Kein unschuldiges Wort

DDR-Roman Lutz Seiler legt mit „Kruso“ ein abgründiges Werk über den Rand und das Ende der DDR vor
Michael Angele | Ausgabe 36/2014 5

Dieser Roman wird Furore machen, aber er ist auch ein Ärgernis. Die Frauen darin sind entweder tot, abwesend oder sie haben nichts zu melden, allenfalls sind sie fürs Zuhören gut oder für sexuelle Dienstleistungen, die sie den Männern im Tausch gegen ein Nachtlager gewähren. Und wenn sie etwas zu melden haben wie Viola, die „älteste Bewohnerin des Klausners“, dann handelt es sich um ein Gerät, ein Radio. Viola meldet Westnachrichten. Sommer 1989, Edgar Bendler, Germanistikstudent in Halle, bricht auf nach Hiddensee, wo er eine Anstellung als Saisonkraft in der Kneipe Klausner findet (die es tatsächlich gibt). Ed wird im Abwasch beschäftigt. Aber wenn man das so schreibt, klingt es viel zu banal, denn tatsächlich findet er zu einer verschworenen Gemeinschaft, die von Alexander Krusowitsch, genannt Kruso, einem charismatischen Sohn der Insel mit russischen Wurzeln, gestiftet wird.

Wie in Christoph Heins Tangospieler sind es Aussteiger, Randgänger, Punks, Poeten, nicht selten mit akademischem Hintergrund, die hier am Rand der DDR eine Nische gefunden haben und trotz Armeepräsenz ein einfaches, elementares Leben als Saisonarbeiter in Gaststätten führen oder wenigstens für ein paar Tage in „schwarzen Quartieren“ unterkommen. Ein Leben, in dem noch die niedrigste Verrichtung, etwa im Abwasch, ihre Würde, ja, Weihe hat. So etwas raunt rasch, aber nicht in diesem Roman. Lutz Seilers Sprache ist glasklar, schön, kein falsches Wort darin. Sensationell, wie er zum Beispiel den Schleimzopf beschreibt, der sich am Abwaschgitter bildet. Und so wie der Schleimzopf ein Schleimzopf bleibt und zugleich zum „Lurch“ wird, ist der ganze Roman auf zwei Ebenen lesbar.

Strömungsverhältnisse

Kruso schreibt ein wenig bekanntes Kapitel zur DDR-Subkultur, und er ist Abenteuerroman, Bildungsroman, Geheimbundroman, zeichenhaft, voller diskreter Botschaften. „Wir haben hier eine besondere Lage, besondere Bedingungen in jeder Hinsicht, aber das ist Ihnen sicher bewusst, Herr Bendler, sonst wären Sie jetzt nicht hier. Zunächst die Strömungsverhältnisse“, wird Ed vom Direktor des Klausners empfangen.

Kein Wort ist hier unschuldig, gleich gar nicht der Hinweis auf die Strömungsverhältnisse. Von Hiddensee aus versuchten viele Menschen, über die See nach Dänemark zu fliehen, auch die Schwester von Kruso, die seither verschollen ist. In einer klassischen Initiationsszene wird Kruso seinem Schüler Ed vor Augen führen, wie die offiziellen Karten lügen, die Abstände darauf stimmen nicht. Aber sie lügen dann doch nicht genug, um jede Ahnung von Freiheit auszutreiben, angefangen damit, dass die Meere hellblau sind. Die Freiheit, die Kruso meint, lässt sich kaum auf den Begriff bringen, schon gar nicht politisch verorten. Selbst dass die DDR diese Freiheit ganz ausschloss, kann man nicht sagen, sie konnte ja auf der Insel gelebt werden. Unklar auch, was aus ihr geworden ist.

Wie Lutz Seiler vom Ende der DDR erzählt, an ihrer stillen Peripherie, nicht im aufgewühlten Zentrum der Hauptstadt, ist schon großartig. Der Roman endet mit einem Epilog. Wir sehen Ed 20 Jahre später auf den Spuren der in der See Verschollenen in Kopenhagen, zuletzt auf den „Friedhöfen der Anonymen“. Gedacht wird Menschen, die möglichst alle Spuren verwischt haben (um Angehörige nicht zu Schaden kommen zu lassen, wenn man sie findet). Das schiere Gegenteil davon praktiziert der Roman, er legt Spuren dahin und dorthin, sie können hier unmöglich alle benannt werden, eine führt ins Palast-Hotel, wo der Direktor des Klausners früher gearbeitet hat. Nicht zuletzt hat Lutz Seiler der abgründigen Figur des unbekannten Kellners ein Denkmal gesetzt. Was aus Ed geworden ist, wissen wir nicht genau. Auch nicht, wo Gestalten wie jener „Rimbaud“ – eine „schwierige Synthese von Philosoph und Oberkellner“ – geblieben sind? Alles verloren? Alle vereinzelt? Was ist aus ihren Idealen geworden, die sich nicht zuletzt durch Literatur bildeten: „Poesie war Widerstand. Und ein Weg zur Erlösung“?

Die Bibliothek im Klausner reicht von Georg Trakl bis Heiner Müller, sie enthält obskure Namen wie Gennadi Vorsterberg . Den Kanon für eine konservative Revolution gibt das nicht ab. Und doch glaubt man in diesem Roman, der nicht nur diskrete Hinweise auf Thomas Manns Zauberberg gibt, sondern auch ein wenig an den klösterlichen Geist in Ernst Jüngers Marmorklippen erinnert, die Blaupause für rechtsintellektuelle Strömungen in den neuen Bundesländern zu erkennen. Oder ist das schon deshalb abwegig, weil der Sex für diese Kreise nicht nur in den pornografischen Zoten „Rimbauds“, sondern auch in der Kammer von Ed dann doch eine zu deutliche Rolle spielt?

Jedenfalls führt der Roman vor Augen, wie ernst man damals war. Nicht ohne groben und feinen Humor, aber ganz ohne Ironie. Eine Geistes- und Lebenshaltung, die weit weg scheint und nach der es doch eine Sehnsucht gibt. Nur schade, dass dieser brillant geschriebene Roman den Nachweis nicht liefern kann, dass eine solche Haltung auch ohne männerbündischen Ballast auskäme.

Kruso Lutz Seiler Suhrkamp 2014, 484 S., 22,95 €

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