Wir sind nicht im Büro

Polizeiruf Freezy Betriebsklima: Olga Lenski (Maria Simon) muss in "Vor aller Augen" in einer Unternehmergeschichte ermitteln, deren merkwürdige Umstände nicht recht aufklärt werden

Der Titel ist schon mal verschenkt: Vor aller Augen stimmt erstens nicht – die Unternehmerwitch Michaela Stolze (Catherine Flemming) ist im Saloon vonner Westernstadt kurz vorm Erröcheln ja lediglich von der nur native speaking Sekretärin Weingart (Daniela Hoffmann) und dem Wahrheitsfanatiker Petzold (Sven Lehmann) gesehen worden. "Über vier Augen" wäre also passender gewesen, wenn auch sprachlich bedenklich.

Und zweitens hätte einer skurrilen Szene wie dieser, in der krasser Insulinmangel geacted werden muss – ein Darstellungsgegenstand, der anders als Erschossenwerden oder Sexhaben keine lange Tradition vorzeigen kann –, dazu noch nackert und in einer fancy Westernstadt, der kulturfrivole Groschenheftekel von Good old' Herb Reinecker viel besser zu Gesicht gestanden: "Die nackte Frau im Saloon" oder "Tod einer Diabetikerin"; wobei sie tot ja auch nicht ist, nur kurz davor. Angesichts der Erklärungsseite im Presseheft über Diabetes mellitus ("Diabetes ist die von Politik und Gesellschaft am meisten unterschätzte chronische Krankheit") könnte man im übrigen das Gefühl haben, es sei Gesundheitswoche in der ARD.

Mord ist auch nicht, nur noch mal Mordversuch mit Verdünnungsmittel im Krankenhaus. Das Verdünnungsmittel muss Krause (Horst Krause) auf der Werft später so subversiv beschaffen, dass man sich fragt, ob die Polizei tatsächlich keine Handhabe mehr hat in ihrer ureigensten Arbeit, dass sie so derbe auf Guerilla machen muss. Aber das ist lässlich, genauso wie die Sache mit dem noch nicht geschehenen Mord, auf den die Kommissarin Olga Lenski (Maria Simon) samt Krause angesetzt wird, wo doch Kommissarinnen sonst immer nur auf richtige Toten angesetzt werden.

Böhlichs Fame

Ärgerlich und wiederum verschenkter ist dagegen die Geschichte von Vor aller Augen. Sie stammt von Bernd Böhlich (auch Regie), einem, wenn nicht dem Veteranen der Polizeiruf-Reihe, der schon 1988 debütierte, mit Totes Gleis 1994 eine seinerzeit mit dem Primme-Greis ausgezeichnete Folge inszenierte, in der, wie diesmal, der große Otto Sander spielte, und der auch für die Line Extensions vom Krause-Image (Krauses Fest, 2007; Krauses Kur, 2009; Krauses Braut, 2011) verantwortlich zeichnet.

Was sich mit Böhlich also verbindet, ist der dicke Cast – hier: Sander, Sven Lehmann in seiner letzten Rolle, Martin Seifert als Betriebsrat Rickert, Flemming und Daniela Hoffmann, die à l'époque, wer erinnert sich nicht, in dem schauen Berliner Halbstarken-Polizeiruf Es ist nicht immer Sonnenschein von1983 als fesches Girl Astrid debütierte). Worin Böhlichs Fame besteht, kann man anhand von Vor aller Augen nicht ganz so leicht sagen. Auf Anhieb wirkt die Rolle des Alt-Unternehmers und Witchtochtervaters Stolze jetzt nicht so, als ob es so was nur selten zu spielen gäbe für einen wie Otto Sander. Aber man steckt nicht drin.

Was doch aber zu sehen ist: Die Geschichte ist beides nicht so richtig, nicht der Krimi und nicht das Sozialdrama, das man mit Böhlich ebenfalls verbinden kann in seiner ausgestellteren Version, nämlich als goodfeelende Kleinbürgertröstung, die dann zumeist mit Zukurzgekommenen diesseits der Elbe verbunden wird (Magda schrieb zur Olga-Lenski-Auftakt by Böhlich, es "oste" bei ihm immer so). Für den Krimi weiß man nämlich zu wenig über das, was die Unternehmerwitch da am Morgen beim Schwimmen befällt (war das im See auch schon Diabetes, der tauchende Petzold-Bengel oder ein Ungeheuer?), als dass es einen interessieren könnte, warum das mit der Luftversorgung gerade nicht so gut klappt.

Incentive mit Messerwerfen

Und fürs Soziale, was ja – da wären wir nicht diktatorisch – durchaus eine Variante für den Sonntagabendkrimi sein könnte, kommt man den Figuren nicht nah genug, sind die Figuren auch zu sehr Figuren, die Figuren eben so sind in diesen Kontexten. Also: Unternehmerwitch, Zögerzauderpapa Petzold ("hält die Lügen nicht aus"), Westernknochen (Jochen Nickel hat als den Osten bereitender Cowboy schon Erfahrung durch den schlimmen Film NeuFundLand, 2004, den vermutlich eh' keiner gesehen hat), Alter Chef and so on. Wie das Kind der Unternehmerwitch einmal kurz reingehalten wird als eine Andeutung von irgendwas anderem, ist bezeichnend.

