Zerrspiegel

Krimi In „Alles, was zu ihr gehört“ ordnet eine Archivarin den Nachlass einer Fotografin. Und stößt auf Indizien für einen Mord
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Dieses Bild entstammt der Serie „Fluss“ von Dorothee Waldenmaier, mehr Informationen im Kasten unten

Eine sanfte Landung hält diese Geschichte nicht bereit, das steht von Anfang an fest. Ein Flug von New York nach Kalifornien, an Bord – eingezwängt zwischen dem Fenster und einem breitbeinigen Sitznachbarn, der ihre Armlehne in Beschlag nimmt – Kate Aitken. 30 Jahre alt, 180 Dollar auf dem Konto, die Kreditkarte mit 4.000 Dollar im Minus und ein Studienkredit, der abbezahlt werden muss. Sie ist auf dem Weg zu einem neuen Job, als Archivarin soll sie den Nachlass der berühmten Fotografin Miranda Brand ordnen. Die Künstlerin ist seit 20 Jahren tot. Suizid, steht in der Polizeiakte. Kate kommen da schnell Zweifel.

In jedem Kapitel von Alles, was zu ihr gehört wechselt die Perspektive von Kate zu Miranda. Zwei Erzählerinnen, zwei Zeitebenen und eine Spurensuche, die im Sommer 2017 beginnt, als Kate sich durch die Berge von Notizen, Rechnungen, Briefen und Negativen wühlt, die die Fotografin hinterlassen hat. Aus der Archivarin wird eine Detektivin, nachdem sie auf ein Tagebuch der Künstlerin gestoßen ist. Ihr Auftraggeber Theo, der Sohn der Verstorbenen, hatte es eigentlich sorgsam vor ihr versteckt. Schon kurz nach ihrer Ankunft in dem kleinen Küstenort irgendwo in der Nähe von San Francisco wird Kate von der Tante, bei der sie sich einquartiert hat, um die Miete zu sparen, mit dem Gerücht konfrontiert, dass es Theo war, der seine Mutter erschossen hat. Zwischen Kate und Theo beginnt eine Affäre.

Das Setting, das Sara Sligar für ihr Debüt gewählt hat, wirkt auf den ersten Blick wie ein klassischer Psychothriller. Wenn man die Arbeiten von Marina Abramović, Cindy Sherman oder Nan Goldin als Horror empfindet, bleibt das auch so. Sligar entwirft ein Kaleidoskop der Gewalt, nicht plakativ, sondern mit einer Beiläufigkeit, die subtil auf die Alltäglichkeit verweist. Der steile Aufstieg der Protagonistin Miranda Brand beginnt Anfang der 1980er-Jahre in New York mit Kunstblutexperimenten. Capillaries heißt die Foto-Serie, eine Reihe von Porträts, die Frauen in alltäglichen Situationen zeigt, im Restaurant oder beim Theaterbesuch, mit dem Dreh, dass die Frauen von Kopf bis Fuß mit einer roten Flüssigkeit überströmt sind. In einer Ausstellungsbesprechung, die Kate in Mirandas Nachlass findet, schreibt die Rezensentin, es seien die Gesichtsausdrücke der Frauen, die dieses Werk so einzigartig machten. „Während die anderen Theaterbesucher schallend lachend, verzieht die Frau ihre blutverschmierten Wangen zu einer Grimasse des Glücks.“ Man hat Sissy Spacek in der Verfilmung von Stephen Kings Carrie vor Augen. Die Frau auf den Fotografien ist fast immer Miranda, es sind Selbstporträts. Später wird sie für ihre Arbeit kein Kunstblut mehr verwenden, sondern ihr eigenes. Die internationale Kunstszene hingegen spekuliert noch lange nach Mirandas Ableben darüber, ob die Verletzungen, mit denen sie sich in ihren späteren Arbeiten ablichtet, die geniale Inszenierung einer Fotografin sind, die mit ihren provokanten und verstörenden Werken Höchstpreise auf dem Kunstmarkt erzielt und zugleich als Ikone der Frauenbewegung gefeiert wird. Die Blutspuren, die sich in den Boden des Hauses, in denen die Familie Brand bis zu Mirandas Tod lebt, eingefressen haben, liefern den endgültigen Echtheitsbeweis. Und einige Tagebuchnotizen stellen den unmittelbaren zeitlichen Zusammenhang zwischen den Aufnahmen und den gewalttätigen Angriffen ihres Ehemanns Jake her. Er ist ebenfalls Künstler, Maler, aber seine Bilder verkaufen sich wesentlich schleppender als die seiner Ehefrau. Als Kate dieses Haus an ihrem ersten Arbeitstag betritt, wirkt es wie ein Mausoleum, das seit 1993 unbewohnt ist. Für Miranda muss es sich schon zu Lebzeiten wie eine Gruft angefühlt haben.

