Gladbeck in Paris?

Charlie Hebdo Die Grenzüberschreitungen der französischen Medien erinnern an das Geiseldrama von Gladbeck, bei dem Journalisten das Verbrechen in ein Live-Medienereignis verwandelten
Gladbeck in Paris?
Ganz nah dran, während die Polizei in Nordfrankreich Häuser stürmt. Aber haben Medien in jeder Situation das Recht, live zu berichten?

Foto: Francois Lo Presti/AFP/Getty Images

Sie war überfällig, die Debatte um die Rolle der französischen Medien nach dem Attentat auf Charlie Hebdo. Was dürfen Journalisten, wenn es um Leben und Tod geht? Wo liegen die Grenzen der Berichterstattung? Unstrittig ist, dass die Tage des Terrors auch für die Berichterstatter eine Extremsituation darstellten: Eine Flut widersprüchlicher Informationen musste in kürzester Zeit gesammelt, sortiert, geprüft und veröffentlicht werden. Nicht immer hielt man sich dabei an diese Reihenfolge. Nicht nur, weil man untereinander um Exklusivität konkurrierte, sondern auch, weil sich die etablierten Medien im beinharten Wettkampf mit den sozialen Netzwerken sehen. Dort tauchten zuerst Details über die Identität der Attentäter auf. Auf Twitter und Facebook hatte ein Ex-Geheimdienstmitarbeiter zeitgleich mit einem freien Journalisten den Haftbefehl und eine Kopie des im Fluchtauto vergessenen Personalausweises von Chérif Kouachi gepostet.

Als sich die Kouachi-Brüder dann in einer Druckerei verschanzten, interviewte France 2 on air die Schwester von Lilian Lepère, der sich acht Stunden unter einer Spüle im Gebäude versteckt hielt. Später sagte er: „Ich hatte Glück, dass die Attentäter keine Nachrichten schauten.“ Der Sender BFMTV bekam während der Belagerung sogar Chérif Kouachi ans Telefon. Man habe einfach die Nummer der Druckerei gewählt, er sei sofort rangegangen. Sein Komplize Amedy Coulibaly rief später selbst aus dem jüdischen Supermarkt bei dem TV-Sender an. Auch über die im Kühlraum versteckten Personen wurde in Live-Schalten spekuliert.

Die Grenzüberschreitungen erinnern an das Geiseldrama von Gladbeck, bei dem deutsche Journalisten 1988 jede Distanz verloren und das Verbrechen in ein Live-Medienereignis verwandelten. Wieder stellt sich die Frage: Wenn Journalisten an den Sicherheitskräften vorbei Kontakt zu Tätern und Opfern suchen, können sie dann wirklich später behaupten: „Wir haben nur unseren Job gemacht“? Haben Medien das Recht, in einer Situation, in der Menschenleben in Gefahr sind, weiter live zu berichten?

Auf medienkritischen Onlineportalen wie Arrêt sur images hagelt es Kritik, vor allem an Frankreichs Dauernachrichtensendern. Einige Redakteure gestanden daraufhin auch Fehler ein, mit Verweis auf den Zeit- und Konkurrenzdruck. BFM-Nachrichtenchef Hervé Béroud klagte aber, man sei von offizieller Seite nicht ausreichend informiert worden, und verteidigte so das eigene Vorgehen. Die Medienaufsicht rief über 40 Vertreter der wichtigsten Presseorgane zusammen, um über mögliche Konsequenzen zu diskutieren. Demnächst soll eine Entscheidung über konkrete Sanktionen fallen. „Die bestehenden Reglementierungen sind ausreichend. Wenn Einschränkungen hinzugefügt werden, riskiert man, das Recht auf Information einzuschränken“, fasste Thierry Thuillier, Nachrichtenchef von France Télévisions, aber schon mal die Meinung der meisten vertretenen Journalisten zusammen.

Auf dieses Wegschieben der eigenen Verantwortung reagierte die Satire-Website legorafi.fr, eine französische Version des Postillon, mittlerweile mit Sarkasmus. Sie meldete: „Französische Spezialeinheiten stehen im Verdacht, die Arbeit der Journalisten von BFM während der Geiselnahme behindert zu haben.“

06:00 18.02.2015
Geschrieben von

Romy Straßenburg

Lebt als freie Journalistin in Paris. Ihr Buch "Adieu Liberté - Wie mein Frankreich verschwand" ist im Ullstein-Verlag erschienen.
Romy Straßenburg
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