Eingebildete Generation

Generation Y Kaum ein Tag vergeht, ohne dass leidenschaftlich über die revolutionäre "Generation Y" berichtet wird. Ein fragwürdiger Hype
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Eingebildete Generation
Netzgeneration und Restgesellschaft: Login oder Logout?
Foto: Jeff Pachoud/AFP/Getty Images

Seit jeher ist es beliebt, von Generationen in der Gegenwartsform zu sprechen. Gerade dann, wenn die Definitionskriterien nicht nur schwammig, sondern regelrecht wie aus der Luft gegriffen sind. Ganz so zeigt sich die Diskussion um die Generation Y – jene revolutionäre und, wie es heißt, mit allen Gepflogenheiten konsequent brechende Junge-Erwachsenen-Kohorte.

Anekdotische Evidenz, subjektive Werturteile und wilde Spekulationen über die Zukunft des Arbeitsmarkts prägen kaum eine Debatte über soziale Phänomene so sehr wie jene um die ominösen Ypsiloner. Dabei steckt der regelrechte Hype um die Generation Y voller Widersprüche. Mal wird die Generation arbeitskritisch präsentiert, mal wird eher das Gegenteil behauptet. Mal ist die Generation Y individualistisch, mal wird sie als Nachwuchsgruppe nachdenklicher Kümmerer beschworen. Immer jedoch geht es um Systemprovokation.

9/11, die Bologna-Reform und die Finanzkrise (was für eine Mixtur) werden von Artikel zu Artikel als prägende Einflüsse zitiert. Weil sich „Zukunftsforscher“ diese Ereignisrelevanz – Jahrzehnte nach den angeblichen Anfängen der Ypsiloner – ausgerechnet exklusiv für diese Generation scheinen ausgedacht zu haben, wird immerzu eifrig nacherzählt. Das macht unterkomplexe Argumentation zwar nicht besser, zeigt gleichwohl aber anschaulich, wie wirr Generationsdebatten im Allgemeinen laufen.

Bastel dir deine eigene Soziologie!

Interessant ist der häufige Hinweis der so genannten Zukunftsforscher und Generation Y-Werbeleute auf den angeblichen Beitrag der Soziologie. So liest man regelmäßig, Soziologen hätten die Generation Y „entdeckt“ oder den Begriff „maßgeblich geprägt“. Im entsprechenden Wikipedia-Artikel wird wohlklingend eine „soziologische Charakterisierung“ präsentiert, die – jede Wette – wohl kaum ein Soziologe verfasst haben wird.

Das Etikett „soziologisch“ dient in Sachen Generation Y offenkundig einer öffentlichkeitswirksamen Inszenierung von Autorität mittels Rückbezug auf Wissenschaft. Eine der genialsten Vermarktungsstrategien überhaupt ist es nämlich, Sachverhalte außerhalb der wissenschaftlichen Diskussion mit wissenschaftlichen Querverweisen zu schmücken, um die eigene Position zu stützen; sozusagen ein Vorgang legitimatorischer Veredelung des aufgestellten Thesenmaterials.

In puncto Generation Y erfolgt die Selbsteinladung in soziologisch-wissenschaftliche Diskurse dann zumeist im Modus der subjektiven Betroffenheit (und das heißt vor allem: der Bauchgefühle, der Alltagstheorie, kurz: in Form von „so-sehe-ich-das-aber“). Unmittelbar persönliche Weltanschauung bildet den Maßstab einer allgemeinen Beschreibung von Gesellschaft. Gesellschaftsanalyse wird damit zur persönlichen Anschauungsbastelei.

Und überhaupt: Für gute Schlagzeilen und eine angemessene – wiederum vermeintliche – fachliche Distanz gegenüber dem geneigten Publikum erweist es sich als ausgesprochen nützlich, mit dem Schein-Segen der Wissenschaft die Welt zu erklären. Eine reell soziologische Bearbeitung des Themas wäre aber erstens viel zu riskant (da im Effekt vermutlich autodestruktiv) und zweitens viel zu kompliziert. Und was kompliziert ist, stört die fetzige Schlagzeile und minimiert unnötig Chancen auf öffentliche Aufmerksamkeit. Also gilt für Generationsdebatten als gleichsam goldene Regel: Finger weg von der akademischen Soziologie, und Finger rein in den Baukasten subjektiver Gesellschaftsmodellierung.

