Von der Freiheit in die Überwachung

Freitag-Salon Die Revolution frisst ihre Kinder – hat das Internet eine Zukunft? Jakob Augstein im Gespräch mit Constanze Kurz, Datenschutzexpertin und Sprecherin des CCC
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Von der Freiheit in die Überwachung

Leider ist das Bild ein bisschen unscharf, aber manchmal ist das "Ungefähre" auch symbolisch ganz gut. Denn klare Lösungen gibts für die aufgeworfenen Probleme nicht

Vor vielen vielen Jahren - so um die Jahrtausendwende - dachte ich manchmal, dass das Internet so eine Art virtueller Kommunismus ist. Soviel Wissen zugänglich, so viele Möglichkeiten, Kontakte zu knüpfen und damals gabs noch nicht mal facebook. Es gab so gemütliche nette kleine E-Mail Provider und alles war frei. Frei und kostenlos.

Und was ist jetzt? Jetzt ist NSA und von allen Seiten gieriger Griff auf unsere Daten. Es gibt sehr viele kulturkritische Warner und Mahner, die sich gegen diese Entwicklung stemmen

Jakob Augstein nannte beim sonntäglichen Freitag-Salon den von ihm favorisierten Frank Schirrmacher von der FAZ. Es gibt aber auch Constanze Kurz, die sich unaufgeregter - aber durchaus mit Realismus und Besorgnis - dem Thema nähert.

Die Revolution frisst ihre Kinder – hat das Internet eine Zukunft? wollte Jakob Augstein im Gespräch mit ihr erforschen.

Constanze Kurz ist Projektleiterin an der Hochschule für Technik und Wirtschaft Berlin sowie Mitglied im Chaos Computer Club e.V, sowie dessen Sprecherin. Außerdem ist sie Mitglied im Beirat des Forums InformatikerInnen für Frieden und gesellschaftliche Verantwortung (FIfF)

Langsames Umdenken

Beim Innenminister?

Der CCC hat vor einiger Zeit im Zusammenhang mit dem NSA-Skandal Strafanzeige gegen die Bundesregierung und deutsche Geheimdienste erstattet und damit Aufsehen erregt. Natürlich ist das mehr eine politische Aktion, räumt sie ein, aber sie sieht in manchen Statements – z. B. des neuen Innenministers Thomas de Maiziere – ein gewisses Umdenken nach den sehr schlichten Einlassungen und Aktionen seines Amtsvorgängers oder der bundesweit belachten Pofalla-Beendigungs-Erklärung. Die USA handeln ohne Maß, hatte de Maiziere erklärt, aber er hatte auch unterstrichen, dass er die Überwachung aus kommerziellen Gründen schlimmer finde.

Jakob Augstein meinte, er fühle sich hilflos angesichs dieser Entwicklungen und suche nun Erklärung – ja, fast Trost - bei Constanze Kurz.

Sie selbst habe die schnelle Kommerzialisierung des Internets auch nicht vorausgesehen, erklärte sie. Auch dass alle Geschäftsmodelle mit Datenauswertung zu tun hätten, sei nicht zwingend gewesen, es hätten auch andere Modelle favorisisert werden können. Ich hätte gern gewusst, woran sie da gedacht hat, aber es ergab sich nicht. Ein Unternehmen wie Google wolle nichts anderes als Werbung anbieten und Daten sammeln. Ja klar.

Ob die dringende Empfehlung, die wie Pilze aus dem Boden schießenden Verschlüsselungsanbieter zu nutzen, Trost spendet, kann ich nicht sagen. Auf jeden Fall erklärte sie, dass sie Sinn machten, auch wenn abzusehen sei, dass man Verschlüsselungen natürlich knacken könnte. Das ständige neue Entschlüsseln sei teuer und unökonomisch – und dies eine Chance, dass es unterlassen würde.

Wie ersetzbar ist

Der Mensch?

Spannender fand ich die Frage, in welchem Ausmaß Arbeitskräfte in Zukunft von elektronisch gesteuerten Maschinen ersetzt werden könnten. Constanze Kurz – die zusammen mit Frank Rieger dazu das Buch Arbeitsfrei veröffentlich hat - meinte, sie wundere sich sehr, dass dies bei der Debatte um das Thema „Mindestlohn“ überhaupt keine Rolle gespielt habe. Wenn Menschen zuviel kosteten, sei die Gefahr, ihre Arbeit maschinell zu ersetzen, sehr groß.

Der effektive

Journalismus-Generator

Auch im Journalismus, erklärte sie seien inzwischen Automaten bei der Generierung von Artikeln, Reports aus Daten, am Werke. Jüngstes Beispiel sei die Berichterstattung in der New York Times zum Flugzeugunglück in Malaysia.

Als Trostpflaster auf die Menschenseele in ihrem Wunsch nach Einmaligkeit und Unverwechselbarkeit war zu vernehmen: Die ganz kreativen Dinge seien natürlich nicht generierbar, auch wenn es sogar inzwischen Computerlyrik gäbe. Insgesamt aber seien Menschen viel berechenbarer als sie selbst von sich dächten und damit sei der Alghorithmus zunehmend ihr Herrscher.

