Juliane Löffler
Ausgabe 2913 | 18.07.2013 | 06:00 10

Böse Nachbarn

Berlin Die Konflikte zwischen Asylbewerbern und Anwohnern beflügeln nicht nur die NPD dazu, gegen Flüchtlinge zu hetzen. Doch es gibt auch Solidarität

Böse Nachbarn

Solidarisch: Hunderte Demonstranten stellten sich der "Anti-Asyl-Tour" der NPD entgegen – später regnete es Eier gegen die Rechtsextremen

Foto: Christian Mang

Die Menschenmenge ist aufgebracht. „Was ist mit der Sicherheit unserer Kinder?“, schreit eine junge Frau in das Mikrofon. „Überall werden Kitas abgerissen. Unsere Kinder sind wichtig und nicht das, was hier herkommt.“ In Berlin-Hellersdorf soll ein Asylbewerberheim eröffnet werden, rund 1.000 Menschen sind zu der Informationsveranstaltung der Bezirksleitung gekommen. Die Stimmung ist aggressiv. Die junge Frau erhält für ihre Wutrede Applaus.

Auf einigen T-Shirts steht „Nein zum Heim“, auf anderen nur „22. bis 26. August 1992“, das Datum des rassistischen Pogroms in Rostock-Lichtenhagen. Zu der Veranstaltung in Hellersdorf sind einige Mitglieder der rechten Szene extra angereist, auch der Berliner NPD-Landeschef Sebastian Schmidtke ist vor Ort. Die Polizei greift nicht ein – wohl aus Angst, die Situation könne eskalieren.

Die Rechtsextremen sind auf Stimmenfang, bestärken aufgebrachte Wutbürger in ihren Ressentiments und Ängsten. Woher kommt der Unmut vieler Anwohner?

Ein Grund könnte sein, dass ausgerechnet ein ehemaliges Gymnasium als Ort für das Flüchtlingsheim ausgewählt wurde. Viele Bürger fühlten sich dadurch benachteiligt, glaubt der Migrationsforscher Klaus J. Bade. „Das ist aber eine völlig falsche Vorstellung.“ Tatsächlich steht das Gebäude schon seit mehreren Jahren leer, die Schule wurde geschlossen, nachdem die Schülerzahlen um etwa ein Drittel eingebrochen waren.

Steigt durch ein Flüchtlingsheim die Kriminalität im Stadtteil? Bade sagt, es gebe zwar Einzelfälle, in denen das zutreffe – aber keine Statistik, die einen allgemeinen Zusammenhang belegen würde. Die Behauptung sei vielmehr „eine Mischung aus Gruselmärchen, Fahrlässigkeit und Denunziation“.

Damit das Zusammenleben gelingt, empfiehlt der Experte unter anderem einen raschen Zugang zum Arbeitsmarkt für Asylbewerber. Aber gerade der wird von der Politik verbaut, eine Arbeitsstelle bekommen viele Flüchtlinge nur, wenn sich weder Deutsche noch andere EU-Bürger finden. Arbeit zuerst für Deutsche – für diese NPD-Parole gibt es eine gesetzliche Grundlage.

Erfolgsgarantie für Populisten

In Berlin-Kreuzberg demonstrieren Flüchtlinge seit fast einem Jahr für mehr Rechte. Aber auch bei dem Protestcamp am Oranienplatz gibt es Konflikte mit Anwohnern. Einige beschwerten sich über Müll und Gestank. Vor einem Monat war ein Anwohner sogar mit einem Messer auf einen Campbewohner losgegangen, weil er sich von dem Zeltplatz gestört fühlte.

Anders als in Hellersdorf, wo das Flüchtlingsheim bereits beschlossene Sache ist, stellt sich die Politik in Kreuzberg jedoch nicht geschlossen hinter die Flüchtlinge. Berlins CDU-Innenstaatssekretär Bernd Krömer sprach bereits von einer „erheblich verschlechterten Sicherheitslage“ und forderte die Schließung des Flüchtlingscamps. Der CDU-Fraktionschef im Bezirksparlament, Götz Müller, bezeichnete den Oranienplatz als „Spielwiese von Linksradikalen“ und hat mit seinem Parteikollegen Kurt Wansner Unterschriften für die Schließung des Camps gesammelt.

Die Zelte sind vielen Konservativen einfach ein Dorn im Auge. Wer beispielsweise an der Messerstecherei schuld ist, spielt dann keine große Rolle mehr. Am deutlichsten wird diese Haltung in einem Kommentar der Boulevardzeitung BZ: „Das Zeltlager hat den Frieden am Oranienplatz zerstört. Es muss geräumt werden.“ So eine Meinung wirkt wie eine Erfolgsgarantie für Rechtspopulisten und Neonazis: Sie müssen sich bloß mit den Flüchtlingen streiten, schon gibt es einen Grund für die Räumung des Camps.

