Stunde der Verrückten

Italien Der Widerstand gegen den Halb-Lockdown gärt besonders in Neapels armem Bahnhofsviertel Vasco
Demonstrant*innen verkleideten sich als Geister und protestierten so gegen Schließungen und Ausgangssperren in Italien
Demonstrant*innen verkleideten sich als Geister und protestierten so gegen Schließungen und Ausgangssperren in Italien

Foto: Independent Foto Agency Inc./Imago Images

In der pittoresk zugemüllten Metropole des Südens begannen die die Proteste, die sich über ganz Italien ausbreiten – also fahre ich nach Neapel. Alles fing am 23. Oktober an, als der kampanische Regionalpräsident eine nächtliche Ausgangssperre verhängte und einen harten Lockdown für ganz Italien forderte. Vincenze De Luca war seit jeher für seinen „schwierigen Charakter“ bekannt, nicht von ungefähr ruft man den zu einem Law-&-Order-Populisten gewandelten Ex-Kommunisten „Sheriff“ oder „Pol Pot“. Nun flogen Steine und Flaschen vor seinem Amtssitz, und sieben Polizisten wurden verletzt. Zwei der Krawallmacher, beide 32 Jahre alt und beide auf vornehme antike Namen getauft, wurden direttissimo abgeurteilt: Marcantonio P. bekam 20 Monate, Oreste A. 14 Monate. Schon am 25. Oktober nahm die römische Regierung De Lucas Vorschläge teilweise an: Seit 26. Oktober gilt ein „Halb-Lockdown“, so muss die Gastronomie um 18 Uhr schließen.

Ein Ausgangspunkt der Proteste war das arme Bahnhofsviertel Vasco, wo auch Marcantonio und Oreste zu Hause sind. Dort gibt es Neapels billigste Absteigen und verfügen afrikanische Straßenhändler über das breiteste Sortiment von Ray-Ban-Fälschungen. Dieses Quartier ist ein Biotop, dicht, unordentlich, mit düsteren Innenhofschluchten.

Angereist bin ich am ersten Tag des Halb-Lockdowns. In Messina sehe ich eine Demonstration Betroffener, reife Signori mit Maske und Zwei-Meter-Abständen, in Neapel solidarisiert man sich überall mit den Protesten. Ein Pizzabäcker nennt De Luca den „Inspirator der Maßnahmen, welche die Wirtschaft der Stadt verwüsten werden“. Der Fernsehkanal RAI berichtet von „Infiltration“ der Proteste durch Ultras und Forza-Nuova-Faschisten, das linkszentristische Blatt Il Mattino sieht ebenfalls eine „präzise politische Regie“, zitiert aber auch Kommunisten der Gruppe CARC, die in den Protesten einen „Ausdruck des spontanen Widerstands der Volksmassen“ erblicken, während das rechte Mailänder Blatt La Verità die linksautonomen „Centri sociali“ des Aufruhrs bezichtigt. Die Unterstellung, auf Anweisung der Camorra zu protestieren, bringt viele Neapolitaner auf. Einige demonstrieren als weiße Camorra-Gespenster verkleidet.

In Vasco, zwischen afrikanischen Mini-Läden und Haarstudios, hält sich ein alter Herrenfriseur. Mit 20 arbeitete er zwei Jahre in Frankfurt am Main, das beweist ein Gruppenfoto, auf dem ihn 20 deutsche Friseurinnen um einen halben Kopf überragen. Wie viele Neapolitaner nimmt er den Virenschutz ernst, meine Maske lässt er beim Haareschneiden drauf. An die fünf Milliarden Euro Entschädigung, welche die römische Regierung verspricht, glaubt er nicht. „Es ist kein Geld mehr da. Die dritte Welle, das wird die Wirtschaft sein“, seine Hand zeigt einen Untergang.

Großes weißes Buch

Ich gehe ins Caffè dell’Amore, wo die unmaskierte serbische Barfrau schon um sechs Uhr am Morgen Whisky ausschenkt. Ich setze mich auf die Terrasse, um eine Pizza Napoletana zu essen. Bevor er die Bestellung aufnimmt, setzt sich der Kellner zu mir und führt die vom „Pol Pot“-Sheriff vorgeschriebene Prozedur durch – Fiebermessen und Abmalen meines Personalausweises in ein großes weißes Buch. „Wenn wir das nicht machen“, sagt er, „zahlen wir tausend Euro Strafe und müssen vier Tage zusperren. De Luca kann machen, was er will.“ Ist das noch Neapel? Als ein neuer Gast Platz nimmt, beginnt die Prozedur von Neuem, „la procedura ..., la febbre ...“

Gespannt bin ich, wie die nächtliche Ausgangssperre in Vasco aussieht. Tatsächlich liegt der Autoverkehr brach, da nun aber auf der zentralen Piazza del Plebiscito protestiert wird, fehlen Polizisten zur Überwachung rebellischer Viertel wie Vasco. Dort schlägt um Mitternacht die Stunde der Verrückten. Eine bettelnde Marokkanerin erzählt mir Geschichten, ein Rastamann reißt Zweige aus dem Zierstrauch des besten Hotels, drei Müllwagen ziehen ihre Runden. Ich bin schon dabei, über die Neapolitaner Müllabfuhr kursierende Vorurteile zu revidieren. Da fällt mir auf, dass ein und dasselbe Müllauto schon zum siebten Mal dieselbe Kurve schneidet. Bei Mülltonnen bleibt es selten stehen.

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