Panzer-Deal: Warschau agiert wie der informelle Europa-Sprecher der US-Regierung

Meinung Die Warschauer Regierung wirkte bei der Leopard-Lieferung als Katalysator. Eine Rolle, die der regierenden PiS nicht nur daheim hilft, sondern vor allem ihrer Schwarz-Weiß-Perspektive auf den Ukraine-Krieg Vorschub leistet
Auch Polen will Leopard-2-Panzer in die Ukraine liefern
Auch Polen will Leopard-2-Panzer in die Ukraine liefern

Foto: Sean Gallup/Getty Images

Es ist keine polnische Sicht auf die Leopard-Frage, die auf den folgenden Zeilen folgt. Wenn man die „polnische Sicht“ als Mehrheitsmeinung betrachtet, die sich aus den Positionen der Regierung, der Opposition, der wichtigsten und auflagenstärksten Medien, einflussreicher (Militär-)Fachleute und bedeutender Think-Tanks zusammensetzt, dann wäre sie wie folgt zu beschreiben: Es sind die deutschen Leopard-Panzer, die den Krieg in der Ukraine zugunsten Kiews wenden können. Mit Betonung auf „wenden“. Diese Position wird in Polen noch wesentlich vehementer und in gewisser Weise naiver vertreten, als dies bereits in großen Teilen der deutschen Öffentlichkeit der Fall ist.

Die konservative Tageszeitung Rzeczpospolita etwa schreibt, die Lieferung von „rund 100 Leopard-Panzern könnte sich als ausreichende Kraft für eine effektive Offensive gegen Russland erweisen“. Das stark regierungskritische, liberale Blatt Gazeta Wyborcza stellte jüngst die Waffenarsenale Russlands und der Ukraine gegeneinander. Das ergab: etwa 12.500 russische stehen 1.900 ukrainischen Panzern gegenüber, 779 russische Kampfjets 69 ukrainischen, 1.543 Kampfhubschrauber 112 der Ukraine. Es gäbe 70 U-Boote und 86 Korvetten Russlands und keine der Ukraine. Das Fazit des Autors: „Wenn die Unterstützung für die Ukraine nicht zügig kommt, wird die gesamte zivilisierte Welt dafür einen hohen Preis zahlen. Wir sollten Selenskyj keine Denkmäler bauen. Geben wir ihm Waffen und eine Chance. Heute, nicht morgen!“

Im Kampfmodus

Es gibt in Polen kaum nennenswerte Stimmen, die vor solche Statements ein zweifelndes „aber“ setzen würden. Auch fehlt es an konkreten Antworten, wie viel Waffen nötig wären, damit die Ukraine diesen Krieg „gewinnen“ kann.

Dabei legen die verkündeten Zahlen angesichts der nun in Aussicht stehenden Leopard-, Abrams- und Challenger-Panzer eine geradezu fundamentale Erkenntnis nahe: Selbst bei einer technologischen Überlegenheit gegenüber den russischen Kampfpanzern können die westlichen auf absehbare Zeit den Krieg kaum zugunsten der Ukraine entscheiden. Diese Einschätzung müsste sich bei einem Blick auf entsprechende Statistiken jedem Laien erschließen.

Und doch ist es angebracht, die Rolle Polens sowohl in Europa als auch an der westlichen „Front“ gegenüber dem russischen Krieg gegen die Ukraine nicht zu unterschätzen. Polen wirkt wie eine Art Transmissionsriemen, wie ein Akteur, der angesichts seiner geografischen Lage als direkter Nachbar der Ukraine und wegen der bisherigen Unterstützung für Kiew (Waffentransfer, Flüchtlingsaufnahme) die Deutschen durchaus zu einer stärkeren Beteiligung an dem Krieg drängen kann.

Warschau agiert wie der informelle Europa-Sprecher der USA. Es war daher für die polnische Regierung ein Leichtes, in der Frage der Lieferung der Leopard-Panzer agil vorzupreschen, nachdem sich Warschau – davon darf man ausgehen – dafür den Segen oder womöglich gar die Order der US-Regierung eingeholt hat. In der polnischen Öffentlichkeit werden die Fragen nach möglichen Konsequenzen und Risiken eines solchen Schachzugs – also der Lieferung von Kampfpanzern und später womöglich von weiterem Gerät wie Kampfjets – kaum gestellt, auch nicht von bedeutenden Oppositionskräften. Jene Frage etwa, ob Polen künftig Ziel der russischen (hybriden) Cyber-Kriegführung sein könnte.

In dieser Lage kann die Warschauer Führung, die das nationalistisch-kämpferische Pathos ohnehin und ganz unabhängig vom Ukraine-Krieg in petto hat, heute mehr denn je das Image des mutig handelnden Akteurs, des nahezu bedingungslos loyalen Verbündeten der Ukraine, bedienen. Dadurch stellt sich quasi automatisch die Regierung in Berlin als Ansammlung von Zauderern und Feiglingen dar, die noch nicht von ihrer Russophilie geheilt wurden.

Nichts und niemand

Forschen Wagemut exerzierte Premierminister Mateusz Morawiecki Ende vergangener Woche, als er betonte, man würde die Leopard-Panzer auch dann liefern, wenn die Deutschen nicht zustimmten. In „normalen“ Zeiten wäre dies ein Affront. In Zeiten des Krieges an den eigenen Grenzen sehen viele Menschen – wohl nicht nur in Polen – dies als bewundernswerte Konsequenz von Akteuren, die nichts und niemanden fürchten.

In Polen selbst beeindruckt ein solches Narrativ nicht nur die stramm Konservativen und Nationalisten. Das ist aus Sicht der PiS besonders wichtig, weil im Oktober die Parlamentswahlen anstehen. Und weil sich die PiS längst entschieden hat, den Wahlkampf auch mit dem Narrativ ausfechten, die Deutschen als Feindbild vor sich herzutragen. Und wenn nicht Feind, dann zumindest Feigling.

„Die Deutschen zögern, sie winden sich“, so Morawiecki. „Sie agieren in einer kaum verständlichen Weise. Wir sehen deutlich, dass sie der sich verteidigenden Ukraine nicht im stärkeren Maße helfen wollen. Was bedeutet es? Angst? Eine nicht ganz zu verstehende Sorge? Denken sie, dass eine Rückkehr zu Beziehungen mit Russland noch möglich ist?“

Opfer Polen, Täter Deutschland

Die Biden-Administration kann sich kaum einen besseren Juniorpartner vorstellen, um Deutschland noch enger an das eigene Lager und endgültig gegen Russland zu binden. Polen kann Karten ausspielen, die Berlin nur schwer parieren kann: Es war Polen, das 1939 dem Hitler-Stalin-Pakt zum Opfer fiel; es war Polen, das sich 1945 als vermeintlich befreites Land im Block der UdSSR wiederfand, während der Täterstaat (West-)Deutschland als Nutznießer des Kalten Krieges erblühen konnte; es war Deutschland, das in der Causa „Nord Stream 2“ allzu egoistisch die eigene Energiesicherung forcierte, anstatt seine Energiepolitik europäisch zu koordinieren.

Es gibt kaum ein glaubwürdigeres Sprachrohr als Polen, um den Deutschen ihre tatsächlichen oder vermeintlichen Fehler vorzuhalten. Und um in Deutschland geäußerte Vorbehalte, deutsche Leopard-Panzer gegen russische Panzer seien schon aus historischen Gründen ein Tabu, zumindest aufzuweichen. Und nach den Kampfpanzern ist vor den Kampffliegern.

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