Am meisten stört aber, dass die Geschichte des Unternehmens, das heute fröhlich Incentives mit Messerwerfen feiert, so ungebrochen und immer nur aktuellkrisenhaft erzählt werden kann; dass da zwar die Rede von ominösen 20 Jahren zuvor ist, dass man aber nie erklärt bekommt, wie sich so eine 100-jährige Firmengeschichte durch die DDR überlebt hat. Das wird sicher möglich gewesen sein, aller Planwirtschaft zum Trotz, und es wird sicher auch Erfolgsbiografien geben, die sich so stolzemäßig an ihrem angestammten Brandenburger Ort ereignen können und nicht wie Günther Jauch Potsdam erst claimen müssen nach 1989/90 beziehungsweise wie Wolfgang Joop reclaimen nach dem Unterbruch. Aber es versteht kein Mensch, warum sich eine Polizeiruf-Folge, noch dazu von einem Autor wie Böhlich, da so amnestisch zu verhalten muss, als spielte sie in Wuppertal, als wäre das Geschäft mit den Booten immer schon mal so oder mal so gewesen.

Das Schlamperte am Konflikt selbst sind die immer nur groben Positionen in der Firma, der Kampf zwischen dem Alten und dem Neuen, die doch gerade in Familienmachtgeschichten mit dem schönen Gattopardo-Satz "Es muss sich alles ändern, damit es bleibt, wie es ist" aufs Paradox gebracht werden, das Familienmachtgeschichten zusammenhält. Den Worten des wieder im Betrieb – für die Freunde des Automobilism unter uns: zum Zungeschnalzen – mit einem Mercedes-W-123-Coupé vorfahrenden Alten Chefs nach zu urteilen, war die Frische-Wind-wir-machen-alles-besser-Tochter offenbar hochgradig inkompetent.

Gemümmel der Gefühle

Aber dafür interessiert sich die Folge nicht, die immer nur aussprechen lässt, was gerade passt, und sich dann die Hände wärmt an der Kaffee-ohne-Milch-aber-mit-einem-Stück-Zucker-Sentimentalität, die sie verbreiten will. Und auch Belegschaften, die von eben inkompetenten oder – der zweite Vorwurf des Alten Chefs an seine Tochter – Angst und Schrecken verbreitenden Vorgesetzten gebeutelt werden, würde man gern einmal präziser erzählt kriegen als hier, zumal damit vermutlich Zeitdiagnostik zu gewinnen wäre: Dass der Spätkapitalism an insuffizienten Führungskräften Mangel hat, ließe sich nach allem, was man so liest und hört, wohl kaum als Erkenntnis bezeichnen, die besonders bahnbrechend wäre. Das mal zu erzählen bedeutete für den Sonntagabendkrimi, das Bürogeredemedium No. 1, zudem eine Zielgruppenpflege, wie sie sich kein ARD-Intendant besser ausdenken könnte. Aber dahin kommt Vor aller Augen mit seinem Gemümmel der Gefühle im Leben nicht.

Funny noch, dass Olga Lenski Englisch sprechen muss this time, wo sie doch in ihrem Klappentext als New-York-Resident ausgewiesen war. Was Maria Simon da performt, klingt jetzt nicht so nach übermäßiger Einfärbung des Sprechens durch das amerikanische Idiom, was entweder sympathisch ist, weil man als Nicht-Muttersprachler seinen Akzent auch vor Ort pflegen kann, oder egal, weil diese Rollenlegende doch eh nur Legende ist. Krause dafür sehr schön so: "Into the was?" Daraus ließen sich doch fette HipHop Rhymes'n'Beatz basteln.

Und schließlich tut sich Olga Lenski als große Hände-in-die-Hosentaschen-Steckerin hervor.

Eine Fantasie, die nur eine Geschäftsführung haben kann: "Dann gibt’s am Montag vielleicht keinen Betriebsrat mehr"

Eine Aussage, von der man ungern als "die" betroffen wäre: "Alle in der Firma hassen die"

Ein BWL-Grundsatz, der gemerkt werden muss: "Für 'ne Firma, die in solchen Schwieirgkeiten steckt, ist 'ne Neueinstellung ziemlich ungewöhnlich"

Eine Weisheit, die man auf Kopfkissen sticken sollte: "Alle Umstände sind merkwürdig"

http://imageshack.us/a/img69/9666/tatortfcmagnetneudfwerb.jpg

Upcoming Live-Autritte des Autors von hier und dem hier:

"'Nochmal das gleiche, Herr Ober!' Wenn der 'Tatort' am Tresen hockt." Ein Vortrag mit Ausschnitten von Standardsituationen des Trinkens im Sonntagabendkrimi. Dienstag, 7. Mai, 20 Uhr, 3 Euro, FC Magnet Mitte Bar, Berlin, Veteranenstr. 26.

"Wo waren Sie gestern abend zwischen neun und halb zehn?" Sonntagabendkrimi-Vortrag mit Ausschnitten (das Original). Mittwoch, 15, Mai, 19.30 Uhr, 5/3 Euro, Tucholskymuseum Rheinsberg

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Geschrieben von

Matthias Dell

Filmverantwortlicher

Matthias Dell

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