Wie viele Raketen braucht es zum Glück?

Böllerverbot Unsere Kolumnistin kann sich auch Melancholie an Silvester nicht leisten
Wie viele Raketen braucht es zum Glück?
Nur ein kleiner Vorrat diesmal. Und noch einer. Und noch einer

Foto: Imago Images/Petra Schneider

Fast alle Silvester, die man als junge Erwachsene zu feiern hatte, waren dann doch mindestens merkwürdig verlaufen. Logisch. Gerade darin hatte ja der „Reiz“ gelegen. Sich an Silvester jubelnd in den Armen zu liegen? Was sollte das denn für eine Geschichte werden? Nein, ironische Distanz war das wahre Lebenselixier. Hilfreich: der in Blei gegossene Weltschmerz, von dem man relativ synchron und verlässlich zu allen Festtagen durchströmt gewesen war. Die Bejahung des neuen Jahres war einem zudem, wie soll man sagen, etwas dümmlich vorgekommen. Kurz: Wer kein OK Boomer werden wollte, war die beste Zeit so drauf.

Reichlich bizarr geriet folgerichtig der Jahreswechsel zum Millennium, wenn auch schon etwas gesettelter. Was wäre, wenn die Computer die neue Zeitrechnung wirklich vermasselten, die Banken alles vermurksten? Überall Zahlendreher und im Worst Case blieb man für immer und ewig zwischen den Jahrtausenden stecken? Ich probierte an jenem Abend zum ersten Mal in meinem Leben echten Kaviar und schaute in einen dunklen Wald. Wir waren vor dem Feuerwerk der Welt und jenen Aussichten geflüchtet, saßen in einem imposanten Haus in Rheinnähe – andere Geschichte. Dann drehte sich die Uhr weiter.

Nun geht das neue Millennium ins dritte Jahrzehnt. Schon wieder reden die Leute, als könnte die Erdachse brechen, als wären wir Erdlinge Statisten in einem Katastrophenfilm. Vor lauter Klima sehnt die Helikoptermutter sich nach diesen Silvestern im Kreuzberg der 1980er, von denen sie vieles nur aus Büchern weiß. Das war no futuremit Hintertür, zur Vordertür rein mit Sven Regeners Herrn Lehmann. Tiefgrauer Himmel. Schon Tage vor dem 31. knallert es in den Straßen, die Luft vibriert, „zelebriert“ sich selbst, ist rauchig, steht still. Immer da: der Fluchtweg über die Wiener Straße in die Ironie.

Indes – gepflegte Melancholie, für die Helikoptermutter ist das keine Option. Ihre heutige Lebenssituation verlangt, dass sie den Trend zu Feuerwerk-Verboten begrüßen sollte. Vernünftig! Aber mal Hand aufs Herz, ist der Feinstaubalarm nicht eine mies misanthrophe Ausrede, perfekt, um nur mit Wunderkerzen bewaffnet kurz vor zwölf vors Haus treten zu können? Eine Variante des christlichen „Brot statt Böller“-Gemahnes? Günstig auch, weil du mit Silvester schon immer auf Kriegsfuß standest? Eine Helikoptermutter muss da leider mehr draufhaben. Kinder finden Weltschmerz traurig. Und Ironie unbehaglich, unverständlich. Kinder mögen Vorfreude. Und sie mögen, wenn es knallt (Angstlust!). Wer beides zusammenbringt, hat sie im Sack. Wie der Opa, der das Spiel auf dem Spannungsbogen beherrscht. Wochenlang hatte er zu Anfang des Jahres vom „kleinen Raketensortiment“ geraunt, das noch übrig geblieben war vom letzten Silvester. Die müssten unbedingt ins All, erinnerte er bei jeder Gelegenheit. Er redete darüber, als könnte er es selbst kaum erwarten. Bei jedem Telefonat erwähnte er am Schluss noch die Raketen. Bis das Kind diesen richtig entgegenfieberte.

Dann war es so weit. Nur die Ältesten der Enkel durften die Streichhölzer anzünden und an die Lunten legen. Da wurde ein großes Gewese um den Sicherheitsabstand gemacht, wurden die Gefahren erläutert, der Ernst der Lage besprochen. Im Garten war es dunkel, obwohl die Tage schon wieder länger wurden, dahinter der Wald. Augenpaare leuchteten. Dann ging’s los. Und noch eine! Und noch eine! War es denn sooo gefährlich? Wie viele dieser Raketen braucht es zum Glück? Nicht soo viele.

Katharina Schmitz schreibt im Freitag als Die Helikoptermutter über die Unzulänglichkeiten des Familienlebens

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06:00 31.12.2019
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Ausgabe 31/2020

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