Was riskieren wir für Musik?

Pop Die Zensur, das Kapital, ein Virus oder das Wetter: Ein Song erreicht sein Publikum selten ohne Widerstände. Umso schöner, dass es wieder öfter klappt
Was riskieren wir für Musik?
Einblick in die Ausstellung „Bone Music“. Auf gebrauchten Röntgenfilmen schmuggelten Musikliebhaber in der Sowjetunion verbotene Klänge an der Zensur vorbei ins Land

© X-Ray-Audio Project/Paul Heartfield

Niemand kommt hierzulande mehr für einen Sound in den Knast. Aber zumindest mittelbar ist das Zelebrieren von Musik aktuell noch so riskant wie lange nicht: Reduzierte Zuschauerzahl, Abstandsregeln, Hygienemaßnahmen – und dann wären da noch die nicht-virusspezifischen Risiken wie etwa das Wetter. Jede Veranstaltung produziert mehr Kosten und kann gleichzeitig weniger zahlende Gäste begrüßen. Vor diesem Hintergrund ist es bemerkenswert, dass Musik-Events wie das Popkultur-Festival vergangene Woche in Berlin überhaupt stattfinden können. 6.000 Menschen kamen da auf das Gelände der Kulturbrauerei, um an vier Tagen, drinnen und draußen Musik zu sehen und hören, so etwa Gundermann-Star Alexander Scheer, der sich eine Stunde lang an den Songs von David Bowie versuchte.

Trotz nasskaltem Wetter: Es geht wieder. Eine gute Nachricht. Es schadet aber genau jetzt auch nicht, sich in Erinnerung zu rufen, wie schwierig es einmal war, populäre Musik zu entdecken, zu hören und unter Leute zu bringen – ganz ohne Virus. Genau davon erzählt die Ausstellung Bone Music, die noch bis zum 5. September in der Villa Heike in Berlin zu sehen ist (mehr Infos am Ende). Kurator Stephen Coates stieß während einer Reise nach Russland auf Schallplatten, die aus Röntgenbildern gefertigt wurden. Einige Musikliebhaber versuchten so die von der Sowjetunion vollständig kontrollierte Plattenproduktion zu umgehen. Die verbotenen Klänge – Jazz, Rock‘n‘Roll, Swing – frästen die Raubkopierer auf gebrauchten Röntgenfilm.

Die Ausstellung zeigt die so entstandenen, gespenstisch aussehenden Platten mit der Musik von Bill Haley oder Elvis Presley, auf denen im Gegenlicht mal ein Knochen, mal ein Schädel und mal ein ganzer Thorax zu erkennen sind. Oft fanden sich auf diesen Bootlegs nur wenige Minuten Musik in dürftiger Qualität. Aber der Durst nach den neuen Rhythmen der Welt, der den Kadern der kommunistischen Partei schreckliche Angst gemacht haben muss – die sowjetische Jugendzeitschrift Kosomolskaya Pravda schrieb noch in den 80ern, Rockmusik schränke die Aktivität der rechten Gehirnhälfte ein –, war immens. Bone Music erzählt liebevoll und detailreich diese musikgeschichtliche Episode nach, und stellt die Frage: „Und was riskierst du für deine Musik?“

Tja, was riskieren wir? Sicher: Kein Parteisoldat beschlagnahmt heute Platten. Aber auch der real existierende Kapitalismus bringt seine Drohmechanismen mit sich. Labels, Veranstalter, PR-Agenturen, Künstlerinnen und Künstler – sie alle sind keine Airlines und müssen daher sehen, wie sie zurecht kommen, wenn es eng wird. Weil sie vermeintlich etwas produzieren, das verzichtbar ist.

Glücklicherweise finden sie Wege: Vergangene Woche traf ich den Musiker Max Gruber, um ihn und seine Band Drangsal zu porträtieren (der Freitag 34/2021). Ein paar Tage später sah ich ihn wieder auf einer Open-Air-Bühne. Das Publikum sortierte sich beim Picknickkonzert in kleine Kacheln ein, die auf der Wiese aufgemalt wurden, um Abstände zu gewährleisten – keine Käfige, sondern viele kleine Inseln der Freude. Auch hier: trotz Regen. Auch hier: Es geht wieder.

Die wenigen Konzerte und Festivals, die aktuell unter solchen und ähnlichen Bedingungen stattfinden können, sie erinnern daran, dass Musikmachen nicht risikofrei ist und nie war. Dass ein Song sein Publikum erreicht, fällt nie vom Himmel. Es ist immer ein großes Glück.

Info

Die Ausstellung Bone Music in der Villa Heike, Berlin-Hohenschönhausen ist noch diese Woche donnerstags bis sonntags von 12 bis 20 Uhr zu sehen

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12:00 31.08.2021

Ausgabe 38/2021

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