Die echte und wahrhafte Liebe für ewig

Ruth und Bubi Auf Flohmärkten finden sich oft achtlos fortgeworfene Briefe aus Nachlässen. Dabei erzählen sie manchmal wundervolle Geschichten. Diesen sei hier Raum gegeben
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Die echte und wahrhafte Liebe für ewig
Wer versteht sich auf Stenographie? Entzifferungen sehr gerne in die Kommentare. Dankeschön <3

Berlin-Pankow, am 21. Nov. 1956
(115)

Meine liebevolle, kleine Frau, liebes, gutes Ruthchen!

Während Du schon einige Stunden eifrig gearbeitet hast, bin ich gerade zur Mittagszeit "aus dem Bett gekrochen". Also warhaftig der beste Ansatz, ein fauler Ehemann zu werden. Es soll aber eine Ausnahme sein. Gestern habe ich bis ¾ 8 Uhr gearbeitet und morgen gibt es auch noch eine Menge Arbeit. Heute habe ich mir vorgenommen, Dir und meinem Vater zu schreiben. Außerdem möchte ich soweit alles vorbereiten, damit ich für das Krankenhaus nichts vergesse. -

Meine Gute, hoffentlich hast Du eine gute Fahrt hierher. Bitte, sei recht, recht vorsichtig, damit Dir nichts passiert. -

Frau Baumeister ist krank (eine leichte Venenentzündung) und dadurch am Sonnabend daheim. Die Schlüssel lasse ich Dir deshalb hier. Frau Baumeister wird Dich in meine Klause einführen. -

Auf dem Tisch lasse ich alle für Dich notwendigen Dinge liegen (wie Schlüssel, Stadtplan usw.). - Auch eine Notiz über die Besuchszeit für Sonntag, damit Du nicht erst anzurufen brauchst. -

Alles andere können wir ja dann am Sonntag besprechen. -

Auf der Fahrt am Montag hierher war ich reichlich in die Lektüre "Rot-Schwarz" vertieft. Selten hat mich ein Stoff so aufgewühlt, wie gerade dieser. Es mag sein, daß die Nerven dabei eine Rollte mit spielen. Dennoch hat dieser Roman durch seine glänzende Wiedergabe menschlicher Beziehungen, die scharfe Trennung von Liebe und Ehrgeiz, eine Frau zu besitzen, einen tiefen Eindruck bei mir hinterlassen. Gerade meine Auffassung über diese Probleme der wahren und tiefen Liebe und dem vom Ehrgeiz angestachelten Wunsch, eine Frau einmal flüchtig zu besitzen, finde ich hierin bestätigt. – Wie bin ich darüber glücklich, meine liebe, kleine Ruth, daß uns die echte und wahrhafte Liebe für ewig verbindet. –

Dich quält mit Recht wohl ab und zu noch die bange Frage, ob ich Dir auch in späten Jahren unseres Lebens noch treu sein werde. Ja, meine liebe, gute Ruth, ich werde es sein. - Tagtäglich beweist zwar unsere Umwelt das Gegenteil, aber wir sind andere Charaktere. -

Die vergangenen 14 Monate waren für unser ganzes Leben bestimmend. Wir sind uns ja auch darüber einig, daß uns diese Zeit vollkommen geändert hat. - Mein sehnlichster Wunsch ist es, Dich ein ganzes Leben lang an meiner Seite glücklich zu wissen. Was in meinen Kräften steht, will ich stets freudig tun. - Behalte mich immer ganz lieb. -

Mein liebes, gutes Ruthchen, vorgestern erhielt ich einen Brief von Erhard. Er wünscht uns gerade das, das ihm in seiner Ehe fehlt. Ist es bei ihm bittere Erkenntnis oder Heuchelei? Er schreibt u.a.: "Möget Ihr Euch von Herzen recht lieben und stets gut verstehen, daß sich niemals Argwohn und Lüge zwischen Euch stelle." Was gibt ihm das Recht zu solchen Worten? - Wie es auch sei, wir haben ihm viel voraus. -

Gestern fand ich den Brief von Patentante Milly aus Dortmund vor. Ihre Wünsche verstehen sich wahrlich besser, denn sie kommen von einem gereiften und verständigen Menschen. - Beide Briefe gelten aber uns. DiesenrWandel vom einsamen "ich" (es verdient nicht groß geschrieben zu werden) zur glücklichen Zweisamkeit ist für mich zu überwältigend. - Behalte mich ganz, ganz lieb. -

Für heute will ich nun schließen mit dem Wunsche, daß wir uns am Sonntag ohne große Sorgen wiedersehen. Mache Dir, bitte, keine unnötigen Sorgen um mich, denn es wird gar nicht so schlimm werden. Ich verspreche Dir, nichts unüberdacht zu tun, damit alles ohne Komplikationen abläuft -

Mit vielen lieben Grüßen und (Stenographie-Zeichen) bleibe ich

Dein dankbarer Rudi.

(Stenographie-Zeichen)

Viele Grüße auch an Mutti und Vati von ihrem Jungen. -

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Ich bin einem Irrtum aufgesessen, heißt der Verfasser der Zeilen doch Bubi und nicht Rudi. Nun gilt es nur noch, das Rätsel der Stenographie-Zeichen zu lösen. Wer weiß Bescheid? Und was könnte es mit der (115) direkt unter dem Datum auf sich haben?

Alle Briefe von Bubi an Ruth gibt es hier.

12:49 11.10.2012
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