Ein einziges Schicksal

Flucht/Migration Seit vier Jahren recherchiert der Journalist Fabrizio Gatti zum „Schiffbruch der Kinder“. Aus einer Arbeit gegen die Gleichgültigkeit ist auch ein Film geworden
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Ein einziges Schicksal
Die Bilder der Särge haben sich in das kollektive Gedächtnis eingebrannt. Die Katastrophe danach wurde von vielen ignoriert

Foto: Alberto Pizzoli/AFP/Getty Images

„Der Schiffbruch der Kinder“ lässt Italien nicht los. Während die Folgen des Massakers am 3. Oktober 2013 vor Lampedusa sich mit den Bildern von in Reih‘ und Glied aufgestellten Särgen in das Bewusstsein der Öffentlichkeit brannten, war das eine Woche später, am 11. Oktober ein verstecktes.

So gut versteckt, dass die beteiligte italienische Marine es als Erfolg vermelden konnte, mehr als zweihundert Personen gerettet zu haben: „Viele haben ihr Leben verloren. Aber es war ein Beweis nicht nur für Solidarität: Sondern auch für Professionalität und großen Mut“.

So gut verborgen, dass auf eine parlamentarische Anfrage hin Verteidigungsministerin Roberta Pinotti noch im Mai 2017 eine Version vortragen konnte, wonach die Marine sofort zu Hilfe geeilt sei, kaum dass sie Kenntnis von der Notlage gehabt habe. Und, weil es von den 268 Ertrunkenen, unter ihnen mindestens 60 Kinder keine spektakulären Bilder gab, so anonym, dass kaum jemand genauer nachfragte.

Dass sich die Öffentlichkeit und mehr noch die italienische Justiz nach vier Jahren mit dem Geschehen bewusst auseinandersetzen, ist Fabrizio Gatti zu verdanken. Der Journalist und Autor („Bilal - Als Illegaler auf dem Weg nach Europa“) hat früh die Widersprüche zwischen den Schilderungen der Geretteten und den offiziellen Verlautbarungen entdeckt. Zentral waren und sind die Aussagen von drei syrischen Ärzten, unter ihnen der mittlerweile in Deutschland lebende und arbeitende Mohanad Jammo, die sich mit ihren Familien an Bord des gesunkenen Flüchtlingsbootes befunden hatten.

Die Interviews (hier das mit Mohanad Jammo bei YouTube) führten im Oktober und November 2013 zu einer Reihe von Artikeln im Magazin L’Espresso, die so wichtig erschienen, dass sie auch auf Englisch veröffentlicht wurden (u.a. „Lampedusa, passing the buck of responsabilities: this is how they left the Syrian children drown“). Zur gleichen Zeit startete Italien die international viel beachtete Marineoperation „Mare Nostrum“ mit dem ausdrücklichen Ziel der Rettung von Boatpeople. Auch die justizielle Aufarbeitung schien gesichert, nachdem ein Ermittlungsrichter in Agrigent ein Verfahren wegen Unterlassener Hilfeleistung eingeleitet hatte.

Aber so wie „Mare Nostrum“ ein Jahr später wieder eingestellt wurde, sollte es auch mit dem Ermittlungsverfahren gehen. Die mit den weiteren Untersuchungen betraute Staatsanwaltschaft in Rom regte eine Einstellung mangels hinreichendem Tatverdacht an.

Vier Jahre Ermittlungen in einem Dokumentarfilm

Gatti und der Ermittlungsrichter in Agrigent, Francesco Provenzano, haben dagegen gehalten. In minutiöser Recherche konnte der Journalist den gesamten Sprechverkehr zwischen den in Seenot geratenen Personen, den Rettungsleitstellen in Malta und Rom sowie die interne Kommunikation der italienischen Marine rekonstruieren.

