Audianer, Freudianer und Schlecker-Frauen

Sprache Wer bei Audi arbeitet, ist nun „Audianer_in“. Die inklusive Anpassung kann nicht verschleiern, dass hinter solchen Begriffen Firmenideologie steckt
Ob Audianer oder Schleckerfrau: Semantische Gemeinschaften tun weh
Ob Audianer oder Schleckerfrau: Semantische Gemeinschaften tun weh

Foto: Christof Stache/AFP/Getty Images

Audianer, meldete die Augsburger Allgemeine Anfang März, heißen jetzt Audianer_innen. Der Autohersteller setzt in der internen und externen Kommunikation auf geschlechtergerechte Sprache. In seiner Broschüre „Vorsprung beginnt im Kopf“ präsentiert Audi Möglichkeiten fürs Gendern. Unter anderem empfiehlt der Konzern seinen Beschäftigten für die Selbstbezeichnung den Gender-Gap, auch bekannt als Unterstrich.

In den sozialen Medien legte sogleich das längst eingeübte Empörungslamento los, „das geflügelte Wort Audianer“ werde verhunzt, las man. Bei einer nicht repräsentativen Umfrage im Bekanntenkreis ahnte aber kaum jemand, dass es sich bei „Audianern“ um „Mitarbeiter und/oder Fans der Automarke Audi“ (Wikipedia) handelt. Anders sah es beim Stichwort „Opelianer“ aus, alle wussten gleich Bescheid. Ein berühmter Vertreter war Norbert Blüm, über den oft geschrieben wurde, er sei ein „bekennender Opelianer“. Nun, Blüm war bekennender Katholik, der vor seiner CDU-Karriere bei Opel malochte. Aber an der Verbindung von Arbeit und Glauben ist etwas dran. Das Runterbeten sozialer und ökologischer Standards fehlt in keiner Corporate Identity. Die Schwurbelhaftigkeit, die Unternehmen dabei an den Tag legen, erinnert an die politische Sonntagspredigt. Wobei Konzerne natürlich nicht als Religionsgemeinschaft wahrgenommen werden wollen. Da stellt man sich lieber in die Tradition der Aufklärung und wartet mit einer Firmenphilosophie auf, inklusive der Stilisierung des Firmenpartriarchen und Gründers als großer Denker. Und so wird auch die Sache mit dem Suffix klarer. Kantianer, Hegelianer, Freudianer, Luhmannianer und so weiter. Arendtianerinnen begegnen einem selten, Beauvoirianerinnen nie. Manchmal hört man von der beauvoirianischen Ambiguität.

Eine gewisse Ambiguität begleitete auch den Fall des „Drogeriekönigs“ Anton Schlecker. Der scharrte keine „Schleckerianer“ um sich, sondern nur „Schlecker-Frauen“. Und wie sieht es bei Firmenmatriarchinnen wie Margarete Steiff aus? Wikipedia kennt keine „Steiffianer“. Die Suggestion von Lohnarbeit als Fan-Event, wo alle vom Fließband bis zur Chefetage ihrem Hobby frönen, scheint vor allem für Branchen mit hohem Männeranteil zu gelten. Der Historiker Klaus Tenfelde hat das mal am „Kruppianer“-Begriff durchdekliniert. Da wird eine „semantische Gemeinschaft“ beschworen, in der die Figur des „fleißigen Arbeiters“ dem Boss ähnlich treu ergeben ist wie der Familie. Das erinnert eher an Leibeigenschaft als an Emanzipation. Angesichts dessen wirkt ein schnödes „Audi-Beschäftigte“ beflügelnder als „Audianer_innen“.

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