Vom Nutzen der Naivität

Nachdenken über Politik Leute, die ihr Weltbild ein bisschen außerhalb der gängigen Theorien und verbreiteten Analysen verorten, fallen oft unter das Verdikt der Naivität. Das ist beruhigend
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Weil wir konformistische Menschen sind, benutzen mein Mann und ich immer die Worte der Saison. Momentan ist das „Wir schaffen das“. Heute gings darum, eine widerspenstige Büchse so zu öffnen, dass sich keiner verletzt. Ja, so sind wir. Wir wollen gern glauben, dass es ein Akt der spontanen Menschlichkeit war, der Angela Merkel bewogen hat, die Flüchtlinge aus Ungarn über Österreich – kurzfristig – herein zu lassen. Aber, das ist natürlich absolut naiv.

Überhaupt – naiv, das ist ein weiteres ständig auftauchendes Wort der Saison. Selbst Angela Merkel ist dieser Tage als naiv gekennzeichnet worden. Jakob Augstein nannte sie so. Da gings wohl um Volkswagen. Aber, was das betrifft, waren wir alle naiv.

Naiv sind alle, die den Gesamtplan nicht kennen

Naiv sind all jene, die nicht hurtig und versiert die vorhandenen Indizien so zusammentragen, dass ein Gesamtplan der Leute, die hinter allem stecken, sichtbar wird. wahlweise die USA, Merkel, der Kapitalismus oder auch nur die Dummheit und der Irrsinn.

Es richtet sich nach dem jeweiligen Weltbild, welche Pläne und Hintergründe favorisiert sind.

Der Kapitalismus steckt sowieso hinter allem. Aber, dann kann es bei den einen der Neoliberalismus, Marktkonformismus, bei anderen aber zu wenig Liberalität sein.

Mit den großen Mächten meinen die einen die USA, wieder andere, meinen die USA seit Obama und seiner Vasallin Merkel. Viele meinen aber auch Russland in Gestalt von Putin. Manche murmeln auch nur noch verschwörerisch: Brzezinski.

Hinter Merkel stecken nun wieder – so meinen die halbwegs säkularen Zeitgenossen - gewisse politische Kreise. Christlich-besorgte Bürger meinen damit gleich den Teufel. Jedenfalls ist mir das nach dem Anhören der Predigt eines freikirchlichen Pastors in den Sinn gekommen.

Dieser Pfarrer reiht das aneinander was sein Weltbild stützt. Danach ist Merkel – mithilfe des Bösen – dabei, Deutschland in einen Bürgerkrieg zu stürzen. Die CIA hat das sowieso schon auf dem Plan. Des Pfarrers scharfe Analysen kann man – wenn man ein paar Vokabeln austauscht – in manchen Bloggerbeiträgen wiederfinden. Das funktioniert auch prima mit anderen Politikern. Die werden nur noch als Handlanger, als Marionetten, als finstere Gestalten wahrgenommen.

Achja, die finsteren Pläne. Ich denke gerade an die schönen Filme über die Olsen-Bande. Da hatte Egon auch immer einen Plan, der aber ganz selten zum Ziel führte. Denn das eine sind die Pläne, das andere ist das Leben. Die vertickten Theorien und Analysen kommen mir hin und wieder vor wie ein Fußballpass ins Auswegslose – es gibt keinen Weg, der das ändern kann. Es sei denn man hört KenFM.

Gott, was ist dieser Bertolt Brecht naiv

Da gibts noch Bertolt Brecht mit seinem Lied von der Moldau. Eine Strophe geht so:

Es wechseln die Zeiten
Die riesigen Pläne der Mächtigen kommen am Ende zum Halt.
Und gehn sie einher auch wie blutige Hähne
Es wechseln die Zeiten, da hilft kein Gewalt.

Wie kommt es, dass mir das, was als Gegenaufklärung gemeint ist, mir inzwischen so gefährlich vorkommt, wie die wirkliche Gefahr, die ja unbestritten besteht. Man ist halt naiv.

Eine Taz - Kolumnistin macht sich auch Gedanken über diese Art der Zeitkritik.

Sie bespricht das Buch das österreichischen Autors Thomas Edlinger: „Der wunde Punkt. Vom Unbehagen an der Kritik“. Der nennt die gegenwärtig vorherrschende Art des Diskurses: Miserabilismus. Aus dem Pathos der Weltveränderung sei das Pathos der Verschlechterung geworden. Aus dem Glauben an die Möglicheit des gesellschaftlichen Fortschritts sei der Glaube an die Unmöglichkeit jeglicher Verbesserung geworden.

Wer glaubt, es würde sich zur Abwechslung auch einmal etwas verbessern, ist ein Schaf“, beschreibt Edlinger den miserabilistischen Glauben. Der Generalverdacht ist sein Königsweg. Nichts darf gut sein. Alles, was nur den Anschein einer Wende zum Besseren hat, muss diskreditiert werden.