Hauptsache es sieht so aus als ob

Zeitgenössische Versuche zur Beschreibung der Gesellschaft sind in der Soziologie natürlich nicht unbekannt. Das Phänomen steht hier unter dem Begriff der Zeitdiagnose. Wer kennt nicht die beliebte Praxis besonders von Politikern und gewiss so manchen Wissenschaftlern, partikulare soziale Tendenzen und allerlei Selbstverständlichkeiten der Gegenwart zum superinnovativen Zukunftstrend zu pushen. Wird einerseits immer wieder Gesellschaft als „Bildungsgesellschaft“, „Innovationsgesellschaft“, „Digitale Gesellschaft“ (oder noch köstlicher: „Soziale Gesellschaft“) etikettiert, ist es andererseits beliebt, wirtschaftliche Entwicklungen mit klangvollen Termini zu versehen.

So gesellt sich die Generation Y ideal zum zeitgenössischen Hype-Vokabular wie „Arbeit 4.0“, „Flache Hierarchie“ oder „Fachkräftemangel“. Niklas Luhmann war gegenüber jedweder Absolutheits-Etikettierung sozialer Phänomene bekanntlich äußerst skeptisch. Er wies darauf hin, wie fragwürdig es angesichts der Komplexität moderner, hochgradig differenzierter Gesellschaft erscheinen muss, anhand partikularer Beobachtung fundamentale diagnostische Urteile über „die“ Gesellschaft“, „die“ Probleme und „die“ Trends des Sozialen treffen zu wollen.

Das Diffuse der Generation Y zeigt sich in vielen Facetten. Man beachte die Zeitlinien. Mal sollen die Ypsiloner von 1971 bis 1997 geboren sein, mal ab 1980, 1983 oder 1985. Solche Zeiträume sind, um es galant zu sagen, kreativ konstruiert. In der Wissenschaft ist bekannt, dass bei fragwürdiger Datierung gerade krumme Zahlen eine wichtige Funktion übernehmen: Sie suggerieren Komplexität, da „glatte“ Eingrenzungen weniger empirisch wirken. Zeitangaben, die sich keiner erklären kann, vermitteln den Eindruck, dass Großes geschehen sein muss. Ist es aber gar nicht. Hauptsache, es sieht so aus als ob.

Bück dich hoch!

Die geistigen Ursprünge der „Gen Y“ sind einigermaßen fantastisch. Erfunden wurde sie 1993 in der amerikanischen Werbezeitschrift Advertising Age. Bekanntermaßen wird das „Y“ ostentativ als „why“ gesprochen, was erstens – da Englisch – ziemlich cool klingt und zweitens den passenden Effekt hat, dass man die ach so ausgeprägt kritischen Einstellungen dieser Generation gleich mit betont. Die Generation Y fremdelt mit dem Karrieremachen und hat gegenüber der Wirtschaft ihre Vorbehalte, heißt es vollmundig. Klassische Führungsprinzipien passten nicht mehr. Und am liebsten seien alle mobil und permanent erreichbar. Hierarchie, Management und Organisation? – Total out.

Nur sieht die Realität nicht gerade einer Minderheit junger Akademiker ganz anders aus. Nie war die Auswahl des qualifizierten Nachwuchses in Arbeitsorganisationen so standardisiert und elitär geprägt wie heute. Leistungs- und Selbstoptimierung beschäftigen viele, die es in Wirtschaftskreisen jung zu etwas bringen wollen. Der inzwischen kultige Song „Bück dich hoch“ der Hamburger Band Deichkind bringt die Realität ziemlich genau oft auf den Punkt.

In Personalabteilungen stapeln sich nach wie vor die Bewerbungsmappen maßgeschneiderter Absolventen. Statussymbole und „Incentives“ sind gefragt wie immer schon; was jeder bestätigen kann, der – abseits einer gewiss recht locker-flockigen Start-up-Kultur von Berlin, Hamburg oder Köln – einmal ganz altbacken für klassische Großunternehmen tätig war oder als Organisationsforscher permanent eindrucksvolle Einblicke in die Führungskultur der Konzerngesellschaften gewinnt.


