Im Strom der Push-Meldungen

Attentate Die Schriftstellerin Gila Lustiger spürt in einem hochaktuellen Essay der Frage nach, welche Spuren der Terror in unserem Leben hinterlässt
Ausgabe 14/2016
Gila Lustiger lebt seit fast 30 Jahren in Paris
Gila Lustiger lebt seit fast 30 Jahren in Paris

Foto: Horst Galuschka/Imago

Welche Spuren hinterlässt der Terror in unserem Leben? Was bleibt, wenn die Dichte der Eilmeldungen wieder sinkt? In ihrem Essay Erschütterung. Über den Terror geht Gila Lustiger diesen Fragen nach. Auch wenn die Anschläge von Brüssel natürlich noch nicht in den Text eingehen konnten, wirkt er bedrückend aktuell: Lustiger mischt Eindrücke ihres Alltags in Paris nach den Anschlägen vom 13. November mit Recherchen aus den Banlieues und Reflexionen über die großen gesellschaftlichen Umbrüche, Stichwort: Flüchtlingswanderung.

Lustiger wurde 1963 in Frankfurt am Main als Tochter des deutsch-jüdischen Historikers Arno Lustiger geboren. Seit fast 30 Jahren lebt sie in Paris. 2015 veröffentlichte sie kurz vor den Attentaten auf Charlie Hebdo und einen jüdischen Supermarkt Die Schuld der anderen. Für diesen zur Gesellschaftskritik geweiteten Krimi hatte sie in den deindustrialisierten französischen Provinzen und den von Armut und Gewalt zerrissenen Vororten recherchiert. Das machte sie nach den Anschlägen zu einer gefragten Gesprächspartnerin der Medien.

Der Essay beginnt ebenfalls mit den Medien, aber aus Sicht der Rezipienten. Lustiger beschreibt, wie sie (auch sie!) rasch dem Strom der Push-Meldungen und Live-Ticker verfällt. „Ihre Informationen erreichten mich im Minutentakt, und ich gab mich ihnen hin von frühmorgens bis spät in die Nacht.“ Und das, so betont sie, wider besseres Wissen. Von früheren Attentaten in Israel, wo sie ebenfalls eine Weile lebte, hat sie noch die warnenden Stimmen von Psychologen im Ohr: Zu viele Informationen führen natürlich nicht dazu, dass sich Ängste verflüchtigen, sie befeuern diese vielmehr noch. Warum tut man es trotzdem? Weil man den Geschehnissen nicht nur ausgeliefert sein will. Wenn sich die Fakten und Details zu einer Erklärung zusammenfügen, dann, so hofft man, verliert das Monströse seinen Schrecken.

Es ist eine große Qualität von Lustigers Buch, dass sie deutlich macht, dass das so nicht funktioniert. Der Schrecken bleibt. Die Suche nach den Antworten geht weiter. Bei ihrem Erklärungsversuch setzt Lustiger noch einmal bei den Versäumnissen der französischen Integrationspolitik an. Die riesigen Schlafstädte, außerhalb der Metropolen, ursprünglich für Arbeiter aus Nord- und Zentralafrika geschaffen, deren Kinder und Enkel aber keine Arbeit mehr in der verschwindenden Industrie finden und in doppelter Trostlosigkeit gefangen sind. Und zugleich die völlige Ideenlosigkeit der politischen Klasse, dem Elend etwas Positives entgegenzusetzen.

Vieles von dem, was Lustiger schreibt, ist nicht neu. Es gelingt ihr aber, durch die subjektive Perspektive dem Text einen Mehrwert zu geben. Etwa, wenn sie erzählt, wie sie zwar mit ihren Pariser Intellektuellenfreunden 2005 aufgeregt über die Banlieue-Ausschreitungen diskutierte, mehr aber auch nicht: „Wirklich betroffen, ich meine so, dass es unseren Alltag hätte beeinträchtigen können, hatten die Jugendkrawalle dort draußen, weit hinter den Rändern der Stadt, keinen Einzigen von uns.“

Die Betroffenheit stellt sich bei ihr ein, als sich in Vororten die Zahl der antisemitischen Übergriffe häuft. Aus dem Gemisch aus Perspektivlosigkeit, Frust und einem aggressiven, antisemitisch aufgeladenen Islamismus entstehen Taten wie jener Foltermord an dem jüdischen Handyverkäufer Ilan Halimi, der im Keller eines Sozialbaus von einer Jugendgang drei Wochen lang gefoltert wurde, während Nachbarn und Bekannte vorbeikamen, ohne einzugreifen. Halimi verblutete schließlich. Das zeigt den Grad einer Enthemmung, die keiner langen Ausbildung in syrischen Camps mehr bedarf, um aus einem Jugendlichen einen Terroristen zu machen. Eine Lösung hat Gila Lustiger nicht. Ihr Essay bildet aber den Prozess des Fragens und Suchens ab.

Info

Erschütterung. Über den Terror Gila Lustiger Berlin Verlag 2016, 160 S., 16 €

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Geschrieben von

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