Satan trägt Sneaker

Lil Nas X Popmusik hört man immer auch ungewollt. Wenn das fehlt, geht viel verloren. Woher sollen Evangelikale dann wissen, wo der Teufel lauert?
Satan trägt Sneaker
Wie, dieser nette junge Mann kommt Ihnen nicht bekannt vor?

Foto: Rich Fury/Getty Images

Deutschland ist ein Land, in dem man Popmusik studieren kann. Besucht man ein entsprechendes Seminar – der Autor hat es ausprobiert – lernt man auf 90 Minuten Länge Binsenweisheiten wie folgende: Popmusik ist Musik, die populär ist. Und populär ist sie nicht nur, weil viele sie mögen, sondern auch, weil sie sich – massenhaft gesendet – in den Köpfen der Vielen manifestiert hat – ob diese Vielen das nun wollten oder nicht. Nein! Doch! Ooh!

Nun ist dieser Mechanismus seit einem Jahr schon weltweit empfindlich gestört. Es fehlen Festivals, Biergärten, Kneipen, Stadtfeste, Fitnessstudios, Massagesalons, Kinos – kurz: Es fehlen Orte, an denen man gegen seinen Willen mit dem konfrontiert wird, was angeblich alle hören.

Der Autor des US-Musikmagazins Pitchfork, Pete Tosiello, wagte angesichts dieser Entwicklung in einem Artikel vom März die These, dass die Fragmentierung der Genres auf Streamingdiensten Popmusik hervorbringt, die nicht wirklich bekannt ist. Kurz: Jeder hört nur noch, was er will, erschafft seine eigenen Stars und Hits. Was die ultimative Liberalisierung des individuellen Geschmacks darstellt, ist gleichzeitig der Tod des Populären.

Wenn die These stimmt, dürfte sich über Popmusik seit gut einem Jahr aber auch keiner mehr aufregen, außer enttäuschten Fans. Was uns zum jüngsten Track des Rappers Lil Nas X führt.

Falls Sie Lil Nas X nicht kennen: 2018 kaufte der 19-jährige Montero Lamar Hill auf einer Plattform für 30 Dollar einen Beat und produzierte den Song Old Town Road für weitere 20 Dollar in unter einer Stunde. Über die Plattform TikTok verbreitete sich der Song. Wenig später erreichte die Melange aus Country und Trap nicht nur in den USA, sondern auch in Deutschland, UK, Frankreich, Australien und in vielen weiteren Ländern Nummer-1-Platzierungen. Bekannt und beliebt waren sowohl die ursprüngliche Form als auch der als Remix mit Country-Legende Billy Ray Cyrus (die Älteren erinnern sich vielleicht an Achy Breaky Heart, die Jüngeren an dessen Tochter Miley). Mit Anfang 20 wurde Lil Nas X zu den erfolgreichsten Musiker*innen weltweit und brach mit Old Town Road den Rekord für die längste Nummer-1-Platzierung in den USA seit Beginn der Chartaufzeichnung 1958.

Flott nach vorn ins Jahr 2021: Im Video zum Track Montero (Call Me By Your Name) simuliert Lil Nas X den Geschlechtsakt mit dem Satan höchstpersönlich, untermalt von einer ziemlich aufrichtigen Beschreibung des homoerotischen Begehrens. Republikanische Politiker*innen und bekannte Evangelikale wie der Priester Franklin Graham bekamen Panik, auch weil der Rapper parallel zur Veröffentlichung „Satan Shoes“ – Sneaker, die angeblich mit Menschenblut dekoriert wurden – verkaufte.

Aber auf welche Irrwege hat ihr homofeindlicher Gott die US-Evangelikalen denn geleitet, wenn sie auf einem Video eines Rappers landeten, der in Frieden rhythmisch von seinem Samenerguss erzählen möchte? War es wie bei Cardi Bs WAP („Wet Ass Pussy“), jenem Track aus dem Jahr 2020, den der US-Republikaner James P. Bradley „versehentlich“ gehört hat, bevor er darin eine Künstlerin erkannte, die „ohne Gott“ und „Vaterfigur“ erzogen wurde?

Natürlich nicht. Der Track erzeugt Wirkung, weil er sich derartig verbreitet hat, dass er selbst jene erreichte, die ihn um nichts in der Welt hätten hören wollen. Wenn der Pop tatsächlich stirbt, würden uns diese Anekdoten erspart bleiben. Vielleicht würde uns aber auch ein wichtiger Seismograf für die kulturelle Entwicklung einer Gesellschaft ein Stück weit abhanden kommen. Das wäre schade. Denn dann würden die, die es am nötigsten haben, gar nicht sehen, dass es einen schwulen, schwarzen Rapper gibt, der mit Anfang 20 ein waschechter Weltstar ist.

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06:00 24.04.2021

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