Memory Gaps
04.04.2017 | 05:23

Die toten Kinder des Holocaust

Erinnerungskultur Zu den grauenhaftesten Tatbeständen unserer jüngeren Geschichte zählt das infernalische Faktum, dass während des Holocaust mehr als 1,5 Millionen Kinder ermordet wurden

Ein Blog-Beitrag von Freitag-Community-Mitglied Memory Gaps

Die toten Kinder des Holocaust

Konfiszierte Kinderschuhe aus dem Konzentrationslager in Auschwitz

Bild Sean Gallup/Getty Images

Kinder ... hinterlassen kaum Spuren. Sie schreiben keine Briefe und lassen keine schriftlichen oder mündlichen Zeugnisse zurück ... Ihre wenigen Freunde sind selbst noch Kinder. Sie leben an der Seite ihrer Familien, ihrer Eltern, ihrer Geschwister. Wenn die Erwachsenen gemeinsam mit ihnen verschwinden, denkt niemand mehr an sie, nicht einmal mit einem flüchtigen Gedanken.“ (Adolfo Garcia Ortega)

Mit den Monatsausstellungen März und April 2017 erinnert Memory Gaps an zwei jüdische Kinder, die im Alter von 13 und 8 Jahren im Konzentrationslager Auschwitz ermordet wurden.

Ellen Berta Marxsohn

Ellen Berta Marxsohn (* 12. März 1929 in Mainz; † 1942 im Konzentrationslager Auschwitz), Urenkelin des Mainzer Rabbiners Siegmund Salfeld, flüchtete 1939 gemeinsam mit ihren Eltern, nach vergeblichen Versuchen in die USA zu gelangen, nach Frankreich. Im Zuge mehrerer Wohnortswechsel wurde die Familie von den mit den Nationalsozialisten kooperierenden Vichy-Behörden im südfranzösischen Sammellager Les Milles, in einem Vorort von Aix-en-Provence, interniert. Kurz davor hatte die gute Schülerin Hélène (Ellen) noch den Prix d’excellence ihrer Schule in Nîmes erhalten. Wenig später übergab die Vichy-Polizei die gesamte Familie an die Gestapo. Ellen Berta Marxsohn wurde im Alter von 13 Jahren, am 7. September 1942, gemeinsam mit ihren Eltern, vom Durchgangslager Drancy in das Konzentrationslager Auschwitz Birkenau deportiert und vermutlich bereits kurz nach ihrer Ankunft ermordet.

Bis zum heutigen Tag existiert in Mainz keine Straße, die ihren Namen trägt. Hingegen ist nach Ina Seidel nach wie vor eine Straße im Mainzer Stadtteil Hechtsheim benannt (sowie in zahlreichen anderen Orten Deutschlands). Die Schriftstellerin Ina Seidel unterzeichnete bereits 1933 das „Gelöbnis treuester Gefolgschaft“, ein Treueversprechen für Adolf Hitler und huldigte diesem in zahlreichen Schriften. 1944 wurde Seidel auf Hitlers Gottbegnadeten-Liste gesetzt. Anstelle von Ina Seidel sollte künftig in Mainz an Ellen Berta Marxsohn erinnert werden.

Paul Sternberg

Paul Sternberg (* 26. Februar 1936 in Wien; † 1943 im Konzentrationslager Auschwitz), war mit seinen Eltern rechtzeitig nach Frankreich geflohen. In der Nähe der ostfranzösischen Stadt Besanςon wurde die Familie verhaftet, interniert und vom Sammel- und Durchgangslager Drancy bei Paris, am 9. Februar 1943, in das Konzentrationslager Auschwitz Birkenau deportiert. Paul Sternberg wurde vermutlich noch vor seinem achten Geburtstag, kurz nach seiner Ankunft im KZ-Auschwitz ermordet, das genaue Todesdatum ist nicht dokumentiert.

Bis zum heutigen Tag existiert in Wien keine Straße, die seinen Namen trägt. Hingegen ist nach Richard Kuhn nach wie vor ein Weg in Wien-Penzing benannt, ebenso eine Straße in Heidelberg. Der gebürtige Wiener Kuhn war Chemiker, lehrte an der Universität Heidelberg und erhielt 1938 den Nobelpreis für Chemie. Seine treue, bedingungslose Gefolgschaft für das NS-Regime wurde als Mischung aus Karriere-Opportunismus und vorauseilendem Gehorsam beschrieben: akribische Übererfüllung der Gesetze zur Entlassung jüdischer Wissenschaftler, Denunziation jüdischer Mitarbeiter anderer Forscher bis hin zur Forschung an Massenvernichtungswaffen in Form offensiver und defensiver Giftgase. Nach 1945 trat Kuhn als einer von vielen NS-Wissenschaftlern in US-amerikanische Dienste, ehe er 1953 wieder an das Max-Planck-Institut in Heidelberg zurückkehrte. Anstelle von Richard Kuhn sollte zumindest in Wien-Penzing künftig an Paul Sternberg erinnert werden, insbesondere auch deshalb, da sich an der Adresse Richard-Kuhn-Weg 1 ein Kindergarten der Stadt Wien befindet.

Und heute?

Viele Menschen wollen heute ganz vehement mit dem Erinnern aufhören. Sie finden rein gar nichts dabei, wenn gegenwärtig immer noch Straßen und Plätze nach Mitläufern und Unterstützern des NS-Regimes benannt bleiben. Sie argumentieren zumeist damit, dass es in der Gegenwart drängendere Probleme gäbe.

Doch das Erinnern ist jene Form des Gedenkens, bei dem unsere Gegenwart die Rolle der Zukunft spielt. Die erinnerte Vergangenheit und die Gegenwart sollten daher nicht gegeneinander ausgespielt werden.

Niemand will den Personen, die NS-Mitläufer oder Karriere-Opportunisten waren – und zu denen auch renommierte Wissenschaftler und Künstler zählten – ihre wissenschaftlichen oder künstlerischen Leistungen absprechen. Doch Ehrungen mittels Straßennamen meinen immer den gesamten Menschen, nicht nur einen Ausschnitt oder Teil des Lebens.

Die rechten und die linken Diktaturen und auch die Tyrannen der vergangenen Jahrtausende haben unermessliches Leid über die Welt gebracht, diese sollten daher nicht gegeneinander aufgerechnet werden.

Es gibt Lebensführungen, die untadelig waren, jene der toten Kinder des Holocaust beispielsweise. Nach einigen von diesen sollten Straßen und Plätze benannt werden. Umbenennungen von jenen Straßen, die heute noch nach den „Dabeigewesenen“ benannt sind, wären ein Zeichen des Gedenkens und der kollektiven Erinnerungskultur. Das berühmte und gleichzeitig schwierige jüdische Sprichwort „Wer ein Leben rettet, rettet die ganze Welt“ gilt insbesondere auch für das Gedenken, als ein Gegenwärtig-Machen von Geschehenem.

Dominik Schmidt, Konstanze Sailer

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