Falsche Fürsorge

Coronakrise Konservative und Liberale sorgen sich plötzlich um psychisch Kranke. Sie benutzen Betroffene als Argument für ihre Lockerungsforderungen
Falsche Fürsorge
Beleuchtete Wohnungen in Berlin. Einsam war hier auch vor der Krise so mancher

Foto: Sean Gallup/Getty Images

Selten hat sich Deutschland so sehr um seine psychisch Kranken gesorgt. Jahrein jahraus warnten Experten allerorten vor der grassierenden Pandemie der Depression, nun brauchte es eine andere, damit ausgerechnet Konservative ihre Fürsorge entdecken: Armin Laschet (CDU), derzeit Öffnungsdiskussionsorgienleiter der Bundesregierung, äußerte sich besorgt über die „Gesundheitsschäden“ die entstünden, wenn nicht schleunigst alle Geschäfte, Kneipen, Restaurants geöffnet hätten. „Wir haben Fälle von Depressionen, Einsamkeit, Suizide. […] Das darf nicht sein.“ Alexander Gauland (AfD) wandte sich bereits Ende April in einer Bundestagsrede an Angela Merkel und fragte: „Wie geht es Menschen, die mit Depressionen allein zu Hause sitzen? […] Wie viele Tote sind dadurch zusätzlich zu erwarten?“ Christian Lindner (FDP) mahnte, der „Stillstand“ verursache „täglich gravierende psychische und wirtschaftliche Schäden.“ Auch die vor Wochen virulente Studie der Leopoldina-Akademie warnte in ihrem Ad-Hoc-Papier vor den „psychischen und sozialen Folgen der Krise.“

Erfrischend einig sind sich AfD und FDP mit ihren plötzlichen Sorgen um psychisch Erkrankte. Sind die berechtigt? Befragungen zufolge gibt es in allen Ländern, die einen Lockdown veranlasst haben, Indizien für eine Zunahme psychischer Symptomatiken. Die Einsamkeit, das Grübeln, die fehlende Ablenkung, wegfallende Routinen und die gefühlte Katastrophe können Betroffene in einen gefährlichen Gedankenstrudel reißen, der sich ihrer Kontrolle entzieht.

So besorgniserregend diese Entwicklungen sind, so wenig sollte man sich von Politikern, die scheinbar von einer spontanen Empfindsamkeit übermannt wurden, blöd machen lassen. Einsam, traurig und krank wurden die Menschen hierzulande auch ohne staatlich verordnete soziale Distanzierung, mit offenen Bars und Großveranstaltungen. Nach Angaben der Stiftung Deutsche Depressionshilfe erkranken in Deutschland über fünf Millionen Menschen im Laufe ihres Lebens an einer Depression, die in manchen Fällen einen Suizid nach sich ziehen kann. Ihnen begegnet die Politik alljährlich mit Indifferenz, allenfalls noch mit der Sorge um ausfallende Arbeitsstunden.

Keine willenlosen Wahnsinnigen

Nicht nur verstört das Vorschieben der Schwachen für die eigenen politischen Interessen, die Aussagen der Politiker zeugen auch von einem unterkomplexen bis falschen Bild von psychischen Krankheiten: Depressive sind keine willenlosen Wahnsinnigen, die nicht anders können als zu sterben, wenn man sie zu lange allein lässt. Es handelt sich um eine äußerst komplexe Krankheit mit höchst verschiedenartigen Ausprägungen. Während der weitgehende Verzicht auf soziale Kontakte für so manchen in einer depressiven Phase weder eine Umstellung noch eine Belastung, ja, sogar eine Erleichterung darstellen kann – da Erwartungs- und Leistungsdruck entfallen –, ist das für andere schwer zu ertragen. Das wiederum bedeutet lange nicht, dass sie geschlossen suizidal werden.

Zu suggerieren, Menschen würden zum äußersten Mittel greifen, weil die Biergärten zu lange schließen, ist mehr als zynisch. Analysen vergangener (aber andauernder) Krisen wie der Finanzkrise von 2008 zeigen, dass zunehmende Arbeitslosigkeit ein Auslöser für steigende Suizidraten sein kann. Aber auch hier sollte man nicht zu dem irrsinnigen Umkehrschluss kommen, die Arbeit würde die Menschen retten. Im Gegenteil: Bestünde nicht der immerwährende Zwang für einen jeden, sich das Überleben verdienen zu müssen, ließe sich der Wegfall der Lohnarbeit sicher ganz vergnüglich ertragen. Erst der Druck, in Konkurrenz zu allen anderen mithalten und leisten zu müssen, um nicht zu verarmen, macht den Blick auf die Arbeitslosigkeit aussichtslos.

Depressionen und Suizide gab es lange vor der Coronakrise. Eine unerbittliche Betriebsamkeit der Gesellschaft hat die Menschen nicht davor geschützt. Krank wurden sie nicht ohne Grund und besser geht es ihnen nicht durch den Start der Bundesliga. Die Apologeten der Lohnarbeit, die Laschets, Lindners und Gaulands, sind nicht an ihrem Wohl interessiert. Sie benutzen die Schwachen als argumentative Munition für ihren neoliberalen Fetisch einer Gesellschaft, in der nur richtig lebt, wer leistet – jener Zustand, der viele erst krank gemacht hat.

Info

Hilfe bei akuten Krisen bietet jederzeit die Telefonseelsorge unter 0800 1110111 oder auf telefonseelsorge.de.

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06:00 10.05.2020
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