In der Tat fühlen sich die Rechtsextremen durch die Vorfälle in Hellersdorf und Kreuzberg offenbar beflügelt: Am vergangenen Wochenende zog die NPD von Kundgebung zu Kundgebung durch Berlin. Ein Stopp der „Anti-Asyl-Tour“ sollte direkt neben dem Oranienplatz sein, aber dort wurde die Demo der Neonazis von Linken verhindert.

Auch in Hellersdorf gibt es durchaus Solidarität mit den Flüchtlingen, einige Anwohner schämen sich für die ausländerfeindlichen Parolen auf der Veranstaltung. Etwas irritierend wirkt da die Aussage des Bezirksbürgermeisters, der die „großen Sorgen“ und „Fragen zur Sicherheit“ für „legitim“ hält. Er sollte sich lieber um die Sicherheit der Asylbewerber sorgen.

Mehr Informationen zum Refugeecamp und den Asylprotesten

 

Dieser Beitrag erschien in Ausgabe 29/13.

Kommentare (10)

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Ehemaliger Nutzer 18.07.2013 | 11:57

Sie können daran auch studieren, wie bürokratische Entscheidungen von Politikern dazu genutzt werden Themenfelder zu besetzen, die bei Bedarf aus der Kiste geholt werden können. Welche Logik besteht denn darin, dass eine Stadt mit über 3 Millionen Einwohnern ganz offensichtlich ein Problem damit hat 200 Asylanten unterzubringen? Ortschaften an der Grenze zu Syrien nehmen derzeit Tausende auf, und nicht nur dort. Das Ganze ist doch ein Witz, bei dem einem das Lachen im Halse steckenbleibt.

MathisOberhof 18.07.2013 | 12:48

Im schönen Wandlitz, nördlich von Berlin, wurde im Januar eine Asylbewerber-Unterkunft geschaffen, viele Einwohner und die Rechten waren nicht begeistert und wollten die Unterbringung verhindern. Die Gemeinde wollte aber nicht als fremdenfeindlich in die Geschichte eingehen und rief eine Solidaritätsbewegung ins Leben. Das Ziel: die Asylbewerber sollen ins Gemeindeleben integriert werden.

Willkommen in Wandlitz: Wie ein Ort mit Asylbewerbern umgeht. Eine Reportage von Marc Dickgreber.

http://www.dw.de/journal-reporter-willkommen-in-wandlitz-2013-07-06/e-16883921-9800

Juliane Löffler 18.07.2013 | 14:18

Ja, das ist absurd. Da merkt man, dass es natürlich am Willen (und zwar dem bundespolitischen – denn die Bezirke sind mit den Sanierungskosten oft tatsächlich überfordert) fehlt. Ich habe heute morgen in der Berliner Zeitung gelesen, dass im Libanon über eine Millionen syrische Flüchtlinge aufgenommen wurden. Im rechnerischen Größenvergleich wären das 18 Millionen für Deutschland. Tatsächlich sind es seit Ausbruch des Bürgerkriegs etwa 13.000. Und dann wird noch dreist argumentiert, es wäre eine finanzielle/gesellschaftliche Überforderung. Ein schlechter Scherz

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Ehemaliger Nutzer 18.07.2013 | 15:56

Mit diesem schlechten Scherz wird Lokal-/Landes- und Bundespolitik betrieben. Es wundert mich deshalb nicht, dass die Menschen, die sich wenig für die Zusammenhänge in der Welt interessieren, eine diffuse Angst haben, was von den Rattenfängern der Nazis ausgenutzt wird. Mich wundert viel mehr, dass sich die Mittelschicht dieses Treiben der Polithansel widerstandslos gefallen lässt.

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Ehemaliger Nutzer 18.07.2013 | 18:02

Naja, wer nicht in Hellersdorf wohnt und davon nicht betroffen ist, tut sich vielleicht leichter damit, Solidarität, oder was auch immer, zu fordern, von den anderen selbstverständlich.

In den Szene-Kiezen und den Wohngebieten der Wohlhabenden (z.B. Grunewald, Dahlem, Wannsee) werden, wenn überhaupt, eine symmbolisch zu nennende Anzahl an Kriegs- oder Bürgerkriegsflüchtlingen aufgenommen, sozusagen, um zu zeigen, dass man ja auch etwas tue. Damit verschafft man sich dann auch eine moralische Legitimation und Überlegenheit, von den anderen besagte Solidarität einzufordern.

