Katharina Schmitz
Ausgabe 0717 | 15.02.2017 | 12:38 9

Getroffene Hunde bellen

Kampagne Mit der Verballhornung alter Bauernregeln wollte das Umweltministerium Missstände in der Agrarindustrie anprangern. Ein Shitstorm ließ Barbara Hendricks einknicken

Getroffene Hunde bellen

Kräht der Hahn auf dem Mist ändert sich's Wetter - oder's bleibt wie es ist

Foto: Blickwinkel/Imago

In 70 deutschen Städten hingen die Plakate, mit denen das Bundesumweltministerium einmal spielerisch auf tierquälerische Massentierhaltung und die Folgen der Agrarindustrie aufmerksam machen wollte. Doch jetzt hat Ministerin Barbara Hendricks die Kampagne kleinlaut eingestampft.

Was ist geschehen? Seit 2009 ist die Berliner Agentur Tinkerbelle für das Bundesumweltministerium (BMUB) in Aktion. Für eine Energiesparkampagne entwickelte die Agentur Videoclips, mit denen man die jüngere Zielgruppe zu umweltfreundlichem Verhalten anregen wollte. In einem Film erwischt eine Tochter ihre Eltern beim Von-hinten-Sex im Wohnzimmer und schaltet verständnisvoll das Licht aus. Tinkerbelles neuester Scoop nun die provokante Verballhornung von alten Bauernregeln auf Motiven, die aussehen wie Omas Stickereien, darauf steht zum Beispiel „Steht das Schwein auf einem Bein, ist der Schweinestall zu klein“ oder „Haut Ackergift die Pflanzen um, bleiben auch die Vögel stumm“. Oder: „Zu viel Dünger, das ist Fakt, ist fürs Grundwasser beknackt.“

Schon Luther erwähnte in Colloquia oder Tischreden den Spruch vom getroffenen Hund, der bellt. Er ist vielleicht so alt und deshalb so wahr wie alle Bauernregeln, auch die neuen. Horst Seehofer verwirrte CSU-typisch, die Sprüche seien nicht nur „eine Beleidigung, sondern eine Verunglimpfung“. Für den Donau-Rieser Bauernverband kam die Sache einer „Volksaufhetzung“ gleich. Peter Hauk (CDU), Landwirtschaftsminister in Baden-Württemberg, forderte: „Plakate abreißen, einstampfen und dann zurücktreten.“ Die Vorsitzende des Bunds der Deutschen Landjugend, Nina Sehnke, bezeichnete die Aktion als „entwürdigend“. Die Bayerische Jungbauernschaft spricht in einem offenen Brief von einer „schallenden Ohrfeige“. Es war die Rede von „Lüge, Hetze, Propaganda, Bauernbashing“. Agrarminister Christian Schmidt (CSU) bemühte das Modewort „postfaktisch“. Er forderte die Kollegin auf, sich bei den Bauern und Bäuerinnen zu entschuldigen, was Hendricks auch tat. Schmidt war derjenige, der mit dem Verbotsvorschlag veganer Schnitzel neulich selbst im Fettnapf stand. Sein Spruch davor, „An apple a day keeps Putin away“, war auch nicht gut angekommen.

Hetze, Lüge, Progaganda, ja geht’s denn noch? Die Sprache vergiftet das Klima wie Stickstoff die Luft oder Nitrat den Boden. Besorgt fragt sich der Stadtmensch, der die Bauernregeln ganz witzig gefunden hat, wo all diese Leute politisch stehen. Fragt sich, ob die wütenden Bauern und Bäuerinnen der deutsche rust belt sind, droht gar die Trumpisierung in der Agrarindustrie?

Der Bund der Steuerzahler klinkte sich noch ein. Die Aktion sei eine Verschwendung von Steuergeldern, da es sich offenbar um eine „regierungsinterne Fehde“ handele. Aus dem Bundesumweltministerium hieß es auf Anfrage, die Tierwohlkampagne mit dem neuen staatlichen Tierwohllabel der Kollegen aus dem Agrarministerium habe übrigens 70 Millionen Euro gekostet. Sowieso, befand man, die Bauernregel-Kampagne sei doch eigentlich und so gesehen ein Erfolg: Noch nie hätten eingestampfte Plakate eine so große Reichweite gehabt.

Vielleicht klappt auch eine Graswurzelkampagne. Die Ernährungsorganisation Slowfood und andere Verbände wie der Naturschutzbund jedenfalls stehen hinter Hendricks. Und die Aktivisten vom Deutschen Tierschutzbüro wollen vor dem Agrarministerium demonstrieren – mit den neuen Bauernregeln.

Dieser Beitrag erschien in Ausgabe 07/17.

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