Da ist ja Herr Godot!

Spiel Marion Braschs neuer Roman ist herrlich absurd. Godot reist endlich an, es gibt Dunkelmunke und die Weltformel im Gurkenglas
Magda Geisler | Ausgabe 09/2016 10
Da ist ja Herr Godot!
Es bleibt das Geheimnis der Autorin, wie sie die Weltformel im Gurkenglas findet
Foto: Rebecca Hale/Getty Images

Vor einigen Jahren hat die Radiomoderatorin und Autorin Marion Brasch ein viel beachtetes Buch über ihre Familie Ab jetzt ist Ruhe geschrieben. Wir lasen über ihren Vater Horst Brasch, der vom Katholiken zum Kommunisten geworden, in der DDR SED-Funktionär und eine Weile auch stellvertretender Kulturminister war, über ihr Verhältnis zu den Schriftsteller-Brüdern Thomas und Peter Brasch und dem Schauspielerbruder, die an der DDR und der eigenen Zerrissenheit zerbrachen, und das in einem eigenen, ganz tragisch-komischen Ton.

Jetzt entschloss Marion Brasch sich, Godot, den gar nicht auftretenden Helden aus Samuel Becketts absurdem Theaterstück – einem Klassiker der Moderne, wie man so schön sagt – zu wirklicher Existenz zu verhelfen. Gebildete Menschen wissen ja: Eigentlich gibt es ihn gar nicht, jedenfalls nicht auf der Bühne. Wladimir und Estragon warten auf ihn, aber er kommt nicht. Das hat schon viele Autoren inspiriert, nun auch Marion Brasch. So entstanden Die irrtümlichen Abenteuer des Herrn Godot. Kein Roman, eher ein Roman-Spiel.

Wenn sich mit „Worten trefflich streiten“ und sogar „ein System bereiten“ lässt, wie der Mephisto im Faust sagt, so lässt sich mit ihnen auch trefflich spielen, wie bei Brasch zu beobachten ist, wenn sie „des trocknen Tones nun satt“ ist. Deshalb ist Godot irgendwann nun einmal da. Die Figur wird auf die Szene gesetzt wie die Modellbahn auf die Schienen. Und los geht’s mit den Abenteuern und Abschweifungen. Es gibt keine richtige Handlung, dafür viele Umwege. Spannung ist dennoch drin. Man fragt sich weniger, was als Nächstes passieren mag, ist vielmehr gespannt, was der Autorin jetzt wieder einfallen mag.

„Wahr ist an einer Geschichte immer nur das, was der Zuhörer glaubt“, zitiert Brasch einen großen Schriftsteller, über den sie sich gleich ein bisschen lustig macht. Über Hermann Hesse nämlich, der sich in ihrer Fantasie gerade mit Gertrud abplagt. Wer es nicht weiß, muss nachschlagen: Gertrud ist die Titelfigur einer Erzählung Hesses, und sie ist eigentlich nur eine Projektion ihres Autors, die kein Eigenleben hat. Das könnte ein Grund sein, warum sie und der „hinkende Kuhn“ bei Brasch ironisiert werden, warum Hesse unbedingt eine Schreibmaschine braucht, damit er darauf herumhacken kann – wegen Gertrud.

Köstliche Schnurrfaxereien

Weitere Figuren der Welt- und Ideengeschichte werden in die Godot’sche Abenteuerreise und Weltbesichtigung gemischt, so dass hübsche Anspielungen des Wegs kommen. Zum Beispiel, wenn Godot – in Trauer um eine Katze – sich zum Zwecke der Trauerarbeit zwei Bretter quer nagelt, worauf der Name Ingrid (so heißt die Katze) geritzt wird, wenn er damit durch die Lande zieht, bis einer kommt mit strähnigem Haar ... Die weitere Geschichte wird beiläufig abgehakt. Es ist halt ein Kreuz mit der Religion. Eingewoben sind Geschichten über Geschöpfe, die es – wie Godot – eigentlich auch nicht geben dürfte, die ihr Leben der Kunst der Autorin verdanken, Worte auf schräge Weise zu beleben. Bei Brasch, und nur bei ihr, gibt es Lackaffen, lebendige Reißwölfe und Würfelmolche.