Der Tonfall, den die Fotografin in ihrem Tagebuch anschlägt, oszilliert. Wenn Miranda über ihre Rolle als Künstlerin reflektiert und über Fotografieren als einen Akt der Gewalt sinniert, klingt sie scharfsinnig intellektuell wie Susan Sontag. Die Szenen ihrer Ehe erinnern an das unvollendete „Todesarten“-Projekt von Ingeborg Bachmann. Die Mischung aus Sarkasmus und Verzweiflung, mit der Miranda auf ihren Psychiatrie-Aufenthalt blickt, lässt an Sylvia Plaths Glasglocke denken. Die Autorin Sara Sligar hat über den Zusammenhang von Literatur und Strafrecht promoviert und lehrt an einer US-amerikanischen Universität kreatives Schreiben. Ob man Alles, was zu ihr gehört als Krimi, als Familienroman, fiktives Künstlerinnenporträt, feministische Erzählung, als Chronik eines psychischen Zusammenbruchs oder als Panoptikum der Machtverhältnisse im Spätkapitalismus liest, bleibt einem selbst überlassen. Sligar bespielt alle Sujets, mit einer Sprache, die kühl distanziert und zugleich bild- und wirkmächtig ist.

Take me apart – Nimm mich auseinander, der Originaltitel, ist erzählerisches Programm, und das gilt für beide Protagonistinnen. Was sie verbindet, ist eine Geschichte der Gewalt, die sich in ihr Leben eingeschrieben hat. Und eine psychiatrische Diagnose. Bipolar, lautet sie. Im Fall von Miranda würden die Ärzte heutzutage vermutlich eher von einer postnatalen Depression sprechen. Nach der Geburt ihres Sohnes begibt sie sich selbst in eine psychiatrische Klinik, weil sie Angst hat, dem Baby etwas anzutun. Ihr Ehemann – nicht sie selbst – stimmt einer Behandlung mit Elektroschocks zu.

Ein Motiv hat jeder

Ob sich Miranda davon jemals erholt hat, ist nicht auszumachen. Jake hat zumindest ein veritables Interesse daran, dass sie daran zweifelt. Sein einziges erfolgreiches Werk ist eine Impression von seiner Frau in der Psychiatrie. Bei Kate liegt die Sache anders, in ihrem früheren Leben war sie Redakteurin bei einer Zeitung, dass dort etwas schief gelaufen ist, weiß man seit einer Rückblende zu Beginn: New York ist verbrannte Erde für Kate. Ein paar hundert Seiten später ist man im Bild, Kate ist Opfer eines #MeToo-Skandals, wie Puzzleteile fügen sich die besorgten Blicke ihrer Tante, der alarmierte Ton ihrer Freundin zusammen. Und vielleicht ist es diese wackelige Erzählperspektive, die den Thrill ausmacht. Kate wirkt als Detektivin, die den Tod von Miranda aufklären will, wie die bipolare CIA-Agentin Carrie aus Homeland. Jeder scheint ihr verdächtig. Und tatsächlich hat jeder ein Motiv: der eifersüchtige Ehemann, der einsame Sohn und ihr Agent. Mit dem Tod steigt der Preis, den man für ihr Werk abrufen kann.

Alles fließt

Dorothee Waldenmaier studierte als Meisterschülerin Bildende Kunst an der HGB Leipzig. Sie lebt und arbeitet in Berlin. Für ihr Fotobuch Fluss erhielt sie den Förderpreis für junge Buchgestaltung der Stiftung Buchkunst und den Deutschen Fotobuchpreis. Waldenmaiers Arbeiten wurden unter anderem im Dortmunder U, Goethe-Institut Paris und im Printing Museum in Tokio ausgestellt.Alles fließt: Fluss ist eine bildnerische Abhandlung eines Flusses am Beispiel der Spree. Ein Manifest der Form. Die Bilder laden zur Reflexion über Wahrnehmung und den Mikro- und Makrokosmos der Naturformen ein. Sie zeigen die Schönheit des Formlosen und Beiläufigen.

Info

Alles, was zu ihr gehört Sara Sligar Ulrike Brauns (Übers.); hanserblau 2020, 432 S., 16 €

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06:00 18.11.2020

Ausgabe 48/2020

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