Meine Regierung: die zweiten 100 Tage

Pulp Fiction Wie ich 2021 Bundeskanzler wurde, ein weitgehendes Programm für soziale Reformen auf den Weg brachte und schließlich scheiterte. Eine Posse, Akt zwei.
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Illustration: El Lissitzky – Der rote Keil

Was bisher geschah: Wider Erwarten war es mir und meiner Partei, der Partei für Soziale Gerechtigkeit (PfSG) gelungen, die Regierung in Deutschland zu übernehmen. Die ersten 100 Tage waren von Vorgeplänkeln geprägt sowie wachsendem Widerstand der Rechten.

Personae dramatis: Edith Wieland (meine Pressesprecherin), Gerôme Dalladier (mein Geheimdienst-Chef), »Big« Georg Gram (Fraktionsvorsitzender der PfSG), Mehmet Sarrazin (Parteiideologe), Sonia Carmaud (Multi-Ministerin meiner Regierung), X (Hacker), Roland Würmeling (Radikaldemokrat; Außenminister), Yanis Papandreu (Finanzminister), Rita Stein (Regierungsmitglied der Außerparlamentarischen), Maria (meine Freundin) sowie Nina Lakai (Mainstreamjournalistin).

Die Lage ist weiterhin prekär.

(Prolog Akt 2)

Jeder stirbt für sich allein. So jedenfalls der Titel eines bekannten Romanklassikers. Allerdings: Betrachtete man sich den Tod des investigativen Journalisten Marco Koenig, kam man nicht umhin zu konstatieren, dass Fallada beim Verfassen seines Bestsellers nicht so recht auf der Höhe gewesen war. Der Mörder, der Koenig mit einer 9mm-Schallautomatik das Gehirn aus dem Schädel pustete, hatte sein tödliches Projektil aus ungefähr einem Meter Abstand abgefeuert. Mit erwischt hatte es darüber hinaus auch Trude Bleibtreu, Koenigs Freundin. Wie erste Ermittlungen ergaben, hatten Koenig und Bleibtreu im nahelegenen KitKatClub abgefeiert – ebenfalls nicht gerade ein Ort, der für besinnliche Einkehr in den letzten Stunden bekannt war.

Mittlerweile übernahm die Kripo Mitte die Tatortabsicherung in der kleinen Seitengasse unweit der Jannowitzbrücke. Unabhängig davon, wer die beiden final ins Nirvana befördert hatte: Was mich – und meine Regierung der Sozialen Gerechtigkeit – anbelangte, hätten Koenig und Bleutreu zu kaum einem ungünstigeren Zeitpunkt das Zeitliche segnen können. Obwohl – ich muß es zugeben – Koenig unserer Regierung an den Fersen klebte wie frischer Asphalt. Seine Enthüllungsstories wurden von einigen großen, namhaften Medien kontinuierlich publiziert. Bleibtreu, seine Lebensgefährtin, fuhr ebenfalls auf der neoliberalen Überholspur. Anders als ihr skandalversierter Freund hatte sie sich mehr auf die fachgerecht-schmissige ideologische Abrechnung kapriziert. In einem großen rechtskonservativen Blog schrieb sie bissige, pointierte Glossen gegen die politische Linke, die PfSG, mich als Kanzler und Parteiführer sowie alles, was auch nur entfernt nach »sozial« aussah.

Nun, seit neuestem nicht mehr. Das Problem: Zeitlich platzte der Doppelmord mitten in die Parlamentsaussprache anläßlich des 100tägigen Bestehens unserer Regierung. Mit Welpenschutz war es nunmehr vorbei. Den Vormittag über hatte es zunehmende Turbulenzen gegeben. Als die ersten Nachrichten hineinplatzten über den brandaktuellen Kriminalfall, mutierte das Parlament vollends zum Tollhaus. Ein Wort gab das andere, und dabei blieb es nicht. Gerôme hätte dem Parlamentspräsidenten beinahe ein paar geballert. Anlass: ein Redeentzug, den dieser ihm erteilt hatte. Dalladier, so der Präsident, möge in der Regierung zwar »für dies und das« zuständig sein. Allerdings habe er kein Parlamentsmandat. Beherzt drängte ich Gerôme zur Seite, meldete mich zu Wort und stellte klar, dass ich nun endlich meine Regierungserklärung abgeben wolle.

