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Gender Die SPD macht sich rhetorisch für die Ehe für alle stark. Nur wenn sie im Bundestag dafür abstimmen könnte, kneift sie. So wird das mit der Gerechtigkeit nichts
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Ist Koalitionstreue wichtiger ist als Gleichberechtigung?
Foto: Clemens Bilan/Getty Images

Die Ehe ist eine komische Sache. Wir schreiben das Jahr 2017, Frauen gehen arbeiten, Patchworkfamilien sind gesellschaftlich akzeptiert, Singles irgendwie auch, individuelle Lebensentscheidungen ein Gesellschaftsmantra. Und trotzdem ist das Beziehungsleben der Bürgerinnen und Bürger staatsrelevant.

Noch immer ist gewollt, dass bestimmte Menschen heiraten (Heterosexuelle), andere nicht (Homosexuelle). Das ergibt keinen Sinn, aber die Sinnfrage über Ehe oder Nicht-Ehe kann man diese Woche für einen Moment beiseiteschieben. Wegen Sätzen wie diesem: „CDU und CSU lehnen die Ehe für alle ab, und in einer Koalition kann man keine Politik gegen den Koalitionspartner machen.“ Gesagt hat das Martin Schulz in einem Interview mit dem queeren Magazin Siegessäule und hervor geht daraus zweierlei: Erstens wird es kommende Woche erneut nicht zu einer Bundestagsabstimmung ohne Fraktionszwang über die gleichgeschlechtliche Ehe kommen, obwohl es da rechnerisch eine Mehrheit gäbe. Zweitens wird wohl die Ehe für alle von Schulz nicht zur Koalitionsbedingung gemacht, sollte es nach der Wahl erneut zur GroKo kommen.

Das ist niederschmetternd, weil es heißt, dass Nicht-Heterosexuelle noch einmal mindestens vier Jahre auf rechtliche Gleichstellung warten müssen. Es ist ärgerlich, weil Martin Schulz Koalitionstreue wichtiger ist als Gleichberechtigung. Es ist dumm, weil soziale Gerechtigkeit anders aussieht und es schwerfällt, der SPD abzunehmen, mit Schulz werde endlich alles anders in dieser reichlich angemoderten Partei. Und es ist weltfremd, weil inzwischen eine Menge Menschen verstanden haben, dass es längst Zeit für die Ehe für alle ist: die deutsche Bevölkerung (83 Prozent), zwölf EU-Länder, die Eiscrememarke Ben & Jerry’s (aktuelle Kampagne) und Heiko Maas (SPD).

In einer Zeit, in der die Zahlen homophober Übergriffe steigen, in der Rechtspopulisten in Landesparlamenten fordern, man solle Homosexuelle zählen und erfassen lassen – in solch einer Zeit wäre es ein politisch starkes Signal, sich im Bundestagswahlkampf klar zu Minderheitenrechten zu bekennen. Bei der Ehe für alle geht es um viel mehr als Romantik oder diffuse Bauchgefühle, wie sie die CDU immer wieder beschwört. (Niemand wird aussterben, versprochen, Herr CDU-Bundestagsabgeordneter Schiewerling!) Es geht um Anerkennung. Um Respekt. Um Gerechtigkeit. Und darum, sich genauso fühlen zu dürfen wie alle anderen Paare auch – egal welches Geschlecht der oder die Partner*in hat.

06:00 14.06.2017
Geschrieben von

Juliane Löffler

Onlinerin beim Freitag. Quelle: Papier
Juliane Löffler

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