Diese Spalte soll ein Ort der Freiheit sein

Super Safe Space Unsere Kolumne hat einen neuen Namen. Die Umbenennung war herausfordernder als gedacht
Konstantin Nowotny | Ausgabe 32/2019
Diese Spalte soll ein Ort der Freiheit sein
Ausschnitt aus dem „Eldorado“, einer der ersten Schwulenclubs in Berlin um 1926

Foto: Imago Images/Leemage

Es wird Ihnen, liebe Leser*innen, vielleicht noch nicht aufgefallen sein, aber: Diese Spalte hat einen neuen Namen. Super Safe Space heißt sie nun. Schon seit dem Relaunch des Freitag im Jahr 2008 gibt es die Seite 11, unsere Gender-Seite, auf die wir stolz sind wie auf ein Kind, das einen genauso gut von Zeit zu Zeit an seine Grenzen bringen kann – und genauso lang gibt es hier schon eine Kolumne. In den vergangenen Jahren hat uns der alte Name aber zunehmend gestört.

Zugegeben, die Idee war initial nicht schlecht: Eine Gender-Kolumne mit dem Titel Männersache/Frauensache, die Berichtenswertes aus der Welt der Geschlechter mal bissig, mal witzig, mal tragisch auf den Punkt bringt und bei der sich je nach Autor*in die Schattierung von Männersache zu Frauensache und umgedreht ändert. Nun, das war 2008. Der Diskurs um die Geschlechter wird elf Jahre später nicht selten hitziger und oft auch sehr viel schlauer geführt. Die Vorstellung, es gäbe „typisch“ männliche und „typisch“ weibliche besprechenswerte Dinge, erschien immer unzeitgemäßer.

Nun könnte man meinen, so eine Kolumne umzubenennen wäre eine Sache von Minuten. Schließlich ist auch eine Wochenzeitung flexibel bis zur Schmerzgrenze. Wo noch eine halbe Stunde vor Druckschluss ein preisverdächtiges neues Cover designt werden kann, wird ja eine Zeile über einer Kolumne kein Problem sein, oder? Sie ahnen ob dieser Hinführung vielleicht schon, dass dem nicht so ist. Bereits vor einigen Jahren scheiterte ein entsprechender Anlauf. Der Name war gesetzt, das Layout informiert – allein, als er dann fertig im Blatt stand, sah es nicht gut aus, wie eine Stehlampe, die in der Vorstellung hervorragend passt, im heimischen Wohnzimmer aber keinen guten Platz findet.

Ein neuer Anlauf: Ein Rundschreiben geht an die Redaktion, es wird um Vorschläge gebeten. Etliche erreichen das Postfach des Redakteurs. Dann wird debattiert: Das Sternchen mag gut gemeint sein, ist aber zu niedlich. An einer Stelle in der Zeitung, wo nicht nur über Kleidernormen und Sprache, sondern auch über Vergewaltigungen und Zwangsprostitution geschrieben wird, ist eine Verniedlichung unangebracht. „Der Die Das“ fliegt auch raus – eine unschöne Kategorisierung von Menschen als Neutrum liegt nahe, genau wie ein Abzählreim. Dann liegt Super Safe Space in der Luft. Und wie bei wirklich allem, was jemals in einer guten Redaktion besprochen wird, gibt es auch hier Zweifel: Macht man sich dabei nicht allzu sehr gemein mit einem Konzept, nämlich jenem, dass diskriminierte Gruppen Schutzräume brauchen und haben sollen? Und: Ist eine Kolumne in einer Zeitung nicht genau das Gegenteil von einem solchen Schutzraum – ein Ort der maximalen Exposition? Gerade wer sich traut, im hochsensiblen Geschlechterdiskurs seine Stimme zu erheben, macht sich verletzlich, läuft Gefahr, Attacken ausgesetzt zu sein.

Aber der Safe Space ist eben gerade kein gepolsterter Schutzraum, in dem einen die moderne Welt mit ihren Widersprüchen nur gedämpft oder gar nicht erreicht. Das kann auch nie der Anspruch für eine linke Perspektive sein. Die ersten so benannten Räume waren Schwulenbars: Räume der Freiheit, so zu sein, wie man ist, und das sagen zu können, wofür man sonst gescholten wird. Anders gesagt: Überall, wo die Meinungsfreiheit ernst genommen wird, hat das Argument einen Schutzraum. Es darf geäußert werden, ohne mundtot gemacht werden zu können. In diesem Sinne lassen wir den alten Namen hinter uns, aber nicht ganz ohne Ironie. Unter dem Titel Super Safe Space freuen wir uns an dieser Stelle auf weitere provokante, unterhaltsame und garantiert nie watteweiche Meinungen zum Geschlecht.

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06:00 08.08.2019

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