Mit großem Abstand

50. Theatertreffen Aus den bemerkenswerten Inszenierungen der Berliner Leistungsschau ragte Jérôme Bels Inszenierung "Disabled Theater" heraus: ein Abend der blöder war, als Theater ist

Das 50. Theatertreffen ist vorbei, und wenn auch die zehn gezeigten Inszenierungen durch das legendäre Attribut „bemerkenswert“ nicht weiter differenziert werden, so lässt sich sagen, dass Jérôme Bels Disabled Theater herausragte. Das zeigt der Kerr-Preis, den die mitwirkende Schauspielerin Julia Häusermann erhielt.

Die Sonderstellung von Disabled Theater wird auch bedeutet dadurch, dass Bels Arbeit anders als die Produktionen der deutschsprachigen Stadttheater eine Tour über die europäischen Festivals, Documenta 13 inklusive, hinter sich hat. Die Einladung zum Theatertreffen war nur eine weitere Station im globalen Theaterzirkus, in den Darlings wie der französische Konzepttheatermacher Bel ihre Arbeiten einspeisen.

Bemerkenswert, wenn nicht verwunderlich an dieser Routine auf der Höhe des zeitgenössischen Theaters ist, dass weder in Berlin noch auf dem Weg dahin problematisiert wurde, was Disabled Theater eigentlich darstellt: die mit Abstand schlechteste Arbeit von Jérôme Bel, eine künstlerische Bankrotterklärung mit einem politisch unterkomplexen Ansatz. Fassungsloser als auf die Art, wie Bel sich seine Performer vom Theater Hora in Zürich vom Leibe hält, schaut man nur auf die Kritiken, die feiern, was zu feiern sie gewohnt sind.

Hohles Konzeptkunstgezeige

Einen Satz wie den von Andreas Klaeui aus der Nachtkritik-Rezension anlässlich der Avignon-Aufführung im Sommer 2012 würde man etwa gern einmal erklärt bekommen: „Mit dieser Produktion hat die Theaterarbeit mit Behinderten eine neue Ebene erreicht.“ Was immer Klaeui meint: Christoph Schlingensief war in seiner Arbeit mit Performern wie Achim von Paczensky oder Werner Brecht vor 15 Jahren Bel um Lichtjahre voraus, und dass das kaum jemand sehen will oder kann, spricht, wie schon bei der Blackfacing-Diskussion, für die Blindheit des Theaters samt Apparat gegenüber politischen Fragen, die über eine „Aktualisierung“ von Hamlet hinausgehen.

Bel stellt seine Performer mit Behinderung aus – auch wenn jede positive Rezension ihn genau dagegen in Schutz nimmt. Wie anders aber soll man die eindimensionalen Befehle eines Konzeptkunstgezeiges verstehen („Und dann hat Jérôme die Darsteller gebeten...“), die von einem Übersetzer ungerührt vorgetragen werden und die in ihrer Überschaubarkeit jeder Reduzierung, von der Bels große Arbeiten gelebt haben, Hohn sprechen: Lasst euch eine Minute angucken. Stellt euch mit Behinderung vor.

Es geht – worauf sich Diskussionen um Repräsentationspolitik oft verengen – nicht um Richtig oder Falsch. Es geht um ein Theater, das blöder tut, als es selbst ist. Die Konkretion der Körper auf der Bühne muss anders als der Leitartikel deren Differenz nicht auf einen Begriff bringen – man kann sie sehen. Und dadurch erkennen, welch prekäre Kategorie „Normalität“ eigentlich ist.

In The Show must go on hat Bel seine Performer über eine Playlist von Popsongs inszeniert. Warum eine Version davon mit den Darstellern vom Theater Hora nicht möglich gewesen wäre, erschließt sich nicht in einer Zeit, da der gesellschaftliche Diskurs sich einem Begriff wie Inklusion annähert. Bei The Show must go on gehörte der DJ selbstverständlich zum Ensemble, im Disabled Theater hält sich der „Übersetzer“ raus und verschwindet beim Applaus.

Besser lässt sich nicht zeigen, dass Bel mit den spezifischen Fähigkeiten seiner Schauspieler nichts anzufangen wusste. Das ist bemerkenswert. Die Einladung zum Theatertreffen und der Beifall umso mehr.

11:30 22.05.2013
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Abobreaker Artikel 3NOP ObenUnten Abobreaker Artikel 3NOP ObenUnten

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