»HEUCHLER !!«

Das Mikro rumpelte. »Mörder …« Ein paar weitere Zurufe ähnlichen Kalibers aus der zweiten, dritten Reihe. Von Muelher und Altpeter, die beiden Leader der konservativ-rechten Opposition, saßen mit herausfordernden Mienen hinter ihren Pulten und starrten mich an mit Blicken, die den Hass, den sie gegenüber uns hegten, kaum noch verbargen.

»Meine Damen und Herren –«

»Erzählen Sie uns was über Ihre stalinistischen Killerkommandos!«

»Legt die Regierung jetzt Kritiker um? – Bitte nur Info!«

Noch einer.

»Zustände wie in RUSSLAND – Ihre Kanzlerschaft ist eine Schande für Deutschland!«

Drei. Zeit, Oberwasser zu gewinnen.

»Meine Damen und Herren, mir deucht, dass ich mich heute nacht in meinen Gemächern befunden und dort geschlafen habe. Friedlich, wohlgemerkt. Obwohl ich wußte, dass Sie mir heute hier die Hölle heiß machen werden – auch ohne einen Zwischenfall, den wir selbstverständlich ebenso bedauern wie Sie.«

Heiterkeit auf der linken Plenarsaals-Seite; die Zwischenrufe verebbten langsam. Ich fuhr mit meiner geplanten Rede fort.

»Sie können Ihre haltlosen Unterstellungen gern weiter fortsetzen. Allerdings betrachten meine Regierung und ich die heutigen Vorkommnisse im Hohen Haus als Synonym für die Form der Obstruktion, die Sie und Ihre Parteifreunde seit Monaten betreiben. –«

Ich trank einen Schluck Wasser, machte eine Kunstpause und fixierte Von Muelher und Altpeter mit leutselig-lächelndem Blick.

»VERRÄTER! So welche wie euch müßte man AUFHÄNGEN !!«

Schlagartig wurde es still. Block. Eine Hardlinerin der Rechten. Und – ein offenes Geheimnis, auch im Plenarsaal: Alkoholikerin. Großzügig-souverän ging ich über den Zwischenruf hinweg. Dann kam ich zur Sache. Benannte die zahlreichen Hindernisse, welche die Parteien des neoliberalen Blocks unserer Regierung in den Weg gelegt hatten. Ich ließ nichts aus. Das Lavieren am Rande des Abgrunds vier Wochen zuvor, die ungenügende Gesetzgebung, welche PfSG mitsamt Bündnispartner bislang an den Tag gelegt hatte, dies und jenes. Dann leitete ich zum Eigentlichen über – der Zukunft.

»MIT DIESEM LAISSEZ-FAIRE IST JETZT SCHLUSS. Wir werden in den Folgemonaten nunmehr einige entscheidende Weichenstellungen vornehmen. Auch wenn es der Opposition nicht in den Kram passt: Als erstes werden werden wir das Kapitalfluchtgesetz durch einige weitere Gesetze flankieren. Unser Finanzminister wird Ihnen später eine Liste von Banken und Unternehmen vorlegen, die unsere Regierung unter Vorbehalt stellt. Ein zentrales Anliegen in den nächsten hundert Tagen wird darüber hinaus das neue Mediengesetz sein. Um auch zu diesem sicherlich nicht unumstrittenen Gesetz eine kurze Begründung abzugeben: Für unsere Regierung – ebenso wie für die Menschen im Land – ist es nicht länger einsehbar, dass die publizierte Meinung von einigen großen Medienmagnaten und Privateignern bestimmt wird.«

And so on. Um es kurz zu machen: Die Rede war ein echter Knaller. Wichtig war: Wir waren wieder in die Offensive gelangt. Umgeben von dem üblichen Pulk, trat ich den geordneten Rückzug an in mein Parlamentsbüro. Etwas mitgenommen, schickte ich alle weg außer Edith. Während ich aus der Vitrine ein frisches, plastikverpacktes Hemd hervorzog und mich Klar Schiff zu machen begann für den Rest des Tages, bemerkte ich in beiläufigem Ton:

»Ich hätte stärker die Intentionen unserer Vorhaben in den Mittelpunkt rücken sollen. Was meinst du?«

Edith schob sich einen neuen Kaugummi in den Mund. Ihre Antwort war ebenso sybillinisch wie staatsmännisch.

»Ich glaube nicht, dass das im Nachhinein noch jemand groß interessieren wird. Wenn wir mit diesen Wichsern endlich fertig sind.«

1.

