„Zugfahren ist zu schön um dabei zu schreiben“

Reisen Oskar Aichingers Werke spielen immer in Bewegung. Nun promeniert er nicht in und um Wien, sondern verlässt die Stadt mit der Eisenbahn

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Das wichtigste beim Zugfahren? Natürlich die Aussicht
Das wichtigste beim Zugfahren? Natürlich die Aussicht

Foto: Joe Klamar/AFP via Getty Images

Herr Aichinger, was ist Ihre erste Erinnerung an die Eisenbahn?

Die allererste ist eigentlich eine Erinnerung an die Erinnerung meiner Mutter. Sie hat gerne erzählt, dass ich im Kinderwagen ein veritabler Tyrann war. Sobald ich bemerkte, dass es nicht schnurstracks zum Bahnhof ging, benutzte ich meine kräftige Stimme so lange, bis ich meinen Willen durchgesetzt hatte. Und tatsächlich ist der Bahnhof bis heute die einzig nennenswerte Attraktion in Attnang-Puchheim, meiner Heimatstadt.

Wollten Sie auch Lokführer werden?

So ein Gedanke war in meiner Familie gar nicht erlaubt und hatte damit keine Chance, überhaupt in die Sphäre eines Wunsches, ja sogar eines Berufswunsches zu kommen. Wir Kinder waren für den Aufstieg vorgesehen, mussten Akademiker werden. Daran war nicht zu rütteln. Lokführer wäre ein Abstieg gewesen.

Wenn Sie die Augen schließen und an Züge denken. Sehen Sie dann zuerst ein Bild oder einen Geruch?

In erster Linie höre ich die Musik eines Zuges: das Gemurmel der Menschen, das Singen, Kratzen, Heulen und Ächzen der Waggons, den Rhythmus der Schienenstöße, die Durchsagen des Zugführers, die Unruhe von Kindern.

Ist für Sie Reisen auch ein Loslösen vom Pfahl des eigenen Ichs, wie Siri Hustvedt es mal formulierte?

Ja, ganz unbedingt. Das gilt allerdings nur für die Zeit der eigentlichen Fortbewegung und nur, wenn man sich dabei nicht freiwillig an den Marterpfahl von Handy oder Laptop kettet. Ist man angekommen, kommt schon wieder das Ich ins Spiel, das Entscheidungen treffen muss: nehme ich ein Taxi oder den Bus, fahre ich gleich ins Hotel, oder gehe ich vorher noch auf einen Drink? Soll ich den/die wirklich anrufen, will ich den/die wirklich treffen?

„Speisewagen sind heute eher Speisekammern“

An welchem Bahnhof hängt Ihr Herz?

Ich mag den Wiener Westbahnhof, nicht nur wegen seiner großzügigen, hellsichtigen Architektur, sondern auch wegen der Erinnerungen, die in und an ihm hängen. Ähnlich geht es mir mit dem Salzburger Hauptbahnhof, nur mischt sich da immer eine gehörige Portion Wehmut in die Erinnerung ob der weitgehenden Zerstörung des ursprünglichen Bahnhofsgebäudes samt seinem herrlichen Restaurant.

Bin ich ein Architekturbanause, wenn ich den Wiener Hauptbahnhof als zu steril empfinde?

Er ist kühl, vielleicht zu kühl, um cool zu sein. Aber ist heutige Architektur jemals anheimelnd, wärmend oder gar räudig, wie es Bahnhöfe früher waren? Und leider ist der Hauptbahnhof von Hochhäusern zugekleistert, sodass seine Architektur, insbesondere die bemerkenswerte Dachkonstruktion, gar nicht richtig zur Geltung kommt. Dasselbe gilt auch für den Westbahnhof und für den Praterstern, den ich architektonisch für den gelungensten unter den neuen Wiener Bahnhöfen halte.

Ist ein Bahnhof auch immer eine Art Versprechen?

Ja, und ein Ort der Sehnsucht. Insbesondere für Menschen mit gebrochenen Herzen und Lebensläufen.

Zugreisen sind bisweilen sehr bequem geworden. Zu bequem?

Sind sie das? Unsere heutigen Railjets empfinde ich alles andere als bequem, von den Speisewägen oder besser Speisekammern ganz zu schweigen. Was war das doch für ein Vergnügen damals, als man dort in die weiche Polsterung sank, eine Zigarette anzündete und sich ein Bier kommen ließ.

Nutzen Sie die Bordgastro und wenn ja, für was?

Nur mehr selten. Und dann meistens, weil ich keinen guten Sitzplatz finde. Die heutigen Speisekammern sind offenbar so unattraktiv, dass sich dort meistens noch ein Plätzchen findet.

Warum ist die Sitzseite im Zug von entscheidender Bedeutung?

Es ist selten so, dass rechts und links gleich gut sind. Daher ist es wichtig, sich für eine Seite zu entscheiden, wenn man das Beste der Landschaft sehen will, die man durchfährt. Bei langen Fahrten kann es allerdings ratsam sein, die Seite zu wechseln.

