Den Schmerz wegstricken

67. Berlinale "Close-Knit" der Regisseurin Naoko Ogigami ist nicht nur ein Film über Transgender-Fragen, sondern auch über Familie und Frausein in Japan
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Vor zwei Jahren las die japanische Regisseurin Naoko Ogigami in einem Zeitungsartikel von einer Transfrau, die ihrer Mutter im Alter von 14 Jahren gesagt hat, wie es um sie steht, und dass sie sehr gerne Brüste haben möchte. Die Mutter bastelte der Tochter damals kurzerhand welche und Ogigami hat daraus die Geschichte für ihren neuesten Film Close-Knit (Karera ga honki de amu toki wa) entwickelt. Er wurde auf der diesjährigen Berlinale gezeigt und gewann dort im Rahmen der Teddy-Verleihung den Special Jury Award 2017. Bei der Abstimmung über den Panorama Publikumspreis landete Close-Knit auf dem 2. Platz.

Die Regisseurin betont während ihres Besuchs in Berlin jedoch, dass es nicht nur ein Film über Transgender-Fragen ist, sondern auch darüber, was es bedeutet, Frau zu sein und eine Familie zu haben.

Eingebetteter Medieninhalt

Die kleine Tomo wird von ihrer Mutter vernachlässigt, sitzt jeden Tag alleine in der unaufgeräumten Wohnung und isst Fertiggerichte aus dem Spätkauf. Eines Tages ist die Mutter fort, auf dem Tisch liegen ein Abschiedsbrief, etwas Geld und Tomo zieht zu ihrem Onkel Makio – es ist nicht das erste Mal. Makio lebt mittlerweile jedoch mit seiner neuen Freundin Rinko zusammen, einer Transfrau.

Der Film erzählt davon, wie Tomo und Rinko sich nach ein paar Schwierigkeiten annähern, und die drei langsam zu einer Familie zusammenwachsen. Dies gelingt nicht nur, weil Rinko sehr liebevoll ist und tolle Bentos für Tomo zubereitet. Eine wichtige Rolle spielt auch bald das gemeinsame Stricken, denn es stellt sich heraus, dass die bunten Hüllen, die überall in der Wohnung herumliegen, gar keine Handschuhe ohne Daumen sind, sondern Penisse! Rinko will 108 davon stricken – einen für jede Begierde, die es im Buddhismus gibt –, und sie dann in einer Zeremonie den Göttern anbieten. Anschließend möchte Rinko endlich ihre Namensänderung beantragen. Tomo, und später sogar Makio, unterstützen sie dabei.

Begonnen hat Rinko mit dem Stricken jedoch aus einem anderen Grund: Wenn sie von anderen transfeindlich beleidigt oder beschimpft wurde, behielt sie ihre Wut für sich und strickte stattdessen. Deshalb bittet sie Tomo, ihren Ärger über das Geschwätz der Anderen ebenfalls nicht nach außen zu tragen. Makio hingegen platzt irgendwann der Kragen und er wird sehr laut, als Rinko im Krankenhaus auf der Männerstation untergebracht wird.

Erst vor kurzem stand in einer japanischen Zeitung, dass es einer Transfrau in Kyoto gelungen ist, ihren Namen auf der Krankenversichertenkarten ändern zu lassen, obwohl sie gesetzlich noch ein Mann ist, um genau solche Situationen zu vermeiden.

Die Bedingungen für Transpersonen sind in Japan schwierig. So müssen sie beispielsweise unverheiratet und kinderlos sein, und sich einer Sterilisation unterziehen, bevor sie vor dem Gesetz ihr Geschlecht wechseln können. Doch obwohl körperliche Anpassung und Hormontherapie verpflichtend dafür sind, werden die Kosten nicht von der Krankenkasse übernommen.

Dem ganzen Prozess geht außerdem voraus, dass eine Geschlechtsidentitätsstörung diagnostiziert wird. Aktivist*innen in vielen Ländern setzen sich mittlerweile dafür ein, dass die WHO den Begriff endlich aus dem Katalog psychischer Erkrankungen streicht, damit Transmenschen nicht von ärztlichen Diagnosen abhängig sind. In Japan hingegen wollen selbst führende Aktivist*innen, dass Ärzt*innen die Kontrolle behalten, weil sie fürchten, das System breche zusammen, wenn Menschen selbst über ihr Geschlecht bestimmen können.