Mehr und mehr gelangten wir in diesem Frühjahr in das Terrain der Ebenen, das der normalen, unspektakulären Regierungsarbeit. Die Rechten kriegten ihren Schuß vor den Bug. In einem sorgfältig vorbereiteten Gesetz beließen wir die Anteilseignerschaft der großen Medien zwar dort, wo sie zuvor bereits war. Die Redaktionen wurden jedoch weitgehend von den jeweiligen Verlagseignern abgekoppelt. Zusätzlich delegierten wir den Kern der Entscheidungsrechte an die Redaktionen selbst sowie paritätisch zusammengesetzte Gremien. Flankiert wurde das Ganze von einem Kulturprogramm, welches unser Propagandaminister Mehmet Sarrazin und Sonia Carmaud, unsere Superministerin auf den Weg brachten. Streng genommen fielt der Bereich Medien gar nicht unter Carmauds Ägide. Allerdings: Mehr und mehr entwickelte sich die enervierte Sozialpolitikerin zum inhaltlichen Kraftzentrum unserer Regierung. Ich fragte mich lediglich, wie sie ihr Tagespensum in nur 24 Stunden unterbrachte.

Die Dinge nahmen ihren Gang. Ich selbst begab mich zwischenzeitlich auf das Terrain der Staatsbesuche, bilateralen Treffen und Gipfel. Die Lage war brisant. Deutschland stand auf der Kippe. Bedingt durch den knallharten Austeritätskurs unserer Vorgängerregierungen war das Land kurz davor, aus der EU hinausgeschmissen zu werden. Sollte ein Neuanfang möglich sein? Die Zeichen standen nicht sehr gut. Allerdings wollte ich es zumindest versuchen.

Der erste Besuch war Pflicht. Bei der US-amerikanischen Präsidentin. Der Besuch geriet zur Katastrophe. Bereits die Chemie stimmte hinten und vorne nicht. Als Goodwill-Aktion hatte ich der Präsidentin eine DVD-Box mitgebracht mit einer sozial angehauchten Komödie, die bei unserem Publikum gut angekommen war und – mittlerweile synchronisiert – nunmehr auf dem amerikanischen Markt erscheinen sollte. Die Präsidentin legte mein Präsent wortlos zu Seite und meinte, dass mit unseren Soft Skills sei ja schön und gut. Dann fragte sie mich mit stechendem Blick, wie Deutschland es mit der NATO-Mitgliedschaft zu halten gedenke. Die USA beabsichtigten, sich in Zentralasien stärker zu engagieren, und da könne Germany nicht einfach abseits stehen.

»Wir sind nicht sehr glücklich mit der deutschen Neutralität beispielsweise in Sachen Kasachstan.« Ob da etwa eine stärkere Orientierung in Richtung der Russischen Förderation im Busch sei?

Diplomatisch entgegnete ich, dass man das nicht so strikt sehen könne. Der Antrittsbesuch hangelte sich weiter auf der Katastrophenschiene fort. Dass Maria es sich nicht nehmen lassen wollte, die Amis kennenzulernen, die halbe Zeit angeschickert war und anlässlich eines Dinners im Weißen Haus einen nicht gerade schmeichelhaften Toast auf die Präsidentin anbrachte, machte die Sache keinesfalls besser. Von Washington, D. C. ging es direkt nach London. Das Blockfreie-Bündnis, dass mir idealerweise vorschwebte, mußte unter diesen Umständen warten. Die Konferenz mit den restlichen europäischen Regierungschefs war stimmungstechnisch zwar nicht ganz so die Gefrierraum-Party, allerdings hektisch ohne Ende. Der Einfachheit halber an der Stelle die Übersetzung des babylonischen Sprachgewirrs, dass dort herrschte.

»Du mußt aufpassen.« Der Chief des English Kingdom, wie sich das zwischenzeitlich verkleinerte Gebilde nunmehr nannte, hatte mich auf die Seite genommen und machte auf vertraulich. »Wenn ihr mit euren Sozialisierungsmaßnahmen nicht aufhört, schmiert die deutsche Wirtschaft komplett ab.«

»Ich weiß.« Mittlerweile hatte ich gelernt, möglichst viel Aussage in meine Worte zu packen.

Der französische Kollege war stilvoller. Die Sozialisten hatten sich nach der Ära Hollande nach links entwickelt. Nach unserer Machtübernahme waren sie sichtlich darauf aus, alte Brücken wieder aufzurichten. Anlässlich eines gepflegten Dom Pérignon im informellen Bereich der französischen Delegation redeten wir in entspannter Atmosphäre über Dies und Das.