Wie eh und je werden auf den Websites der Konzerne die innerbetrieblichen Karriereschmieden mit dem entsprechend präparierten juvenilem Anzug- und Krawattenpersonal in Szene gesetzt. Praktika in einer Frankfurter oder Genfer „Top-Kanzlei“, der Auslandsaufenthalt an einer „Schweizer Eliteuni“ oder das Manager-Juniorprogramm im „Spitzenunternehmen“– solche Akzentierungen werden bei allen sich ergebenden sozialen Gelegenheiten eindrucksvoll gegenüber Altersgenossen gepflegt. Der zeitweilige Besuch akademischer WiWi- und Jura-Partys (wahlweise die zugetragene Berichterstattung über solche Veranstaltungen) bietet aufschlussreiche Impressionen. Dick auftragen ist groß angesagt, inszenierte Selbstoptimierung bleibt unverzichtbar.

Kein Trend, aber trotzdem schick

Die heute Jungen agieren schlicht egotaktisch, beugen sich beruflichen Zwängen nicht weniger, aber trickreicher als ihre Vorgänger. Die Arbeitsverhältnisse auch mal ansatzweise infrage zu stellen ist erlaubt, wenngleich in dezenter Dosierung. Wirklich arbeits-systemkritische Angelegenheiten werden gemieden oder derart umgarnt, dass alles einen superfreizügigen Touch bekommt. Natürlich ist es schick ein wenig alternativ zu sein und insgesamt politisch korrekt, idealerweise: unauffällig, zu wirken. Was smart und akzeptabel wirkt, wird in den eigenen Lifestyle locker integriert. Ein zeitgemäßer Kanzlerinnen-Normalismus schadet ja nicht.

Klassische Milieusortierungen sind den wirkungsvollen Mechanismen der moralisch-pragmatischen Flexibilität gewichen. Sicherlich gab es zu allen Zeiten im Nachwuchs alternative, arbeits- und leistungskritische Verhaltensmuster. Die 68er-Studierenden oder die ökologische Bewegung in den 70er- und 80er Jahren stehen dafür beispielhaft. Auch gab und gibt es in sämtlichen Altersschichten Personen und Milieus, die sich gegenüber allgemeiner Leistungsorientierung beharrlich verweigern und eine ausgeprägt normabweichende Lebensgestaltung pflegen.

All das wächst sich nicht zu durchgreifenden Gesellschaftsphänomenen aus, wird mit der Zeit stark abgemildert und mithin durch gegenläufige Entwicklungen konterkariert. Wie viel 1968 ist heute noch gesellschaftlich präsent? Wie sehr haben sich die meisten Vertreter einstiger Protestströme ausgesprochen kommod mit dem verhassten Wirtschaftssystem arrangiert? Ein erwartungsgemäßer Prozess.

Betreutes Leben

Der eigentliche Gag an der Generationen Y scheint zu sein, dass oftmals die Alten den Jungen eine Lockerheit und Freiheit andichten, die sie für sich selbst als völlig fremd und abwegig erachten. Es wird so getan, als gäbe es quasi naturgesetzlich vorprogrammierte und unüberwindbare Generationsgegensätze. Kurioserweise nimmt die Darstellung der Generation Y zuweilen psychotherapeutische Züge an. Die Gesellschaft müsse sich auf diese mega alternative Generation „einstellen“, müsse sich „anpassen“ und „Gedanken machen, wie sie damit umgehen kann“.

Wüsste man es nicht besser und würde man einer Vorliebe für Science-Fiction-Formate nachgeben wollen, könnte man glatt vermuten, die Generation Y ist nach landläufiger Darstellung eine regelrecht degenerierte Gruppe desillusionierter und autistischer Mutanten, die nur noch in Form eines betreuten Lebens überhaupt mit sich und in der Gesellschaft klar kommen kann. Die Generation der angeblichen Anpacker und Ansager ist dann vielleicht eher eine Generation der Opfer und Weicheier.