Bitte nicht im Alltag!

“Im Showgeschäft gibt es ein paar Stars, die trans sind.”, erklärt Regisseurin Ogigami im Gespräch. “Oder Homosexuelle, die sich als Frauen verkleiden. Die Leute gucken sie sich gerne an, aber sie wollen sie nicht in der Familie haben oder in der Nachbarschaft, sie sollen bloß nicht Teil des normalen Alltags sein.”

“So viele Leute in Japan wissen nichts über die Situation von Transpersonen, deshalb ist es wichtig, dass wir ihnen in Filmen zeigen, dass solche Menschen existieren und mit welchen Problemen sie zu kämpfen haben.” sagt Schauspieler Toma Ikuta, der Rinko verkörpert. “Sie haben Angst vor Krankenhausbesuchen oder davor, eine öffentliche Toilette zu benutzen, weil sie gezwungen sind, hier die für Männer bestimmten Orte aufzusuchen. Gehen sie dennoch auf die Toilette für Frauen, sind die Frauen dort nicht immer begeistert. Ich hoffe, die Japaner setzen sich mit diesen Problemen mehr auseinander.”

Toma Ikuta ist in Japan eine Berühmtheit, spielt schon seit Jahren in vielen Serien und Filmen. “Er ist so schön und mir ging sein Gesicht nicht mehr aus dem Kopf.” erklärt die Regisseurin lachend. “Ich hätte nie gedacht, dass er zusagt.”

“Ich musste gar nicht lange überlegen”, erläutert der Schauspieler. “Das Drehbuch war so großartig und ich war wirklich beeindruckt, dass sie mich, einen Mann gefragt hat, eine Frauenrolle zu spielen, und stellte mir vor, dass es auch eine wichtige Herausforderung für mich sein würde.”

Um sich darauf vorzubereiten, habe er verschiedene Ansätze gewählt: Mit einer Freundin, die trans ist, habe er die Gesten geübt, und sie habe ihm beigebracht, wie eine Frau zu sprechen. Außerdem gaben ihm Freunde Tipps, die Schauspieler im Kabuki-Theater sind, wo Frauenfiguren generell von Männern dargestellt werden. “Aber das Innere der Seele muss man ja auch einer Frau anpassen.” ergänzt er.

“Es gibt da diese Szene, wo ich Tomo an meine Brust drücke. Da habe ich so richtig einen Schmerz in meiner Brust gespürt, was ich bisher noch gar nicht kannte, und dachte, das sind wahrscheinlich Muttergefühle.”

Traditionelle Werte

Rinko entspricht einem sehr konservativen Frauenbild. “Diese Mutterrolle ist immer noch attraktiv in Japan.” erklärt Ogigami. “Für mich nicht, aber für Rinko. Ich denke, dass sie eine perfekte Frau sein will, die total in die japanische Gesellschaft passt. Ich selbst kümmere mich zwar um meine Kinder, aber ich bin keine gute Mutter.”

“Japaner mögen Frauen wie Rinko, die leckere Sachen kocht und freundlich und tolerant ist. Ich mag solche Frauen auch.”, sagt selbst Toma Ikuta, der seit dem Dreh große Achtung vor Frauen hat, weil sie im Gegensatz zu den viel raueren Männern jeden Morgen Make-up auftragen müssen und sich täglich pflegen. Weshalb er Frauen nun viel mehr respektiere.

[Hier tritt kurz die Autorin dieses Textes in Erscheinung, die “Hoffentlich nicht nur aus diesen Gründen!” auf Toma Ikutas Frauenlobpreisung antwortet, woraufhin zum Glück alle lachen.]

Lediglich während der Arbeit als Altenpflegerin, wo ihre unglaubliche Güte und Fürsorglichkeit ebenfalls zum Ausdruck kommen, trägt Rinko Hosen. Ansonsten ist sie stets sehr feminin gekleidet, ihre Garderobe besteht aus verspielten Kleidern und Röcken, zusammen mit Blusen und pastellfarbenen Strickjacken. Alles wurde extra zu weit genäht, damit es locker sitzt und Toma Ikutas breite Schultern nicht so auffallen. Es wurde auch darauf geachtet, dass man seine recht großen Hände nicht immer sieht.

