ganze Unternehmen für eine D-Mark an westliche Banken, Konzerne und Personen „verkauft“. Stahl, Kohle, sämtliche Industrien bis hin zum Restaurant um die Ecke – alles, was Geld bringt, wurde an kriminelle Investoren auf der Suche nach dem schnellen Geld verschachert. 19.500 Unternehmen wurden dabei privatisiert, Tausende weitere abgewickelt. 25.000 kleine Geschäfte und Restaurants wurden verkauft, ebenso rund 50.000 Immobilien; allein der Deutschen Bank wurden 112 Niederlassungen in bester Lage für Peanuts regelrecht hinterhergeworfen. Vom einstigen „Volkseigentum“ wurden durch den Raubzug der Treuhand 85 Prozent an Westdeutsche übertragen, 10 Prozent an ausländische Investoren und peinliche 5 Prozent blieben im Osten.

Du musst in der Weltgeschichte lange suchen, um einen ähnlich monströsen Fall von Umverteilung, von staatlich organisiertem Diebstahl zu finden: 16 Millionen Ostdeutsche wurden vom Westen buchstäblich ausgeraubt.

Ein Ostdeutschland, das wirtschaftlich nicht auf die Beine zu kommen scheint, war nie ein Fehler im System, sondern Vorsatz, war nie Bug, sondern stets Feature der Wiedervereinigung. Die „blühenden Landschaften“, die der Schwerverbrecher Helmut Kohl versprach, wurden von seinen Heuschrecken vorsätzlich abgemäht und in karge Steppe verwandelt. Zurück blieben Industrieruinen, in denen wir früher heimlich getrunken und gekifft haben und die heute eine nach der anderen verfallen. Die Natur nimmt sich zurück, was ihr gehört. Zurück bleiben sich weiter und weiter entvölkernde Landstriche, zerstörte Lebensentwürfe, kaputte Biografien.

All die neunmalklugen Analysen und Kommentare von Westdeutschen zum Aufstieg der Neuen Rechten bei uns im Osten – ich kann sie nicht mehr hören. Ihr wollt wissen, wo die AfD herkommt? Dort kommt sie her!

Dieser Artikel erschien zuerst auf JusticeNow!.

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18:03 03.10.2020
Dieser Beitrag gibt die Meinung des Autors wieder, nicht notwendigerweise die der Redaktion des Freitag.
Geschrieben von

Jakob Reimann

Auf meinem blog justicenow.de setze ich mich kritisch mit den Themen Kapitalismus, Krieg und Rattenschwanz auseinander. Herrschaftsfrei, gewaltfrei!
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Jakob Reimann

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