Der Tod der anderen

Iran Das von der Corona-Pandemie gebeutelte Land darf auch weiterhin auf keinerlei Lockerung der US-Sanktionen hoffen
Der Tod der anderen
Ein iranischer Feuerwehrmann desinfiziert die Straßen von Teheran

Foto: AFP/Getty Images

Wenn die Katastrophe vernichtend rast, sollte ihr eine Katharsis des Verhaltens Einhalt gebieten. So aussichtslos der Versuch im Moment auch erscheinen mag – er ist es wert, unternommen zu werden. Aufs Praktische übertragen heißt das: Muss im Mittleren Osten der Iran so viel mehr Corona-Tote zählen (zu Wochenbeginn mehr als 1.200) als andere Länder der Region, sollte einen US-Präsidenten die Lust am Strafen weniger befriedigen als gewöhnlich. Gefragt wären eine humanitäre Geste und der Entschluss, für die Zeit der Heimsuchung auf Sanktionen zu verzichten, die das iranische Gesundheitswesen seit Jahren auszehren und nun daran hindern, Menschenleben zu retten.

Liebe Leserin, lieber Leser,

dieser Artikel ist für Sie kostenlos.
Unabhängiger und kritischer Journalismus braucht aber auch in diesen Zeiten Unterstützung. Wir freuen uns daher, wenn Sie den Freitag hier abonnieren oder 3 Ausgaben gratis testen. Dafür bedanken wir uns schon jetzt bei Ihnen!

Ihre Freitag-Redaktion

Nichts dergleichen geschieht. Donald Trump bleibt bei seinem Kurs „des maximalen Drucks“. Wie Außenminister Mike Pompeo andeutet, könnte der sogar verschärft werden. Ausländischen Firmen ist angedroht, auf der Sanktionsliste zu landen, sollten sie nach dem dramatischen Appell von Präsident Hassan Rohani, dem Iran medizinisches Gerät und 3,2 Millionen Testkits zu schicken, den Handelskontakt wieder beleben. Weil die Herren im Weißen Haus so schwer an sich glauben, nehmen sie den Tod der anderen eben leicht. Dieses Verhalten konterkariert alle zivilisierten Auffassungen von politischer Gegnerschaft und wird lange nachwirken.

Das antiamerikanische Ressentiment im Iran muss dann von keiner Theokratie mehr angefacht werden. Es wird tief in einem Volk wurzeln, das erfahren musste, wie die USA darauf reagierten, als in ihrem Land mehr als 12.000 Pandemie-Opfer, so die WHO-Prognose, zu beklagen waren. Sie werden wissen, die globale Klassengesellschaft hat es nicht anders gewollt. Dies straft alle Propheten Lügen, die gerade ohne einleuchtenden Grund und wirklichen Beweis unablässig verbreiten, nach diesem Schock werde die Welt eine andere sein.

Träfe das zu, sollte das jetzt schon sehr viel mehr erkennbar sein. Immerhin zeigt ein signifikantes Beispiel aus dem arabischen Raum, dass es möglich ist, über den eigenen Schatten zu springen. Die Vereinigten Arabischen Emirate, seit Jahren im Anti-Iran-Lager fest verankert, haben sich zu einer Hilfsaktion durchgerungen und zwei Frachtmaschinen mit 32 Tonnen Hilfsgütern nach Teheran geschickt.

06:00 27.03.2020
Geschrieben von

Lutz Herden

Redakteur Politik
Schreiber 0 Leser 129
Lutz Herden

Ausgabe 21/2020

Hier finden Sie alle Inhalte der aktuellen Ausgabe

3 Ausgaben kostenlos lesen

Der Freitag ist eine Wochenzeitung, die für mutigen und unabhängigen Journalismus steht. Wir berichten über Politik, Kultur und Wirtschaft anders als die übrigen Medien. Überzeugen Sie sich selbst, und testen Sie den Freitag 3 Wochen kostenlos!

Kommentare 60