Schimmel, Schrott und Schummelei: Warum in Berlins Schulen alles schief geht

Schocklektüre „Klassenkampf“ heißt das Buch von Lorenz Maroldt und Susanne Vieth-Entus. Sie beobachten seit Jahren die desaströse Berliner Bildungslandschaft
Schülerinnen einer „Willkommensklasse“ für Migrant*innen in Berlin, 2016
Schülerinnen einer „Willkommensklasse“ für Migrant*innen in Berlin, 2016

Foto: Sean Gallup/Getty Images

Theoretisch ist es um die schulische Bildung in Berlin bestens bestellt. Hier werden mehr Unterrichtsstunden erteilt als in anderen Bundesländern, und die Schüler-Lehrer-Relation erreicht einen Spitzenwert. Verwunderlich ist das nicht, denn die Hauptstadt liegt nach Jahren eisernen Sparens auch bei den durchschnittlichen Bildungsausgaben vorne. Allerdings ist fraglich, ob das viele Geld reicht, um die Versäumnisse der Vergangenheit wettzumachen. Oder ob die Probleme überhaupt finanzielle Ursachen haben.

Denn die Praxis ist, glaubt man Lorenz Maroldt und Susanne Vieth-Entus, noch immer desaströs. Und sie müssen es wissen, arbeiten sie sich doch seit vielen Jahren für den Tagesspiegel journalistisch am Berliner Schulwesen ab. Ihr Katastrophenbericht, jetzt unter dem provokanten Titel Klassenkampf erschienen, ist eine Schocklektüre. Schimmel, Schrott und Schummelei, so lässt sich der Zustand des Berliner Bildungswesens trefflich zusammenfassen. In nicht wenigen der abbruchreifen Schulgebäude gibt es Klassen, die jahrelang keine ausgebildeten Lehrkräfte zu Gesicht bekommen haben. Bundesweite Vergleichstests zeigen immer wieder, dass die in der Hauptstadt vergebenen Abschlüsse wenig wert sind, denn die Anforderungen wurden konsequent gesenkt. Besorgniserregend miserablen Mathe- und Deutschkenntnissen ist so natürlich nicht beizukommen. Und es ist kaum verwunderlich, dass nicht wenige junge Menschen die Schule ohne die grundlegenden Voraussetzungen für eine Berufsausbildung verlassen. Was die erfindungsreiche Bildungsbürokratie allerdings nicht davon abhält, den Schulen mit immer neuen, leider nur theoretisch einleuchtenden Reformideen die Arbeit zu erschweren.

Wer nach den Ursachen für die Misere sucht, wird leicht fündig. Berlins notorisch ineffiziente öffentliche Verwaltung kümmert sich auch um die Schulen. Und für viele Vorhaben sind gleich mehrere Stellen zuständig. So gestaltete sich die Digitalisierung, in jedem Bundesland ein gewaltiger Kraftakt, in Berlin als Farce. Allerdings eine, die schon in den Anfängen 16 Millionen Euro verschlang. Da wurden Server angeschafft, die nicht genutzt werden durften und wieder abgeholt wurden, als man sich für ein anderes Modell entschieden hatte. Wie die Geschichte weiterging, schildern Maroldt und Vieth-Entus mit dem gebotenen Sarkasmus. Zu Ende ist sie noch nicht. Inzwischen liegt eine neue „Digitalisierungsstrategie“ vor, die „bis 2025 Wirklichkeit werden soll“.

Überall Quereinsteiger

Da es allerdings auch in der digitalen Schulwelt ohne qualifiziertes Lehrpersonal nicht geht, dürfte auch diese Prognose zweifelhaft sein. Berlin deckt seinen Lehrerbedarf weitgehend mit sogenannten Quereinsteigern (der Freitag 48/2019) von zweifelhaftem Ausbildungsstand, was jetzt aber nicht despektierlich klingen soll, den Quereinsteigern wird im Schnell-Referendariat, so hört man, nichts geschenkt. Wer jedoch sein klassisches Referendariat in der Hauptstadt erfolgreich abgeschlossen hat, sucht bisher in der Regel schnell das Weite, um in einem anderen Bundesland verbeamtet zu werden. Dieses Privileg hatte Berlin vor Jahren abgeschafft. Dafür mag es gute Gründe gegeben haben, den Beruf machte es nicht attraktiver. Zumal Berlins Schulen, nicht zuletzt aufgrund ihrer ethnisch heterogenen Schülerschaft, ganz besondere pädagogische Herausforderungen bieten.

Klassenkampf ist eine flott geschriebene Reportage aus dem Herzen der pädagogischen Finsternis, die junge Eltern, neben den exorbitanten Wohnungspreisen, davon abhalten dürfte, ihren Wohnsitz in die Hauptstadt zu verlegen. Und das auf absehbare Zeit. Denn dass die zehn pragmatischen Lösungsvorschläge, mit denen das Buch endet, auf fruchtbaren Boden fallen werden, darf bezweifelt werden.

Info

Klassenkampf. Was die Bildungspolitik aus Berlins Schuldesaster lernen kann Lorenz Maroldt, Susanne Vieth-Entus Suhrkamp 2022, 266 S., 18 €

Joachim Feldmann ist seit über 30 Jahren Lehrer für Deutsch und Englisch an einer beruflichen Schule im Ruhrgebiet. Und demnächst im Ruhestand

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