Die Menschen verreisen, um überhaupt gerne daheim zu sein

Suchen Sie sich direkt einen Platz oder spazieren Sie erst durch den Zug?

Ich suche mir den besten Platz, nach meinem Gutdünken natürlich: eher Wagenmitte, in Fahrtrichtung und natürlich am Fenster, allerdings nie am Anfang des Fensters, dort ist das Sichtsegment einfach zu klein.

Was ist das perfekte Reisegepäck?

Ein kleiner Rucksack oder eine Umhängetasche. Ich bemitleide immer die Leute, die mit ihren riesigen Rollkoffern durch den schmalen Mittelgang taumeln.

Muss man eine Stadt verlassen, um sie wirklich lieben zu können?

Vermutlich ja. Böse Zungen behaupten, dass die meisten Leute ohnehin nur verreisen, um gerne zu Hause zu sein. Das führt bei manchen zu einem Verhalten ähnlich einem Quartalsäufer: Sie müssen immer wieder weg, um den Kick der glücklichen Heimkehr zu erleben.

Haben Sie Rituale bei einer Zugfahrt?

Mütze in die Ablage, Jacke aufhängen, Zeitung, Brille, Proviant zurechtlegen, Tasche verstauen.

Die Erinnerungen der Zugfahrten in Zeilen gegossen

Was nehmen Sie mit auf eine Zugfahrt?

So wenig wie möglich. Zeitung, Buch, Notizbuch, Kugelschreiber, Kopfhörer sind zwar meistens dabei, werden aber selten gebraucht.

Zu vermeidendes Übel oder besonderer Ort des Verweilens, die Zugtoilette?

Notwendiges Übel. Zum Verweilen fehlt mir die Aussicht.

Wie reagieren Sie auf Zugverspätungen?

Gelassen, wenn ich zu meinem Vergnügen unterwegs bin. Da kann es sogar vorkommen, dass ich die Verspätung zum Anlass nehme, mich noch genauer umzusehen und vielleicht überhaupt erst den nächsten Zug zu nehmen. Genervt wie alle anderen Menschen auch, wenn ich Termine habe.

Wann kam die Idee, über das Zugfahren ein Buch zu schreiben?

Es muss etwa drei Jahre her sein, jedenfalls noch vor Beginn der Pandemie, dass ich mir gedacht habe: wieso nur über das Gehen schreiben, probiere es doch einmal mit dem Fahren, das machst du ja auch so gerne.

Auf wie vielen Zugfahrten ist Ihr neues Werk entstanden?

Auf mehr, als in dem Buch vorkommen. Und eigentlich ist es ja nicht auf den Zugfahrten entstanden, sondern in Erinnerung an diese.

Können Sie lesen bei Zugfahrten?

Das hängt von meinen unmittelbaren Nachbarn ab. Laute Sprecher oder Telefonierer machen mir das Lesen unmöglich, die kann ich einfach nicht ausblenden. Und sprachliches Multitasking beherrsche ich nicht

Wie finden Sie die Revitalisierung des Nachtverkehrs auf der Schiene?

Großartig, aber da könnte, ja sollte noch viel mehr passieren.

„Zugfahren versetzte mich in den Zustand, auf dem Denken wachsen kann“

Nutzen Sie regelmäßig den Zug?

Ja, dafür vergammelt mein Auto immer mehr.

Hilft Zugfahren beim Denken?

Es versetzt einen zunächst in eine Art prä-denkerischen Zustand, einen Humus, auf dem Denken wachsen kann, aber nicht muss. Und manchmal schält sich dann eine ungewöhnliche Klarheit der Gedanken heraus, die vielleicht mit der Intensität der Welterfahrung zu tun hat, die einem das Zugfahren beschert.

Lieber Wiener Linien oder ÖBB?

Beide, je nach Ziel und Laune.

Können Sie beim Zugfahren schreiben?

Ein paar Gedanken, damit ich sie nicht verliere, ja. Vielleicht ein, zwei gelungene Sätze, die vehement aufs Papier drängen. Ansonsten ist mir das Zugfahren zu schade dafür.

Wenn Sie wieder an Ihrem Heimatbahnhof angekommen sind, verweilen Sie noch oder gehen Sie direkt heim?

Von Zeit zu Zeit verweile ich ganz gerne, an einem Stand für ein Bier und einen Imbiss. Da kann das Reisen langsam ausschwingen, bis sich Frequenz und Amplitude so weit beruhigt haben, dass ich nach Hause gehen kann.

Oskar Aichinger: Ich steig in den Zug und setz mich ans Fenster. Vom Schauen, Denken und Wien-Verlassen. Picus Verlag, Wien 2022. 22€

Oskar Aichinger, Jahrgang 1956, in Oberösterreich aufgewachsen, studierte Montanistik in Leoben und Musik am Mozarteum in Salzburg. Seit 1990 als Pianist tätig, zahlreiche Veröffentlichungen. Lebt und spaziert in Wien. www.oskaraichinger.at

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