Salz und Sarkasmus

Der Koch 1789 war die Salzsteuer einer der Hauptgründe für den Sturm auf die Bastille. Heute ist der Veganismus die Speerspitze einer jungen gastropolitischen Bewegung
Salz und Sarkasmus
Nahrungspolitik steht heute vor allem im Zeichen des Überflusses

Foto: Noam Galai / Getty Images

Wie politisch das tägliche Brot durch die Zeiten hindurch war, erstaunt mich immer wieder. Je mehr mich diese Perspektive einnimmt, desto häufiger stoße ich auf Fundstücke. Etwa auf diesen Schlachtruf der französischen Revolution: „Freies Salz für freie Bürger“, hieß es Ende des 18. Jahrhunderts. Die Salzsteuer war das Musterbeispiel für die Willkür des hochverschuldeten Ancien Régime. Ihre ständige Erhöhung hatte Auswirkungen auf die Nahrungsmittelpreise insgesamt. Die Salzsteuer gilt deshalb als einer der wesentlichen Gründe für den Sturm auf die Bastille von 1789.

Das ist nur eines von vielen Beispielen, aber doch ein zentrales: Man sollte meinen, dass Menschen sich in einer bestimmten Kontinuität befinden, wenn sie heute grundsätzlicher denn je darüber nachdenken, was sie essen und zu welchem Preis – und dass sie sich politisch ernähren. Nehmen wir etwa den Veganismus, der zurzeit viele Anhänger findet. In den vergangenen Wochen war aber in einigen Medien, von taz bis FAZ, zu lesen, es handle sich lediglich um Veganismus light, um eine Lifestyle-Erscheinung.

Seine Vorreiter, zum Beispiel einer wie Attila Hildmann, ein männliches Fitnessmodel und zugleich Autor des Bestsellers Vegan for Fun, seien nicht ernsthaft politisch. Die ursprüngliche Idee der Bewegung, nämlich Tieren Leid zu ersparen, sei für die neuen Veganer höchstens angenehmes Nebenprodukt einer gesunden Diät. Der Trend zum Fleischverzicht, der zur Hipness der jungen Großstadtbevölkerung gehöre, beruhe eher auf einem Abgrenzungsbemühen, auf Identitätsarbeit, als auf Systemwiderstand. Und ja, vielleicht werde sich das auch wieder auswachsen, so wie eine andere Jugendgeneration irgendwann die selbstgestrickten Pullis wieder ausgezogen hat.

Der Veganismus hat es damit so schwer wie viele andere Konzepte, sich verantwortungsvoll oder eben korrekt zu ernähren. Wir sehen Essen vor allem als eine Sache der persönlichen Identitätspflege an: „Du bist, was du isst“, wie es der Philosoph Ludwig Feuerbach einmal formulierte. Mehr aber nicht. Wo bleibt da das Politische? Der Rückgriff auf das „freie Salz für freie Bürger“?

Die Wahrheit ist: Das Politische muss heute neu begründet werden. Zwar war Nahrung immer hochpolitisch, doch das stets im Zusammenhang mit Hunger und Armut. Der Hunger ist in Europa weitgehend besiegt. Nahrungspolitik steht heute im Zeichen des Überflusses. Dieser zeigt sich in den Regalen der Supermärkte. Er macht es möglich, dass ich mich völlig anders ernähren kann als mein Nachbar, höchst individuell, und das inzwischen sogar fast an jedem Ort der Welt, wie ich selbst gerade, da ich im Urlaub in der Türkei bin, wieder erfahren kann.

Man kann das als Privatisierung der Ernährung bezeichnen, und diese Privatisierung ist meiner Ansicht nach die Ursache, warum es politische Esser so schwer haben. Auch wenn immer mehr Menschen die Produktionsweisen des Überflusses in Frage stellen und die Demonstrationen gegen Agrar- und Lebensmittelindustrie größer werden: Sich bio, regional, vegetarisch oder auch vegan zu ernähren, hat schnell den Ruch des persönlichen Spleens. Und natürlich stellt sich da die spitzfindige Frage, was am Ende politisch das ganz Korrekte ist.

Tatsächlich ist der Veganismus die Speerspitze einer jungen gastropolitischen Bewegung. Es sind in diesem Bereich nicht nur viele bunte Kochbücher erschienen, sondern etliche sehr ernst zu nehmende, teils auch hochmoralische Schriften wie zuletzt Hilal Sezgins Plädoyer Artgerecht ist nur die Freiheit. Die Debatte beginnt erst. Es ist zu hoffen, dass sie noch streitbar(er) wird. Vielleicht gelingt ihr dann auch eine Revolution.

Jörn Kabisch schreibt als Der Koch für den Freitag regelmäßig über Küchen- und Esskultur

06:00 25.10.2014
Geschrieben von

Jörn Kabisch

Food-Journalist, Blattmacher, Stellvertretender Chefredakteur des Freitag von 2008 - 2012
Jörn Kabisch

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