Wortverspielte Schnurrfaxereien finden sich auch bei einigen anderen „Spinnern“ in der Literatur, aber hier hat sich Marion Brasch schon eine eigene verquere Stimme verschafft. Dazu kommt, dass Matthias Friedrich Muecke, der Illustrator des Buchs, der Fantasie der Autorin die eigene zugesellt hat und dies mit viel Freude am Detail.

Es ist also allerlei drin in den Geschichten, die der Welt ein bisschen einen Vogel zeigen wie der Maulaffe dem Hüpfbären. Das ist eben so, wenn bekannte Worte und Begriffe wörtlich genommen werden, woraus sich neue Bedeutungen ergeben. Es gibt Figuren, die eine Nahrungskette um den Hals tragen und deren Augenringe zu klein sind. Und weil es hierzulande so viel Gewirbel um die Mitte gibt, hat sie sich mit dem Mittwoch und dem Mittelscheitel um den Mittellandkanal herum verbal „gemittet“. Es gibt Handtaschen, in denen sich Gießkannen finden. Es gibt Unterirde und Dunkelmunke – sehr interessante Wesen. Manchmal aber, wenn man Marion Braschs autobiografisches Buch gelesen hat, findet man in Godots Abenteuern alte Bekannte wieder. Die telepathischen Chinesen, von denen die Autorin einen bei ihrer ersten Reise in die USA kennengelernt hat.

Dazwischen werden Märchen erzählt, in denen Geschlechterzuweisungen auch nichts gelten. Da heißt ein Mädchen Gerhard. Alles durcheinander – aber nach Plan, meistens. Im Grunde ist das alles gar nicht so ungeordnet, aber nur die Autorin kennt das System, es bleibt ihr Geheimnis, wie sie am Ende die Weltformel im Gurkenglas findet.

Und manchmal scheint da ein ernsthafter Groll durch, der in letzter Zeit auch von anderen Frauen in dieser oder jener Form artikuliert wurde. Bei ihr führt er zur Veralberung derer, die man die „großen Geister“ nennt. Da tritt es dann auf, das Jüngste Gericht. Es besteht aus Nietzsche, Brecht, Einstein, Katharina der Großen und Gevatter Tod. Über Godot heißt es bei Brasch: Er fand einen ziemlich heruntergekommenen Übermenschen, ein paar verblasste Hochzeitsfotos von Katharina der Großen und ihrem Lieblingsmaulwurf, ein paar unfassbar schlechte Brecht-Verse und eine gescheiterte Revolution, die sich gerade an einem Kind die Zähne ausbiss. Ein schrecklicher Anblick. Es muss an den gegenwärtigen Zeiten liegen, dass sich aus dieser Verspottung durchaus etwas Plausibles ergibt.

Manchmal sind die Godot’schen Abenteuer ein Gratwanderung, bei der der Sturz ins Alberne gerade noch vermieden wurde. Aber was da scheinbar kindlich daherkommt, ist überhaupt nicht kindlich. Kinder könnten mit diesen Geschichten doch immer nur partiell was anfangen. Erwachsene können sich dagegen in der Illusion wiegen, es sei ihnen gerade etwas Kindlich-Naives zuteil geworden. Oder nicht? Ich bin mir nicht so sicher. Jedenfalls: Marion Brasch nimmt das Absurde als das, was es ist, keine Theaterkategorie, sondern eben „absurd“ – und schön und außerdem wunderbar bebildert.

Info

Die irrtümlichen Abenteuer des Herrn Godot Marion Brasch Matthias Friedrich Muecke (Illustrationen), Voland & Quist 2016, 160 S., 18 €

Magda Geisler bloggt auf freitag.de

06:00 16.03.2016
Geschrieben von

Magda Geisler | Magda

Was wir brauchen, sind ein paar verrückte Leute; seht euch an, wohin uns die normalen gebracht haben. (George B. Shaw)
Magda

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