Und natürlich ist nicht alles, was hinkt, auch ein Vergleich, auch kein rechnerischer.

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Ehemaliger Nutzer 19.07.2013 | 08:04

Könnte man so sehen, auch, ob ein springender Punkt ebenfalls ein hinkendes Argument sein kann. Sie haben natürlich recht, dass ein Zuhause für Flüchtlinge in Grunewald, Dahlem und Wannsee ein Lackmustest für die Gesellschaft wäre, was man noch toppen könnte, wenn man das Bauvorhaben in Prenzlauer Berg lokalisieren würde.

Es ist tragisch und, wenn man es akzeptiert, auch unabwendbar, dass eine Gesellschaft an Zusammenhalt verliert, wenn die feinen Dinge in die Nähe jedes Menschen gewünscht werden, während die mühsamen Dinge nur dort angesiedelt werden, wo die Gegenwehr minimal ist. Darin stimme ich Ihnen ausdrücklich zu.

MathisOberhof 20.07.2013 | 00:52

Merkt eigentlich keiner, was für ein Unsinn die Unterstellung ist, flüchtlingsheime würden nur in prekären Wohngegenden eingerichtet. Wandlitz hat nicht nur wegen der ehemaligen Politbüro-Siedlung sondern vor allem der vielen schönen Seen, die auch die Grundstückspreise steigen lassen, weissgott nicht das Image, prekärer Bezirk zu sin, eher Villengegend. Und hier ist ein erfolgreiche WILLKOMMENSKULTUR durchaus möglich.

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Ehemaliger Nutzer 20.07.2013 | 12:11

@MATHISOBERHOF20.07.2013 | 00:52

Das Flüchtlingsunterkünfte nur in prekarisierten Viertel eingerichtet werden würden, unsterstellen ja wohl eher Sie ["... würden nur ..."].

Wandlitz hat, wie einige andere Gemeinden Bundesweit, eine Alibi-Funktion, meist noch eine politisch gegen den Willen der dortigen Bevölkerung erzwungene. Von Wegen Willkommenskultur.

Dass Wandlitz von Neu-Reichen. Wohlhabenden und Angehörigen der oberen Mittelschicht aus West und Ost unter den Nagel gerissen worden ist, ist schon bezeichnend genug.

Man mag einmal bitte vergleichen, dann sieht man vielleicht, um was es geht, und zwar als Teil fürs Ganze: Hellersdorf und der Ort Wandlitz. Hellersdorf ist 19mal dichter besiedelt als Wandlitz. Ähnliche Beispiele, und zwar in der Mehrzahl, lassen sich aus dem ganzen Bundesgebiet finden. Und natürlich können die Reichen, Wohlhabenden und Angehörigen der oberen Mittelschicht schon rein materell generöser sein, obwohl sie es häufig nicht sind, sonst wären sie nicht so reich und wohlhabend. Aber man liebt es in diesen Kreisen, als Wohltäter daherzukommen und öffentlich dafür gelobt zu werdern. Gleiches kann man nämlich bei vielen Betreibern der sogenannten Tafeln besonders gut beobachten.

ILYAS 29.08.2013 | 21:07

Dass man in den Bonzenvierteln keine Flüchtlingsheime findet, wollen die Heimgegner und Neonazis - unwissentlich oder mutwillig -als Beweis dafür sehen, dass man den Reichen ihre Ressentiments gegenüber den Fremdlingen gönnt, während das Prekariat die Nazi-Keule verpasst bekommt, wenn sie keine Asylanten in ihrer Umgebung dulden wollen.

Nun das ist natürlich ein Irrtum. Edelviertelbewohner lehnen allgemein alles, was nicht zum eigenen sozialen Niveau passt, als Nachbarn ab und unterscheiden zunächst nicht zwischen Fremden und Inländern.

In noblen Wohngebieten sind auch soziale Einrichtungen, Heime, Notunterkünfte, Irrenanstalten oder Gefängnisse eine Seltenheit.

Und wie schon bei der Roma-Debatte verbreiten die üblichen Verdächtigen im Maistreammedienbereich wieder Unsinn, wieder halbwahre Zahlen in Bezug auf die Einwanderung nach Deutschland.

Die Zahl Hundertausend wird kolportiert. Soviele Asylsuchende, doppelte Anzahl wie im Vorjahr, sollen dieses Jahr erwartet werden. Klingt viel, relativiert sich aber bei genauer Betrachtung auf 15000 Asylanten, die letztendlich dauerhaft bleiben, denn nur 15% aller eingereichten Asylanträge werden NICHT ABGELEHNT.