Der Tod der anderen

Iran Das von der Corona-Pandemie gebeutelte Land darf auch weiterhin auf keinerlei Lockerung der US-Sanktionen hoffen
Ausgabe 13/2020
Ein iranischer Feuerwehrmann desinfiziert die Straßen von Teheran
Ein iranischer Feuerwehrmann desinfiziert die Straßen von Teheran

Foto: AFP/Getty Images

Wenn die Katastrophe vernichtend rast, sollte ihr eine Katharsis des Verhaltens Einhalt gebieten. So aussichtslos der Versuch im Moment auch erscheinen mag – er ist es wert, unternommen zu werden. Aufs Praktische übertragen heißt das: Muss im Mittleren Osten der Iran so viel mehr Corona-Tote zählen (zu Wochenbeginn mehr als 1.200) als andere Länder der Region, sollte einen US-Präsidenten die Lust am Strafen weniger befriedigen als gewöhnlich. Gefragt wären eine humanitäre Geste und der Entschluss, für die Zeit der Heimsuchung auf Sanktionen zu verzichten, die das iranische Gesundheitswesen seit Jahren auszehren und nun daran hindern, Menschenleben zu retten.

Nichts dergleichen geschieht. Donald Trump bleibt bei seinem Kurs „des maximalen Drucks“. Wie Außenminister Mike Pompeo andeutet, könnte der sogar verschärft werden. Ausländischen Firmen ist angedroht, auf der Sanktionsliste zu landen, sollten sie nach dem dramatischen Appell von Präsident Hassan Rohani, dem Iran medizinisches Gerät und 3,2 Millionen Testkits zu schicken, den Handelskontakt wieder beleben. Weil die Herren im Weißen Haus so schwer an sich glauben, nehmen sie den Tod der anderen eben leicht. Dieses Verhalten konterkariert alle zivilisierten Auffassungen von politischer Gegnerschaft und wird lange nachwirken.

Das antiamerikanische Ressentiment im Iran muss dann von keiner Theokratie mehr angefacht werden. Es wird tief in einem Volk wurzeln, das erfahren musste, wie die USA darauf reagierten, als in ihrem Land mehr als 12.000 Pandemie-Opfer, so die WHO-Prognose, zu beklagen waren. Sie werden wissen, die globale Klassengesellschaft hat es nicht anders gewollt. Dies straft alle Propheten Lügen, die gerade ohne einleuchtenden Grund und wirklichen Beweis unablässig verbreiten, nach diesem Schock werde die Welt eine andere sein.

Träfe das zu, sollte das jetzt schon sehr viel mehr erkennbar sein. Immerhin zeigt ein signifikantes Beispiel aus dem arabischen Raum, dass es möglich ist, über den eigenen Schatten zu springen. Die Vereinigten Arabischen Emirate, seit Jahren im Anti-Iran-Lager fest verankert, haben sich zu einer Hilfsaktion durchgerungen und zwei Frachtmaschinen mit 32 Tonnen Hilfsgütern nach Teheran geschickt.

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Geschrieben von

Lutz Herden

Redakteur „Politik“, zuständig für „Ausland“ und „Zeitgeschichte“

Lutz Herden studierte nach einem Volontariat beim Studio Halle bis Ende der 1970er Jahre Journalistik in Leipzig, war dann Redakteur und Auslandskorrespondent des Deutschen Fernsehfunks (DFF) in Berlin, moderierte das Nachrichtenjournal „AK zwo“ und wurde 1990/91 zum Hauptabteilungsleiter Nachrichten/Journale berufen. Nach Anstellungen beim damaligen ORB in Babelsberg und dem Sender Vox in Köln kam er Mitte 1994 als Auslandsredakteur zum Freitag. Dort arbeitete es von 1996 bis 2008 als Redaktionsleiter Politik, war dann bis 2010 Ressortleiter und danach als Redakteur für den Auslandsteil und die Zeitgeschichte verantwortlich.

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