Die Medien bin ich

Frankreich Auf Emmanuel Macrons Elysée-TV antwortet Jean-Luc Mélenchon jetzt mit einem eigenen Kanal. In Paris machen die Politiker alles selbst
Die Medien bin ich
Jean-Luc Mélenchons mediale Opposition: Im Januar soll „Le Média“ auf Sendung gehen

Foto: Geoffroy van der Hasselt/AFP/Getty Images

Was ist da faul im Staate Macron? Seit Amtsantritt des jüngsten Präsidenten der V. Französischen Republik klagen Medienvertreter über die drakonische Hofberichterstattung, über eine perfekt funktionierende Kommunikationsmaschine und Inszenierung. Zugeschnitten auf die sozialen Medien – wenn auch (noch) nicht auf Niveau eines Donald Trump – platziert sein Team geschickt Tweets, Fotos und Videos vom energiegeladenen Vorzeigeschwiegersohn.

Nach außen gelangt nur, was Mimi Marchand, der Königin der People-Presse, fürs Image der Macrons nützlich erscheint. Kein Wunder also, dass die französische Hauptstadtpresse tobt. Einige linksliberale Medien wie das investigative Internetportal Mediapart greifen inzwischen sogar zu drastischen Mitteln und sagen ihre Teilnahme an offiziellen Presseterminen ab. Auch wenn das Wort „Lügenpresse“ – presse mensongère – in Frankreich nicht so inflationär verwendet wird wie in Deutschland, steht doch der gleiche Vorwurf im Raum: Die etablierte Politik bediene sich der traditionellen Medien als Sprachrohr und die duckten sich weg, weil die meisten von staatlichen Subventionen abhingen.

Lange hagelte es Kritik von rechts außen, nun tritt auf der linken Flanke Jean-Luc Mélenchon auf den Plan. Mit seiner Bewegung La France Insoumise gewann er während des Wahlkampfs viele Sympathisanten und landete nur knapp hinter François Fillon auf dem vierten Platz. Seitdem reklamiert er für sich die Rolle des Oppositionsführers und bedient sich dabei des gleichen Vokabulars wie der Front National. Sein Blog trägt den Namen L’Ère du peuple, „Die Ära des Volkes“, und dieses bekommt in Kürze ein eigenes mediales Angebot von seinem Tribun: Im Januar soll Le Média auf Sendung gehen, ein Bürgermedium, eine Alternative, um den traditionellen, vom Kapitalismus zersetzten Informationsquellen, ein Schnippchen zu schlagen. Le Média versteht sich als ein Angebot, das „progressiv, humanistisch, antirassistisch, feministisch und ökologisch“ sein will, als Chefredakteurin ist die 42-jährige Aude Rossigneux ernannt worden, die für ihre verdeckten Recherchen über die Zustände in französischen Jobcentern mehrfach ausgezeichnet wurde.

Mélenchon hat schon während des Wahlkampfs auf seinem Youtube-Kanal über Themen wie die Zukunft der Weltmeere diskutiert und dabei selbst Fragen an Experten gestellt. 278.000 Abonnenten folgten ihm dabei, kommentierten, likten, teilten. Auf eine noch größere Zuschauergemeinde hofft nun Le Média mit seinem Nachrichtenprogramm, das ab 20 Uhr parallel zu den traditionellen Informationssendungen läuft, nur im Netz abrufbar sein wird und ganz besonders auf Zuschauerbeteiligung setzt.

Dass Mélenchons politische Positionen die Auswahl der Themen, der Reportagen und Interviews prägen werden, daran hat die Branche keinen Zweifel. Macrons Elysée-TV, Mélenchons News-Kanal ... Politiker machen in Frankreich mehr und mehr selbst das Programm. Und die Medien spielen dabei mitunter sogar mit: Die Politikerstatements in den frühen Morgensendungen, den matinales, geben in der Regel die Richtung der Tagesdebatten vor. Le Média darf deshalb nicht die Chance vergeben, unter Beweis zu stellen, dass mehr Partizipation auch zu größerer inhaltlicher Vielfalt führen kann. Dazu aber müsste Mélenchon die Zügel lockern und dem Sender die Chance geben, dem Volk wirklich aufs Maul zu schauen.

06:00 04.11.2017
Geschrieben von

Romy Straßenburg

Freie Journalistin für deutsche und deutsch-französische Medien in Paris.
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Romy Straßenburg

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