Kampf und Debatte

Gender Vielleicht wäre weniger Streit mal gut. „Vergewaltigung – Aspekte eines Verbrechens“ von Mithu M. Sanyal eignet sich bestens als Vorlage
Marlen Hobrack | Ausgabe 35/2016 2
Kampf und Debatte
Mithu Sanyals Buch im besten Wortsinn aufklärerisch

Foto: Spencer Platt/Getty Images

Seltsam, solange unsere Kinder klein sind, sagen wir ihnen – Jungen und Mädchen gleichermaßen –, dass sie sich vor Fremden in Acht nehmen sollen. Später sorgen wir uns vor allem um die Töchter, wir bläuen ihnen Verhaltensregeln ein. Frauen sind „vergewaltigbar“ – das unterscheidet sie grundlegend von Männern, die allenfalls Vergewaltiger sein können. Die Kulturwissenschaftlerin Mithu Sanyal analysiert in ihrer Flugschrift Vergewaltigung. Aspekte eines Verbrechens unter anderem das dominierende Gesellschaftsparadigma. Sie betrachtet die Narrative eines Verbrechens, das wie kein anderes Opfer und Täter „gendert“. Vergewaltigung, so scheint es jedenfalls, betrifft Frauen. Teile der Frauenbewegung betrachten die Vergewaltigung gar als Waffe des Patriarchats.

Wir haben es der zweiten Frauenbewegung zu verdanken, dass sich der Blick auf das Vergewaltigungsopfer grundlegend geändert hat. Bis in die 1980er Jahre hinein musste jedes Opfer damit rechnen, dass im Zuge einer Anzeige gegen einen Täter ihr Lebenswandel geprüft wurde. Oft galt der Schutz vor allem der Ehre (ihres Mannes oder der Familie), kaum der sexuellen Selbstbestimmung, die erst dank der feministischen Kampagnen in das Zentrum der Diskussion rückte. Zugleich aber prägten die Kampagnen eine grundlegende Angst. Indem sie die Vergewaltigung zu einem der schlimmsten Verbrechen überhaupt stilisierten, weil es neben den körperlichen Verletzungen auch „die Seele töte“, wurde ein neues Vergewaltigungsnarrativ geschaffen. Konsequent etablierte sich in der englischsprachigen Welt die Bezeichnung survivor, also „Überlebende“, für Vergewaltigungsopfer.

Mithu M. Sanyal stellt die durchaus provokative Frage, ob es nicht erst jenes kulturelle Narrativ sei, das die Vergewaltigung zu einem tatsächlichen Trauma werden lasse (womit sie aber keinesfalls meint, dass eine Vergewaltigung keine furchtbare Tat wäre). Sie beleuchtet, wie sich – beispielsweise an US-amerikanischen Universitäten – eine regelrechte Vergewaltigungshysterie entwickelt hat. Plötzlich galt ein anzüglicher Blick oder ein doppeldeutiger Witz als sexueller Übergriff.

Diese Kritik ist nicht neu. Vieles hiervon findet sich in Elisabeth Badinters Die Wiederentdeckung der Gleichheit (2003). Der große Unterschied zwischen Badinter und Sanyal aber ist der Tonfall des Buchs: Sanyal schreibt ohne Polemik. Das ist die Stärke ihrer Analyse, zugleich fehlt natürlich die polemische Wucht einer Flugschrift. Ausgehend von Sexualitätstheorien von Aristoteles bis Foucault geht die Autorin nüchtern auch auf aktuelle Diskussionen zum Thema Vergewaltigung ein: auf die Silvesternacht 2015/2016 in Köln und den Fall Gina-Lisa Lohfink. Hier ist ihr ruhiger Ton nach all dem (medialen) Aufruhr wohltuend.

Sexuelle Gewalt im Krieg

Der vielleicht interessanteste Teil des Texts aber ist jener, der sich dem Vorurteil widmet, dass es immer nur Frauen seien, die Opfer von Vergewaltigungen würden, und Männer stets die Täter seien. Sanyal zeigt am Beispiel von Abu Ghraib, dass sexuelle Gewalt, die von Frauen gegen männliche Gefangene ausgeübt wird, eine bewusst eingesetzte Methode im Krieg darstellt. Ebenso thematisiert sie Vergewaltigungen in Gefängnissen und die erschütternd hohe Zahl von betroffenen Männern. Nicht zuletzt räumt sie mit dem Vorurteil auf, eine Frau könne einen Mann gar nicht vergewaltigen, weil ja keine Penetration stattfinden könne, wenn er es nicht wolle. Das freilich unterschlägt ein Wissen, das es in Bezug auf die Vergewaltigung von Frauen schon lange gibt: Dass es (unbewusste) körperliche Lustreaktionen geben kann, obwohl die Psyche die sexuelle Handlung ablehnt und als Gewalttat empfindet. Sanyal schildert sogar einen Fall, in dem das männliche Opfer während der Tat bewusstlos war. Hier wird Mithu Sanyals lesenwertes Buch im besten Wortsinn aufklärerisch.

Info

Vergewaltigung. Aspekte eines Verbrechens Mithu M. Sanyal Edition Nautilus 2016, 240 S., 16 €

Liebe Leserin, lieber Leser,

dieser Artikel ist für Sie kostenlos.
Unabhängiger und kritischer Journalismus braucht aber auch in diesen Zeiten Unterstützung. Wir freuen uns daher, wenn Sie den Freitag hier abonnieren oder 3 Ausgaben gratis testen. Dafür bedanken wir uns schon jetzt bei Ihnen!

Ihre Freitag-Redaktion

06:00 14.09.2016
Geschrieben von

Marlen Hobrack

Was ich werden will, wenn ich groß bin: Hunter S. Thompson
Marlen Hobrack

Ausgabe 24/2021

Hier finden Sie alle Inhalte der aktuellen Ausgabe

3 Ausgaben kostenlos lesen

Der Freitag ist eine Wochenzeitung, die für mutigen und unabhängigen Journalismus steht. Wir berichten über Politik, Kultur und Wirtschaft anders als die übrigen Medien. Überzeugen Sie sich selbst, und testen Sie den Freitag 3 Wochen kostenlos!

Kommentare 2

Avatar
Ehemaliger Nutzer | Community