»Mon ami, ihr seid aktuell ziemlich unter Beschuss. Wir sollten stärker zusammenarbeiten. Eine Frage … hat sich etwas Neues ergeben im Fall dieses … äh … journaliste fatale?

Garniert mit ein paar amüsanten Insider-Anektoten, klärte ich ihn über die neuesten Wendungen im Fall Koenig auf. Offensichtlich war der Mord auf das Konto einer russischen OK-Truppe gegangen. Professionelles Team, perfekt in Szene gesetzt. Koenig hatte nicht nur gegen uns gehetzt, was das Zeug hielt. Sondern sich offensichtlich auch mit ein paar zweifelhaften russischen Oligarchen angelegt.

»… Und Madame Bleibtreu», fuhr ich fort, »ist vermutlich nur versehentlich in diese Chose geraten. Vielleicht auch, um Spuren zu verwischen. Eine Eifersuchtstat vorzutäuschen, was weiß ich …«

Monsieur le presidente lächelte wissend.

»Passen Sie auf, mit wem Sie sich einlassen.«

Am nächsten Tag war der Fall Koenig Titelthema des Daily Mail. Headline:

MURDER TO FORCE RAPPROCHEMENT BETWEEN GERMANY AND RUSSIA?

Die Chose war noch nicht durch. Jetzt dichteten sie uns schon Morde an, damit wir mit den Russen besser ins Geschäft kamen.

2.

»DAS DA sind natürlich genau die Nachrichten, die wir un-be-dingt brauchen.«

Big Georgie hatte sich mehr und mehr in Rage geredet, stolzierte mittlerweile wie ein Tiger im Konferenzraum hin und her.

»Aber dem Herrn Bundeskanzler beliebt es ja, auch den Job des Außenministers mitmachen zu wollen. Sozusagen mit linker Hand. Und jetzt haben wir den Salat. Eine KA-TA-STROPHE, wie sie im Buch steht. Ein politisches Desaster.«

»Kommst du langsam wieder auf den Teppich?«

Ich war nur scheinbar ruhig. Aus den Augenwinkeln hatte ich bemerkt, dass sich Würmeling ebenfalls in die Angriffsposition vortastete. Sicher: Die wichtigsten Leute – Papandreu, Sarrazin und vor allem die quirlige Carmaud – standen hinter meinem Kurs. Die trugen auch mit, wenn ein Auslandsbesuch nicht nach Wunsch verlief. Allerdings sollte man Big Georgie nie unterschätzen. Im Parteiapparat und der Staatsbürokratie gab es eine Menge Leute, denen er sich gewiss sein konnte. Vor allem, wenn er so wie jetzt auf die Kacke haute.

»Nu mach mal halblang, Georg«, meldete sich Sonia zu Wort. Ruhig, kein Ton zu viel. »Dass wir bei den Amis kaum punkten können, war doch schon vor dem Besuch klar. Und die konservativen britischen Boulevardgazetten – du meine Güte. Wenn die Daily Mail schreibt, dass der Fraktionsvorsitzende der deutschen Sozialisten allmählich eine Glatze kriegt – trittst du dann auch zurück?«

Nur X lachte über den Witz. Schlechtes Zeichen.

Gram lehnte sich zurück, verschränkte die Hände hinter dem Kopf und grinste sie selbstzufrieden an. Die Spannung im Raum war mit Händen zu greifen. Sonia mochte zwar Herz und Motor unserer Sozialgesetzgebung sein. Allerdings hatte Gram hinter den Kulissen ein paar wichtige Wirtschaftsvereinbarungen mit den Russen in trockene Tücher gebracht. Was daran hing, das wußten wir alle.

»Weißt du, was dein Problem ist, Sonia?« Gram dehnte die Worte genüßlich. »Ihr verabschiedet Gesetze, als ob es kein Morgen mehr gäbe. Mal hier, mal da, wo es eben nottut. Kommt spektakulär rüber, und ihr hofft, dass euch anschließend alle lieb haben. Aber eine Stringenz hat eure Reformpolitik hinten und vorne nicht. Denkt mal an die vielen Beschlüsse in unserem Parteiprogramm. Ich denke, in der Praxis habt ihr versagt. Und auf dem nächsten Parteitag werdet ihr dafür die Quittung kriegen.«

Nach der Sitzung krallte ich mir Big George. Als alle hinausgegangen waren, schlug ich demonstrativ die Tür vor seiner Nase zu.

