Umarm Klum!

Empowerment Ist es Freiheit, die eigene Unterdrückung wählen zu können?
Umarm Klum!
Alles supi, weil selbst gewählt? Wer wirklich Macht hat, braucht kein Empowerment, meint Jill Filipovic

Foto: Future Image/Imago

Was hat der Feminismus nicht alles geleistet: Frauen können wählen, studieren, ein Konto eröffnen. Sogar feministische Parolen auf T-Shirts, Pullis oder Taschen mit eigenem Geld kaufen. Die letzte Schlacht ist jedoch längst nicht geschlagen. Um alltagstaugliche Werkzeuge für die Emanzipation an die Hand zu geben, gibt es inzwischen den Begriff „Empowerment“ (deutsch: Ermächtigung). Seit einigen Jahren hat er Konjunktur, ohne dass eindeutig erklärt würde, was er bedeutet. Gibt man ihn in der Suchzeile des feministischen Missy Magazins ein, erscheint ein bunter Strauß an Beiträgen zu Film, Kunst, Sport, Antifaschismus. Kim Kardashian verwendete ihn 2016, um sich gegen Anfeindungen aus dem Lager der Prüderie zu wehren, weil sie ein Nacktbild auf Instagram gepostet hatte. Also: Was bedeutet das eigentlich, Empowerment?

In Bezug auf Feminismus ergeben sich zwei Bereiche, in denen Empowerment programmatisch sein kann: In der materiellen Sphäre bezeichnet es den Zugang zu Ressourcen beziehungsweise deren Verfügbarmachung. Das können Geld, (Weiter-)Bildung oder schlicht Macht und Einflussmöglichkeiten sein. So gibt es zum Beispiel in der Entwicklungshilfe seit Jahren Ansätze des female empowerment. Darin geht es um die Idee, Frauen im globalen Süden in ökonomische Unabhängigkeit und soziale und politische Verantwortung zu bringen.

100 Jahre Frauenwahlrecht

1918, vor einhundert Jahren, durften in Deutschland Frauen das erste Mal an die Wahlurne treten. Grund genug für die Freitag-Redaktion, zum Internationalen Frauentag die Hälfte dieser Ausgabe der Hälfte der Menschheit zu widmen: Frauen. Eine Ausgabe, die das Jubiläum von 100 Jahren Frauenwahlrecht zum Anlass nimmt, um sowohl an den Kampf von Frauen- und Wahlrechtlerinnen in Deutschland, England und der Schweiz zu erinnern als auch den Blick über die Historie hinaus zu weiten. Wir rücken den Druck, dem Frauen heute ausgesetzt sind, in den Fokus:

Wie sie es auch anstellen, irgendetwas daran ist immer falsch. Warum? Weil es kein eindeutiges Frauenbild gibt, so wie noch vor einigen Jahrzehnten? Dafür gibt es jede Menge vorherrschende, meist eindimensionale Zuschreibungen: Weibchen mit Kernkompetenz für Kinder, Küche, Vorgarten. Oder machthungrige Karrierefrauen, denen feminine Eigenschaften abhandengekommen sind.

Haben Frauen eine andere Wahl? Dürfen sie einfach so sein, wie sie nun mal sind: stark, schwach, Mutter, kinderlos, Chefin, Hausfrau? So unterschiedlich also wie das Leben selbst? Und eine Wahl jenseits der fakultativ-obligatorischen Möglichkeit, über den Bundestag, ein Kommunal- oder Landesparlament mitzuentscheiden?

Lesen Sie selbst!

In der Sphäre der „Bilder“ bezeichnet Empowerment indes Umdeutungen. Die Praxis der Anverwandlung und Aneignung von diskriminierenden Begriffen durch subalterne Gruppen ist nichts Neues. Gerade in der Homosexuellen- und der Schwarzenbewegung war das von Erfolg gekrönt. Die jüngere Frauenbewegung versuchte Ähnliches, beispielsweise mit der Bewegung der „slut walks“. Eine Frau, die sich kleidet, wie sie will, und ihre Sexualität selbstbewusst auslebt, gilt als „slut“, als Schlampe? Also wird der Begriff kurzerhand umgedreht und zur Selbstbezeichnung gemacht.

In materialistischen Begriffen ausgedrückt, könnte man sagen, dass Empowerment sowohl im Bereich der Basis als auch im Überbau stattfinden kann. Heißt: Einerseits muss er materielle Verhältnisse kritisieren und verändern, andererseits wirksame Ideologeme aufspüren.

Das Problem ist, dass es eine Vermengung beider Bereiche gibt, die dazu führt, dass Empowerment keine Ideologiekritik leistet, sondern selbst Ideologie geworden ist. Denn zentral ist dabei der Begriff „choice“, also (Aus-)Wahl. Die Idee: Eine Frau kann ihr Schicksal selbst wählen und wenn sie das tut, ist ihre Entscheidung – unabhängig vom Inhalt – gut, also empowernd. Gilt das Fördern eines positiven Körperbildes entgegen gültigen Schönheitsnormen noch zu Recht als „ermächtigend“ im ideologiekritischen Sinne, wird das Umdeuten schlechter Zustände als „selbst gewählt“ nicht kritisch, sondern affirmativ. Denn die Frage der „choice“ macht die Kritik der Verhältnisse nicht obsolet. Misogyne Praxen können so integriert und legitimiert werden: anything goes, solange frau es will. Kopftuch tragen, obwohl es ein Instrument patriarchal-religiöser Unterdrückung ist? Germany’s Next Topmodel gut finden, weil Frauen da wenigstens im Mittelpunkt stehen, obwohl es nur darum geht, ihre Körper fertigzumachen? Alles frei gewählt!

Kein Wunder also, dass sich einige Feministinnen schon vom Begriff als solchem verabschieden wollen. Die amerikanische Autorin Jill Filipovic drückte es passend aus: „Sich ermächtigt fühlen, ist nicht das Gleiche wie reale, eigentliche Macht.“ Wer diese habe, brauche kein Empowerment mehr. Der Begriff befördert plötzlich das Gegenteil von dem, was er will.

Damit keine Missverständnisse aufkommen: Es geht nicht darum, dass der Feminismus Frauen vorschreiben muss, was sie tun und lassen sollen. Aber genauso wenig sollte er aufhören, zu problematisieren, was erkenntnispolitisch einer der zentralen Erfolge des Feminismus war: dass das Private eben politisch ist.

06:00 15.03.2018

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