Politik der kleinen Schnitte

Neu im Kino Vor fast zehn Jahren hat Andreas Dresen seinen Film "Herr Wichmann von der CDU" über die Mühen der Ebene gedreht. Nun folgt "Herr Wichmann aus der dritten Reihe"
Dresens Welt ist eine freundliche Welt: Henryk Wichmann an der Basis
Dresens Welt ist eine freundliche Welt: Henryk Wichmann an der Basis

Foto: Peter Hartwig

Dritte Reihe klingt noch besser, als es in Wahrheit ist. Die dritte Reihe im überschaubaren Landtag von Brandenburg ist nämlich schon die letzte; dahinter kommen die Besucherplätze.

Der Dokumentarfilm Herr Wichmann aus der dritten Reihe beschreibt Politik also aus einem Winkel, in den die Kameras der Tagesschau nie leuchten. Der Glamour oder wenigstens: die Wichtigkeit, die Politik in der Mitte Berlins auszumachen scheint, verliert sich in der Ebene. Die Kantinengespräche, die hier geführt werden, unterscheiden sich von den Kantinengesprächen dieser Welt nur darin, dass die, über die sich beschwert wird, nicht zu anderen Abteilungen, sondern in andere Parteien gehören.

Vor fast zehn Jahren hat Andreas Dresen mit Herr Wichmann von der CDU einen Protagonisten gefunden, den er jetzt durch ein Jahr Arbeit begleitet. Damals ging es um ein Fernsehformat, in dem sich Gedanken zu Deutschland gemacht werden sollten – und einen ehrgeizigen, aber hoffnungslosen Nachwuchspolitiker, der Bundestagswahlkampf machte. Nun ist dieser Henryk Wichmann gereift, ein bisschen „zu nervös“, wie eine Besucherin am Ende des Films diplomatisch formuliert, ist er immer noch – und er kämpft weiterhin mitunter aussichtslose Kämpfe. Darüber ist er zu einer Figur in Dresens Welt (Halbe Treppe) geworden.

Dresens Welt ist eine freundliche Welt. Man kann sich vorstellen, mit welcher Herablassung die Hauptstadtjournaille die Trostlosigkeit von Stehempfängen in Zehdenick oder Rentnermodenschauen in der Uckerseehalle bestraft hätte, wie leicht es wäre, sich in ausführlichen Reportagen über das Belegte-Brötchen-Essen, Schweinestreicheln und Bürgerbegegnen lustig zu machen.

Bei Dresen bleibt ein Schmunzeln übrig, ein zarter Running Gag mit Topfpflanzen oder, das ist vielleicht der Höhepunkt, eine Collage von anschwellenden Klagegesängen kaffeeklatschender Frauen, die vor Adventsmusik dem anwesenden Politiker ihre Meinungen sagen müssen. In solchen Momenten reduziert sich der Landespolitiker auf den Friseur, mit dem man sich unterhält, weil der einem zum Zuhören verpflichtet ist. Mit dem Unterschied, dass der Politiker nicht nur nicht weglaufen, sondern im besten Fall noch für etwas verantwortlich gemacht werden kann. Politik der kleinen Schnitte.

Der Film insistiert in diesen Szenen nicht, in denen das prekäre Repräsentationsverständnis des Bürgers zum Vorschein kommt. Das ist, wenn man das so sagen kann, der Nachteil von Dresens Freundlichkeit: Der Trost, den sie spendet, ist immer größer als die Desillusionierung, die nicht verschwiegen wird.

So ist Herr Wichmann aus der dritten Reihe ein vergnüglicher und informativer Film. Man bekommt einen Eindruck davon, dass der Landespolitiker sich als eine Art Ombudsmann versteht, dessen Stunde schlägt, wenn die Prignitzer Eisenbahn ihre Türen bei einem Halt in Vogelsang nicht mehr öffnet, seit die Deutsche Bahn ihre letzte Stationskraft abgezogen hat; wie schwer sich Aushandlungsprozesse um Schreiadlerhorste und Bartmeisenbrutgebiete gestalten; wie kindergarten-reflexhaft mit der Parteiendifferenz im Parlament gespielt wird.

Und, vor allem, was Transparenz bedeutet. Was immer man gegen Henryk Wichmann sagen kann – dass er sich, so wie der Film ihn zeigt, nicht offensiv einbrächte in das mühsame Feld politischer Arbeit, kann ihm wohl kaum einer vorwerfen.

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Geschrieben von

Matthias Dell

Filmverantwortlicher

Matthias Dell

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