Dosenravioli? Da nehme ich lieber das Virus

Essen Haben Sie bei der Vorbereitung auf die Quarantäne auch an den Dosenöffner gedacht?
Ausgabe 11/2020

Frage an alle Hamsterkäufer: Haben Sie auch an den Dosenöffner gedacht? Oder das alte Gerät in der Schublade einer Prüfung unterzogen? Sollten Sie, bevor es hart auf hart kommt. Noch bereiten sich alle vor auf die Zeiten drohender Privatquarantäne. Noch bevor das Coronavirus das Land so richtig erfasst, grassiert schon die Dosenwelle. In meinem Supermarkt klaffen bei den Nudeln, vor allem aber bei den Dosensuppen, große Lücken. Laut der Gesellschaft für Konsumforschung ist die Nachfrage überhaupt nach allem groß, was sich in Weißblech packen lässt: Obst und Gemüse, Fleisch, Fisch, Suppen. Fast doppelt so viel wie sonst werden solche Büchsen seit Anfang des Monats verkauft.

Man könnte sich nun hämisch lustig machen darüber, wie lang erarbeitete neue Essgewohnheiten so mir nichts, dir nichts eingetauscht werden gegen die alte eingesargte Industriepampe, aber geschenkt: Diesen gut haltbaren Gag auszulassen, das kann sich in den nächsten Monaten keine Satiresendung leisten. Aber ich, ich will es. Denn ist es nicht schön: Die Dosennahrung aus Kindheits- oder Studientagen ist auf einmal Talk, ein wärmend nostalgischer: Serbische Bohnensuppe, Linseneintopf mit Würstchen oder Maggi-Ravioli, das ist meist der Triangel solchen Gesprächs.

Ich bin dabei noch unentschieden, ob ich einem dieser drei Lager beitreten werde. Von meiner Biografie her ist die Sache ziemlich klar: Ravioli. Die waren schon an Tschernobyl das Tollste. Der Keller war voll mit den roten Dosen – und ihr Inhalt Mitte 1986 ohnehin meine Leibspeise. Um in dem Teenagergefühl mal wieder zu baden, habe ich vor ein paar Jahren eine Dose gekauft. Uuuuah, lieber Covid-19 als noch einmal im Leben Maggi-Ravioli.

Wichtiger aber im aktuellem Zusammenhang ist: Beinahe hätte es dieses Gedächtnisessen nicht gegeben. Denn dafür musste ich den alten Dosenöffner wieder raussuchen, selbst ein Relikt aus den 80er Jahren. Über die Jahre muss das Ding müde geworden sein – es grub sich beim besten Willen nicht ins Blech. Am nächsten Tag kaufte ich also einen Ersatz, für kleinstes Geld. Der schnitt zwar noch ins Metall, aber ganz genau für die Öffnung dieser einen Dose Ravioli, dann war der Griff lose. Mit dieser Erfahrung sage ich: Wenn Sie also Dosen horten wollen und annehmen, dass Sie die Dosen auch mit größter Wahrscheinlichkeit nutzen werden, dann sollten Sie noch etwas anderes horten: Dosenöffner.

Ich vermute, ernsthaft übers Öffnen denkt bisher niemand nach. Die Dose verursacht den neuen Kaufrausch, nicht der Inhalt. Denn der würde genauso gut in Gläser oder in Tetra Paks passen. Wenigstens ich habe da noch keine Lücke in den Regalen gesehen. Diese letztgültige Sicherheit, nach der man sich in diesen infektiösen Zeiten so sehnt, verspricht allein das Wellblech. Ein Glas kann brechen, das Tetrapak platzen, die Dose verbeult höchstens. Mit der kommen wir zur Not bis zum Mond, wenn wir vor Sars-CoV-2 flüchten müssen.

Zum Schluss ein Funfact: dass die Erfindung der Konservendose auf Napoleon zurückgeht, wussten Sie vielleicht. Er wollte seine Truppen reichlich mit Proviant ausstatten, damit sie nicht mehr so viel Zeit und Kraft mit Plünderungen verplempern. 1813 wurde sie patentiert. Aber wussten Sie auch, dass es bis zur Erfindung des Dosenöffners noch rund 40 Jahre dauern sollte? Warum, war mir bislang ein großes Rätsel. In den jüngsten Tagen ist es etwas geschrumpft.

Jörn Kabisch schreibt als Der Koch für den Freitag regelmäßig über Küchen- und Esskultur

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Geschrieben von

Jörn Kabisch

Stellvertretender Chefredakteur des Freitag von 2008 - 2012 und Kolumnist bis 2022, seitdem Wirt im Gasthaus zum Schwan in Castell

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