Was für ein gar nicht nachteiliger Zufall ist es, dass das Y-Thema von Natur aus solch mythenträchtige Bereiche wie Human Resources, Marketing und Management flankiert. Da wird es für Y-Experten ja sicher Wege geben, um sich im Generationen-Hype eine kleine feine lukrative Verkaufsposition zu sichern? Gibt es. Der Büchermarkt ist voll mit aussagekräftigen Titeln wie „Management Y“ oder „Generation Y – Mitarbeiter der Zukunft motivieren, integrieren, führen“.

Mit Generation Y bis ins Krankenhaus

Man kann das noch eine Nummer größer aufziehen, zum Beispiel mit „Employer of Choice der Generation Y: Herausforderungen und Erfolgsfaktoren zur Steigerung der Arbeitgeberattraktivität“. Und warum nicht etwas zur „Personalentwicklung in der Generation Y“ philosophieren. Doch, bloß nicht zu allgemein denken, immer schön spezialisieren. Zum Beispiel mit der „Mitarbeiterbindung in Krankenhäusern: Handlungsempfehlungen für das Personalmanagement der Generation Y“. Und weil die Ypsiloner partout nicht allein von Luft und Liebe leben wollen: „Generation Y: Warum ein gerechtes Vergütungsmanagement die Attraktivität des Arbeitgebers steigert“.

Personalabteilungen brauchen heutzutage wohl sowieso die volle Dröhnung Gen-Information. Vielleicht klappt’s hiermit: „Digital Natives: Was Personaler über die Generation Y wissen sollten“. Ganz wichtig ist selbstredend eine endlos diskutierte „Work-Life-Balance zur Mitarbeiterbindung der Generation Y“. Und wenn alle vom großen Y sprechen und es vielleicht bald keiner mehr hören kann, ruhig mal was Neues wagen: „Leading by Meaning: Die Generation Maybe sinn-orientiert führen“.

Generation Z: Neue Experten auf dem Vormarsch

Solche Kritik kann das Heer der eingefleischten Y-Experten natürlich nicht irritieren. Die so genannten Experten werben weiter leidenschaftlich für ihre große Erfindung. Kritik schadet schließlich dem Geschäft.

Doch es droht Ungemach, denn jeder erfolgreiche Hype unterliegt den Gesetzen des harten Wettbewerbs der Weltbilder und -erklärer. Allmählich betreten neue, ebenso selbsternannte Experten die Bühne des Generationen-Hypes. Die (nächste) „Generation Z“ soll von 1995-2005 (oder – wem’s gefällt – ruhig auch ein paar Jahre früher oder später) das Licht der Welt erblickt haben. Sie lebt übrigens quasi rein virtuell. Das ist schlecht für die Y-Experten, werfen nun erste Professoren mit Marktgespür ihre „Z“-Weissagungen auf den Markt.

Oder man sattelt einfach um. Denn Kompetenz-Flexibilität ist für guruhafte Hype-Experten die wichtigste aller Qualitäten. Ob Y oder Z (danach am besten bei A anfangen und bis zum Ende alles nochmal durchdebattieren): Angesichts allgegenwärtiger Fiktionalisierung von Gesellschaft sagen deren Schöpfer und Mitläufer offenkundig weitaus mehr über sich aus, als über die Lehren, die sie fernab geistiger Sphären, die man als analytisch gehaltvoll bezeichnen könnte, verbreiten.

Zu zeitgenössischen Blüten der Zeitdiagnostik: Kühl, S. (2015): Vision des Arbeitsministeriums. Alles so vernetzt hier. In: FAZ, 22.09.2015. Siehe auch: Zudeick, P. (2002): Ich sehe was, was Du nicht siehst. Niklas Luhmanns Systemtheorie. Ein "Kinderspiel" mit Folgen. (Feature, Audio u. PDF, Radio Bremen); Kaube, J. (2014): Jugendstudien. Die Jugend von heute. In: FAZ, 01.11.2014.

19:29 25.09.2015
Dieser Beitrag gibt die Meinung des Autors wieder, nicht notwendigerweise die der Redaktion des Freitag.
Geschrieben von

Marcel Schütz

forscht in Organisationen und experimentiert blogweise mit nicht uninteressanten Angelegenheiten mittlerer Reich- und Tragweite.
Marcel Schütz

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