Alles Probleme, die vermutlich auch viele Transfrauen in Japan kennen, wo die meisten Frauen klein und zierlich sind und wenig essen, um bloß nicht zuzunehmen und aus der Norm zu fallen. Man kann durchaus kritisieren, dass die Rolle der Rinko nicht mit einer Transfrau besetzt wurde – auf der anderen Seite ist es nicht einfach, einen Independent-Film mit diesem Thema zu finanzieren. “Als klar war, dass Toma Ikuta mitspielen würde, war es nicht mehr so schwierig, das Geld für den Film zusammen zu bekommen.” antwortet Ogigami auf die Frage, wie es im Hinblick auf Investoren aussah.

Ohnehin scheint sie wenig Gegenwind zu bekommen: “Für mich ist es nicht wirklich schwierig, in Japan Regisseurin zu sein. Menschen, bei denen ich Vorurteile mir gegenüber spüre, gehe ich aus dem Weg. Produzentinnen haben jedoch wirklich harte Zeiten.”

Gefühle nicht verbergen

Auch die Rolle des Onkels hat die Regisseurin mit einem bekannten Schauspieler besetzt. “Makio ist ein sehr ehrlicher Mensch, der offen mit seinen Gefühlen und ehrlich zu sich selbst ist.”, beschreibt Kenta Kiritani seine Figur. “Als er Rinko traf, war das ein richtiger Schock für ihn, als ob ein Schwarzweißfilm plötzlich zum Farbfilm wird. Erst danach hat er erfahren, dass Rinko eine Transfrau ist, doch da konnte er nicht mehr so tun, als ob er nicht verliebt wäre. Er hatte einfach diese Gefühle in sich.”

Er schildert Makio auch als jemanden, der sich gar nicht so viele Gedanken darüber macht, ob die drei nun eine Familie werden oder nicht. “Er möchte einfach, dass die Menschen, die er liebt, um ihn sind und daher hat er auch die Kraft, das zu realisieren.”

Das erklärt vielleicht, wieso er im Krankenhaus so wütend und laut wird, als er Rinkos Diskriminierung gewahr wird. Kenta Kiritani kennt das: “Wenn Gefühle von Menschen, die mir wichtig sind, verletzt werden, kann ich nicht anders, als wütend zu werden und für sie zu kämpfen.”

Ogigami schluckt ihren Ärger ebenfalls nicht herunter: “In Japan ist es wichtig, die Gefühle für sich zu behalten. Ich werde aber wütend, vielleicht, weil ich in den USA gelebt habe. Obwohl es nichts bringt – es wird nämlich nicht besser, wenn ich mich aufgeregt habe. Der Ärger ist immer noch da, tage-, womöglich sogar wochenlang.”

Stricken in Japan

Die Wut wegzustricken ist für Ogigami jedoch keine Option: “In Japan ist Stricken immer noch etwas sehr Altmodisches. Aber es gibt ein Buch von einem schwulen Paar in Norwegen, Arne und Carlos. Die beiden machen zusammen Handarbeiten, und ich fand das so süß. Das war das erste Mal, dass ich eine Vorstellung vom heutigen Stricken bekam. Und ich habe recherchiert: es gibt auch Kunst! So fand ich zum Beispiel ein Auto, das zugestrickt wurde, und dann hat noch jemand ein Gebilde gestrickt, das genau so groß war, wie er selbst. Nachdem ich das gesehen hatte, wollte ich, dass in meinem Film etwas Besonderes gestrickt wird.”

Liebenswert und sonderbar

Close-Knit ist ein langsamer, entspannter Film und erzählt eine sensible Geschichte. Ogigami hatte vor, etwas Neues zu machen und eine Familie zu schaffen, wie sie in Japan nicht üblich ist. Sie wollte zeigen, dass auch eine Transperson Teil einer ‘normalen’ Familie sein kann.

Wie die anderen Filme der Regisseurin, betört auch dieser mit seinen vielen, wundervollen Details. Ogigami verzichtet stets auf allzu plakative Stilmittel und ihre Figuren sind immer liebenswert und sonderbar. Letzteres hat einen Grund: “Ich habe eine Weile in L.A. gelebt und gehörte dort als asiatische Frau, die nicht gut Englisch spricht, zu einer Minderheit. Das Gefühl stecke ich jetzt vermutlich in meine Filme, die Figuren sind immer Außenseiter.”

10:07 20.02.2017
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