Ein mörderisches Tool, wie Sascha Lobo – auf den Augstein verwies – in seinem Beitrag in der FAZ unterstrich. Accumulo heißt das Programm, das errechnet, ob ein Mensch „wahrscheinlich“ ein Terrorist ist und – per Drohne – exekutiert werden könne. Und Constanze Kurz bestätigte das. Es gibt ja schon „harmlosere“ Beispiele: So sei eine Schülerin an den Grenzen der USA zurückgewiesen worden, weil sie auf facebook irgendwelche terrorverdächtigen Scherze gemacht hätte.

Ob die Studierenden, mit denen sie zu tun habe, nicht auch über diese Dinge nachdächten, überhaupt über die Folgenschwere gerade der Entwicklung im IT-Bereich, fragte Augstein nach. Sie meinte, eher nicht. Die Studenten seien – vielleicht durch den Bologna-Bachelorisierungs-Prozess – auf das Ziel des „Fertigwerdens“ mit dem Studium konditioniert. Die hätten eine Zukunftsangst, die durch die Gegebenheiten gar nicht so begründet seien, sondern durch eine merkwürdige „neoliberale“ Lebenshaltung in Richtung „Arbeitsplatzkonformität“ (auch ein schönes Wort).

Für Silicon Valley

die falsche Frisur

Ob sie schon mal in Silicon Valley war, wollte Augstein wissen. Kurz bejahte das, aber sie meinte „Ich habe dafür wahrscheinlich nicht die "richtige Frisur“. Aber, die Menschen dort seien – von wenigen Ausnahmen und rebellischen Aussteigern abgesehen – auch der Meinung, sie arbeiteten für eine bessere Welt oder behaupteten das.

Wieso sähen Politiker aus dem Osten, z.B. Merkel und Gauck, die die Einschränkungen der Freiheit erlebt hätten wie Constanze Kurz, die Bedrohungen nicht, die sich durch diese Entwicklungen für die Freiheit und die Menschenrechte auftun, sorgte sich Jakob Augstein. Constanze Kurz meinte dazu, die sähen das durchaus, aber die hätten eigentlich keine Wahl, denn sie hätten weniger Furcht vor dem „Abschnorcheln“ ihrer Daten als davor von wichtigen Daten abgeschnitten zu werden. Eine interessante Perspektive.

Allerdings sei es doch ziemlich "schräg", wenn die deutsche Wirtschaft beginne, ihre "Überwachungssorgen" .zu artikulieren, meinte Augstein, aber Constanze Kurz schränkte ein, dass die großen Wirtschaftsverbände eher USA-dominiert seien. Kontinentale Netze seien keine Lösung meinte Constanze Kurz. Wir alle nutzten die USA-Anbieter.

Trotzdem ist sie gemäßigt optimistisch. Das Verhalten der Menschen ändere sich schon, zwar langsam in Richtung Streben nach mehr digitaler Autonomie. Und das geht nur struturell, durch bessere Förderungspolik für „offene Systeme“ und ähnliche kleinere Schritte.

Wenn man die positiven Seiten des „Netzes“ bewahren wolle, dann ginge das am Ende vor allem durch Änderung des persönlichen Verhaltens. Nicht jede angebotene Bequemlichkeit an Geräten nutzen, vor allem Apps kritisch betrachten. Das sind so die einfacheren Wege, denn – so mein Eindruck – eine große Wende ist nicht zu verzeichnen. Und – auch darauf verwies Constanze Kurz – noch immer ist das Netz ein Faszinosum, bringt Menschen zueinander, überwindet Entfernungen und hilft Wissen zu erwerben und zu erweitern.

Gesellschaftliches

Damit komme ich gleich noch zum „gesellschaftlichen Teil“. Denn – auch der Kreis der FC-Mitglieder – die sich nach dem Salon noch im Garten des Gorki und dann noch weiteren Kneipenterassen bei dem schönen Wetter zusammenfanden – hätten sich ohne das Netz nicht gefunden. Das waren Amanda, Calvani, ChristianBerlin, Goedzak, und ich. Im realen Leben dehnte sich der Sonntagvormittag-Freitag-Salon bis in den späten Nachmittag. Und das war richtig schön.

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Übrigens: Nicht weit - fast geraderüber vom "Gorki" -befindet sich das Centrum Hungaricum. Und ich sinnierte darüber, ob dieser Mensch da, der so intensiv durchs Fenster blickt, vielleicht die Wahlergebnisse erforschen will. Es war ja gestern Wahltag in Ungarn.

11:23 07.04.2014
Dieser Beitrag gibt die Meinung des Autors wieder, nicht notwendigerweise die der Redaktion des Freitag.
Geschrieben von

Magda

Was wir brauchen, sind ein paar verrückte Leute; seht euch an, wohin uns die normalen gebracht haben.(George B. Shaw)
Magda

Kommentare 106

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