»Du nicht.«

Er schaute mich mit ruhigem Blick an. Wissend. Kein Ton.

»Mach’ so ’ne Scheiße nicht noch einmal mit mir.« Ich trat nahe an ihn heran, fixierte ihn.

»Was?«

Sein Ton war fast provozierend gleichgültig.

»Mich bloßstellen. Wir haben eine Hierarchie. Die gilt auch für dich. Wenn dir was nicht passt, dann kommst du zu mir. So läuft das. Nochmal so eine Nummer wie heute, und wir zwei kriegen massive Probleme.«

Ich fixierte ihn. Gram fuhr sein provozierendes Scheißegal-Grinsen etwas herunter, bewegte sich einen Schritt zum Buffettisch, fischte sich eine Olive und eine Serviette und schob sich die Olive in den Mund.

»Du willst mir drohen?«

Am liebsten hätte ich ihm eine geballert. Ich machte in Diplomatie.

»Sieh’ es nicht als Drohung an. Nur einfach als freundschaftliche Warnung.«

Big Georgie putzte sich die Finger mit der Serviette. Betont langsam. Dann drehte er sich um, ließ die Serviette auf den Boden gleiten und verließ ohne weiteres Wort den Raum.

Alarmiert durch den abrupten Zusammenstoß in der großen Runde, machte ich eine kleine Stippvisite in Sonias Ministerialräumen. Wie immer, glich ihr Ministerium einem quirligen Bienenstock. Das Herz unserer Sozialgesetzgebung – hier taktete es Minute für Minute. Wir gingen in ihr Büro.

»Sag mal«, hub ich an. »Das bringt der doch nicht einfach so. Aus heiterem Himmel.«

»Nee.« Sonia sah betrübt aus. »Von der Partei hat der natürlich gut reden. Die bombardieren uns seit Monaten mit Anfragen. Das ist nicht böse gemeint. Aber wir können das alles gar nicht bewältigen, was die Basis in ihrer sicherlich gutgemeinten Euphorie alles vorschlägt.«

»Mal im Ernst – Gram und ›Basis‹. Das passt doch zusammen wie meine Oma und John Lennon.«

»Du hast Recht.« Sonias Stimme klang plötzlich müde, resigniert. »Der hat halt die ganzen Wichtigen in der Tasche. Hier einen Gefallen, dort einen lukrativen Job. Vor allem aber hat er die anstehenden Abkommen mit Russland vorbereitet.«

»Das heißt?«

Ich wurde unruhig.

»Auch wenn du Yanis gerade bevorzugst: Du kannst kaum noch ohne ihn. Nicht jetzt. Vielleicht will er euch beiden die Butter vom Brot nehmen.«

Ich seufzte, machte mich klar zum Abgang.

»Danke für deine klaren Worte.«

»Por nada. Aber – « Sonias Warnung klang vibrierend in meinem Rücken. »Pass auf deinen Allerwertesten auf, Bundeskanzler.«

3.

»Möchtest du, dass ich dir den Popo versohle?«

»Das traust du dich doch nicht. WETTEN – DASS?«

»Ich verhau’ dir den Popo. Und dann mach’ ich aus dir eine anständige Sozialistin.«

»Du Schlimmer. Das schaffst du nicht …«

Klatsch. Klatsch.

»AUA … Du tust mir weh …AUUUUUUU …«

Ihr gertengleicher Körper wand sich um mich. Ich zog sie an mich heran, küsste sie, übernahm die Führung. Wir tummelten uns auf dem Laken, halb ringkampfartig. Sie wehrte sich weiter, spielerisch. Ich spielte mit ihren Brüsten, streichelte ihren Körper, blickte ihr ins Gesicht. Das Stöhnen wurde langsam rythmischer. Zielstrebig, wenn auch mit Bedacht, arbeiteten wir uns dem Finale entgegen.

Es war schnell und leidenschaftlich. Wie immer. Das war – vielleicht – das Problem. Die Liaison dangereuse mit Nina Lakai währte nunmehr bereits zwei Monate. Die Wahrheit innerhalb der Wahrheit war: Die karriereorientierte Journalistin Nina Lakai war zwischenzeitlich auf unsere Linie umgeschwenkt. Zwar nicht explizit. Aber doch so, dass man mit ihren Geschichten ganz gut leben konnte. Ganz freiwillig war der Umschwung nicht. Allerdings: Nachdem sie in die Mühle der Razzien geraten war, die wir flankierend zu dem neuen Pressedemokratie-Gesetz im Januar aufgezogen hatten, ließ sie sich doch überzeugen. An Lakais Überzeugung hatte ich schließlich ganz persönlich mitgewerkelt. Ich brauchte dabei keine Drohungen. Es reichte aus, darauf hinzuweisen, dass die privat-bürgerlichen Medien in Deutschland eh auf dem absteigenden Ast seien. Ob eine begabte Journalistin wie sie auf diese angewiesen sei?