Was denken Sie, wie haben Albrecht Müllers Nachdenkseiten kürzlich diese Überlegungen gekennzeichnet? Richtig - als naiv.

Es gibt noch andere "Naive"

Gestern hat sich Dr. Wolfgang Lieb aus den Nachdenkseiten verabschiedet, weil er sie nicht mehr mittragen will. Da hat er alles aufgegriffen, was in letzter Zeit an den NDS viele der Leser und Abonennten zunehmend irritiert hat.

Albrecht Müller wolle nicht (mehr) aufklären, er wolle eine Art von Gegenpropaganda aufziehen. Und er bewegt sich - das hat Lieb auch angedeutet - in publizistisch zweifelhaftem Fahrwasser. Warnungen dagegen diskreditiert Müller als "Kampagnen". Das ist mir selbst in einem Mailkontakt mit Albrecht Müller so ergangen. Vor allem befördert er die vereinfachende Sicht auf die Welt, die Konflikte der Gegenwart, die Differenzierungen als „naiv“ abtut.

Es reicht eben m.E. nicht aus, die Welt moralisch in „Freund“ und „Feind“ aufzuteilen und die Ursache nahezu allen Übels auf der Welt „einflussreichen Kräften“ (oft in den USA) oder undurchsichtigen „finanzkräftigen Gruppen“ oder pauschal „den Eliten“ zuzuschreiben. Die Reduktion gesellschaftlicher Konflikte auf einen Antagonismus zwischen „Volk“ und „Eliten“ halte ich für missbrauchsanfällig.

Wenn es „in der Geschichte keine Zufälle“ [PDF] gäbe und „einflussreiche Kreise“im Hintergrund ohnehin die Politik und die Medien hierzulande und in der Welt steuerten und es also vor allem um „abgekartete Spiele“ ginge, dann wären politisches Engagement und das demokratische Ringen um Alternativen sinnlos.

Genau so wirkt manche Enthüllungsprosa der Gegenwart auf mich. Man kann zu Hause bleiben- es wird eh alles so kommen, wie es muss. Die gleichen Leute beschimpfen Kritiker ihrer Theorien aber als Spalter, die die Weltrettung sabotieren. Was denn nun?

Wolfgang Lieb wendet sich - das ist auch mein Anliegen - gegen andauernde persönliche Diffamierung von Politikern, die nichts mit Analyse und Vernunft zu tun hat. Ressentiment statt Aufklärung hat ein anderer Zeitgenosse das genannt.

Übrigens in meinem Mailkontakt ging es um die Querfront-Studie der Otto-Brenner-Stiftung. Eine solche wuchtige Ablehnung gegenüber einem einstigen guten Kollegen und Mitstreiter wie Wolfgang Storz hat mich erschreckt.

Auch dazu äußert sich Wolfgang Lieb, wenn er Begriffe wie „unterste Schublade“ und „Dummheit“ zutiefst kritisiert.

Und dann – Gipfel der Naivität – schreibt Lieb: Ich bin weiter der festen Überzeugung, dass die Unterscheidung zwischen politisch „links“ oder „rechts“ stehend nach wie vor eine grundsätzliche Bedeutung hat. Hinter dieser Abgrenzung stehen gänzlich unterschiedliche Gesellschaftsvorstellungen (…) Würde man nach den Zielen des gesellschaftlichen Fortschritts und nach dem zugrundeliegenden Menschenbild und Demokratieverständnis fragen, würde sich manche schräge Debatte etwa über eine sog. „Querfront“ erübrigen.“

Das ist beruhigend. Es gibt wirklich noch viele Naive in diesem wilden Zeitgeistgetöse. Meine eigenen Scharmützel und Streiterein hatten oft auch mit dieser Welle zu tun, die auf alle Hintergründe verzichten will, dafür aber so manches Hintergrundportal, das sich ein bisschen autonom geriert und dabei andauernd nur noch voneinander abschreibt, als die absolute Wahrheitsquelle betrachtet. Die Lähmung, die sich breitmacht in der Bevölkerung hat auch mit Horroszenarien zu tun, die entworfen werden und die bei höchst einfachen Weltbildern als unausweichlich eintreten. Da sind wir schon bei diesem Pfarrer aus dem Baden-Württembergischen: Die Apokalypse kommt- Merkel hat sie heraufbeschworen. Amen. Naiv, wer das nicht sehen will.

13:38 24.10.2015
Dieser Beitrag gibt die Meinung des Autors wieder, nicht notwendigerweise die der Redaktion des Freitag.
Geschrieben von

Magda

Was wir brauchen, sind ein paar verrückte Leute; seht euch an, wohin uns die normalen gebracht haben. (George B. Shaw)
Magda

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