Was vielleicht der verständlichen Ungenauigkeit in Zeit- und Distanzangaben der in Seenot befindlichen Personen geschuldet schien, ist so zu einem Beweisgebäude zusammengewachsen: Dass die italienische Marine von der tatsächlichen Notsituation der hauptsächlich syrischen Boatpeople mindestens 5 Stunden vor deren Untergang wusste. Und dass sie ihr Patrouillenschiff „Libra“, das sich nur knappe 20 Seemeilen entfernt befand, nicht etwa sofort zur Hilfe schickte, sondern im Gegenteil aufforderte, sich rauszuhalten. Erst als der Kahn der Boatpeople gekentert war und dies von einem maltesischen Aufklärungsflugzeug über Funk bestätigt wurde, soll sich die „Libra“ in Bewegung gesetzt haben.

Bei einer neuerlichen Artikelserie im Magazin L’Espresso im Mai und Juni 2017, von denen ich einige ins Deutsche übersetzt habe und in der die Beweismittel vor der Öffentlichkeit ausgebreitet wurden, ist es nicht geblieben.

Fabrizio Gatti hat den Dokumentarfilm „Un unico destino“ (Ein einziges Schicksal) gedreht. Der Film, entstanden im Konsortium aus Espresso, Repubblica und Sky zusammen mit den Produktionsfirmen 42° Parallelo sowie Gedi - Divisione digitale, fasst alle Etappen des Geschehens einschließlich der Fluchtgründe zusammen.

Nach der Premiere im Filmsaal des Maxxi (Museum der Künste des 21. Jahrhunderts in Rom) vergangenen Freitag ist die Verteidigungsministerin erstmals in die Defensive geraten. „Ich verteidige die Marine in ihrer Gesamtheit“, äußerte Pinotti der Tageszeitung La Repubblica gegenüber, „aber die persönliche Verantwortung muss geklärt werden“. Und: „Als Person und Italienerin sehe ich mich in der Pflicht, um Entschuldigung zu bitten“.

Unter dem Eindruck des zusammengetragenen Materials ist auch die Staatsanwaltschaft Rom vorsichtiger geworden. Am 13.9. verkündete sie nicht den erwarteten abermaligen Einstellungsvorschlag, sondern versprach eine Vertiefung der Ermittlungen. Sie beschränken sich nicht mehr auf Unterlassene Hilfeleistung, sondern beziehen sich auf den Verdacht des Totschlags.

Warten auf einen "respektablen Abschluss"

Fabrizio Gatti hat seine Recherchen und deren Ergebnisse als „vorrangige Pflicht gegen die Gleichgültigkeit“ bezeichnet:

"Der Film ist auch eine Reise in die intimsten Räume im Seelenleben von drei Vätern: In die privaten Orte, wo die Zärtlichkeit eines Elternteils für die eigenen Kinder, die Liebe zur Ehefrau und die unbändigen Dämonen der Schuldgefühle aufeinander treffen. Denn die kleinen Hauptpersonen dieser Geschichte, ihre Kinder, gehören heute dem Mittelmeer. Ihre Väter haben sie dorthin gebracht, um sie von den obszönen Kriegsbildern zu befreien. Es war der einzige gangbare Weg zwischen dem Terror und Europa, zwischen Libyen und der Rettung. Dort sind sie geblieben, für immer im Meer verschollen. Das ist ihr einziges, sich gleichendes Geheimnis: Im Innersten fühlen sie sich für den Tod ihrer Kinder verantwortlich."

Der Dokumentarfilm ist auf der italienischen Plattform von Sky on Demand verfügbar. Eine Kurzversion in fünf Folgen wird bei L’Espresso online, bzw. auf der Facebook-Präsenz von La Repubblica seit Montag zur Verfügung gestellt. Keine Anklage, sondern eine nüchterne Zusammenstellung der Fakten.

"Wir haben bereits über diesen Schiffbruch geschrieben, der die italienische Regierung dazu bewegt hat, die Rettungsoperation ‚Mare Nostrum‘ einzuleiten“, erklärt Gatti. „Und wir werden weiter darüber schreiben, bis nicht ein respektables Abschlusskapitel für 268 ertrunkene Personen, darunter 60 Kinder erzählt werden kann."

13:14 18.10.2017
Dieser Beitrag gibt die Meinung des Autors wieder, nicht notwendigerweise die der Redaktion des Freitag.
Geschrieben von

Marian Schraube

"Dem Hass begegnen lässt sich nur, indem man seiner Einladung, sich ihm anzuverwandeln, widersteht." (C. Emcke)
Marian Schraube

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