»Was willst du nun tun?«

»Was?«

Wir lagen auf dem Bett, etwas atemlos noch, und rauchten die berühmte Zigarette danach. Es war April geworden. Die Frühlingssonne schien durch die Fenster unseres abgelegenen Liebesnestes in der Brandenburger Pampa.

»Koenig zum Beispiel.«

»Die Story war gut.«

Sie setzte sich auf, zog sinnierend an ihrer Zigarette.

»War sie nicht. Du weißt selbst, dass das alles durchgereichtes Material war. Provisorisch, stückhaft, ungenügend. Selbst deine Staatsanwälte glauben nicht, dass sie damit den Fall ad acta legen können.«

Ich sagte nichts. Wir wußten beide: Im Fall Koenig–Bleibtreu gab es hunderttausend Aspekte. Aktueller Stand war, dass die Sache ein Auftragsmord gewesen war. Lanciert vermutlich von Auftraggebern im Umfeld der Russischen Mafia. Die Geschichte ergab Sinn von der Vorgeschichte, wurde gedeckt durch die mittlerweile offengelegten Kontoverbindungen und war eigentlich auch von der Motivlage her klar. Andererseits hieß das, dass die Täter längst wieder in Russland waren. Oder auf dem Balkan. Oder in Tschetschenien. Oder … Und es gab nach wie vor Journalisten, die die Chose in Zusammenhang brachten mit dem nunmehr fast unterschriftsreifen Abkommen mit Russland.

»Was macht deine Freundin?«

»Sorry. Aber private Fragen beantworte ich grundsätzlich nur in Beisein meines Anwaltes.«

Ich stupste sie neckisch, signalisierte ihr, dass mir das Problem zwar bekannt sei, ich allerdings unseren schönen Abend nicht versauen wollte. Wir lagen nebeneinander, schwiegen. Es war, wie es war. Marias Verhalten war im Lauf der letzten Monate mehr und mehr untragbar geworden. Alk, Pillen, vermutlich kam die ein oder andere Nase Koka dazu. Nicht nur ich wußte es. Alle wußten es. Andererseits lag genau da das Problem. Bei den Bürgerlichen mochte man sich einer unhaltbar gewordenen Ex-Geliebten elegant entledigen. Die Mittel waren ja nun nicht gerade ein Geheimnis: Apanagen, ein goldener Handschlag; zur Not schrieb ein Arzt das Attest für die Zwangseinweisung in eine Suchtklinik. Hier lag der Fall anders. Auch wenn nirgends eine Lösung in Sicht war – ich konnte Maria nicht einfach den Laufpass geben.

»Irgendwie seid ihr wie die Mafia», sagte Nina in die Stille.

Ich grummelte irgendwas. Vermutlich hatte sie Recht. Und vermutlich würde es genauso weitergehen. Gerôme besorgte Maria weiter heimlich Koks. Ich knallte dafür weiter Nina. Und so weiter, and so on. Sozialistens, live an der Regierung. Vermutlich schonte ich mit Bedacht meinen Energiehaushalt. Am Wochenende waren wir 200 Tage an der Regierung. Stolzes Level, oder: Nicht schlecht, Herr Specht.

Am Wochenende stand auch das entscheidende Abkommen mit den Russkis an. Oder jedenfalls die Vorform: die alljährliche Gedenkparade zum 9. Mai.

Fortsetzung:

Meine Regierung: die letzten 100 Tage

Erster Teil:

Meine Regierung: die ersten 100 Tage

Gekürzter Vorabdruck aus dem 2024 erscheinenden Erfahrungsbericht Meine Zeit als deutscher Bundeskanzler. Edition Gauche, Paris.

Meine Regierung: Die ersten 100 Tage

12:01 23.07.2015
Dieser Beitrag gibt die Meinung des Autors wieder, nicht notwendigerweise die der Redaktion des Freitag.
Geschrieben von

Richard Zietz

Linkspopulist und Popkultur-Fanatiker. Grundhaltung: Das Soziale ist das große Thema unserer Zeit.
Richard Zietz

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