Frankreich weiß nicht weiter

Konflikt Die Grande Nation befindet sich in einer Identitätskrise. Stellvertretend wird nun die Schule zum ideologischen Schlachtfeld
Ausgabe 21/2015
Die Schule gilt als eine der vornehmsten Einrichtungen der Republik
Die Schule gilt als eine der vornehmsten Einrichtungen der Republik

Foto: Martin Bureau/AFP/Getty Images

Die Nation ist gereizt. Sie weiß nicht weiter, kommt aus ihren vielen Krisen nicht heraus. Wirtschaftlich geht es Frankreich schlecht. Der Staat ist verschuldet, die Arbeitslosigkeit deprimierend hoch. Gleichzeitig ringt das Land mit seiner Integrationspolitik, deren Schwächen am 7. Januar, als französische Dschihadisten die Redaktion von Charlie Hebdo angriffen, brutal sichtbar wurden. Was macht das Land heute aus? Wie findet die Republik zurück zu sich selbst, zu jener Größe, die sie seit 1789 für lange Zeit zu einer der faszinierendsten Gesellschaften Europas machte?

Es sind solche Fragen, die die derzeitige Diskussion um die Reform des Collège, des Äquivalents der deutschen Sekundarstufe I, so ungeheuer scharf werden lassen. Seit Wochen wird in den französischen Feuilletons gestritten, und das, obwohl das System eindeutig reformbedürftig ist: Jahr für Jahr verlassen rund 150.000 junge Franzosen die Schule ohne Abschluss. Dem will die junge Bildungsministerin Najat Vallaud-Belkacem nun abhelfen. Durch Reformen, die die Schule weniger „elitär“, wie sie es nennt, machen sollen.

So will sie die 2002 eingerichteten classes bilangues abschaffen, in denen die Schüler ab dem dritten Collège-Jahr eine zweite Fremdsprache lernen können. Das Angebot ist freiwillig – entsprechend überschaubar die Zahl derer, die es nutzen. Derzeit sind es nur 15 Prozent – unter ihnen allerdings auch zahlreiche Kinder aus Migrantenfamilien, deren Eltern in der Bildung den Schlüssel zum künftigen Wohl ihrer Kinder sehen. Das verschweigt die Ministerin und bezeichnet die classes bilangues mit ihrer Lieblingsvokabel: „elitär“. An ihre Stelle will sie eine weitere Fremdsprache für alle Schüler, und zwar ab dem zweiten Jahr im Collège, allerdings nur mit zweieinhalb Stunden Unterricht pro Woche. Kann man auf dieser Basis eine schwierige Sprache wie das Deutsche lernen? Nein, finden die Kritiker und fürchten für die modernen Sprachen ebenso einen Verfall wie für die alten. Denn auch Latein und Griechisch stehen in ihrer bisherigen Form zur Disposition.

Für die Kritiker ist das ebenso ein Anzeichen drohenden Bildungsverfalls wie die geplante Revision des Geschichtsunterrichts. Der Islam, bislang schon ein Pflichtfach, soll es bleiben. Aus der Fülle der europäischen Geschichte sollen die Lehrer einen Teil der Stoffe hingegen frei wählen können. Konservative Kritiker sehen das Abendland bedroht: Das Christentum drohe vom Islam verdrängt zu werden, ebenso die Aufklärung. Tatsächlich sind beide Themen weiterhin obligatorischer Bestand des Unterrichts. Dass nun aber verstärkt Themen wie Sklaverei und Kolonialismus in den Unterrichtsplan sollen, deuten sie als Schwächung der nationalen Identität – dessen, was in Frankreich unter dem Begriff roman national teils hingebungsvoll verehrt, teils scharf verurteilt wird.

Die Schule gilt als eine der vornehmsten Einrichtungen der Republik. Sie soll eines von deren vornehmsten Versprechen, die égalité, die Gleichheit ihrer Bürger, umsetzen. Gleichzeitig soll sie den Schülern aber auch ein Gefühl für die Ideale der Republik vermitteln. Das Problem ist aber, dass diese Ideale derzeit sehr umstritten sind. Frankreich ist eine multikulturelle Gesellschaft, das verändert die Ideale. Dieser Konflikt wird nun auch anlässlich der Schulreform ausgetragen. Damit wird die Schule zum ideologischen Schlachtfeld. Dem Unterricht und mit ihm den Schülern tut das nicht gut.

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