Kunst ist totalitär

Buchmesse In Frankfurt spricht man über Sascha Lobos Vorschlag, das Buch neu zu erfinden: indem man es im Internet direkt kommentieren kann. Über analoge und digitale Randnotizen

Seit einigen Jahren ist das große unterschwellige Thema auf der Frankfurter Buchmesse das Internet, das unsere Buchkultur herausfordert. Man kann das Netz nicht sehen, obwohl es überall ist. Auf der Messe sieht man nur Bücher, in den schönsten Farben und in prächtigster Anmutung. Wenn man Pessimist ist, können sie einem erscheinen wie Bollwerke gegen das Neue. Aber wer würde das in Frankfurt so sagen wollen?

Gäbe es ein Ranking der Themen, dann stünden ganz oben die Personalien in den großen Verlagen, gefolgt von praktischen Erörterungen zur Abendgestaltung und ganz hinten, auf den drei letzten Plätzen, kämen das Gastland (2013: Brasilien), das Buch an sich und schließlich das E-Book. In diesem Herbst muss der professionelle Messebesucher noch eine Antwort auf die Frage bereit haben, wie er zu „diesem Barlach“ stehe. Die Welt am Sonntag hat schon mal eine ziemlich fiese Antwort gegeben und vorgeschlagen, den Suhrkamp-Mitgesellschafter Hans Barlach konsequent mit seinem Bildhauer-Großvater Ernst zu verwechseln.

Man sollte aber auch eine Antwort auf die Frage in petto haben, was eigentlich von dieser Idee von Sascha Lobo zu halten sei. Der Autor und Blogger Lobo hatte am Sonntag vor der Messe in der FAS publik gemacht, dass er unter die Verleger gehe. Sein Verlag Sobooks will das Buch ins Internet bringen. Zentrales Novum: Die Leser sollen im „Buch selbst über das Buch diskutieren“. Ein User soll also Kommentare hinterlassen können, die wiederum kommentiert werden können, auf jeder Seite des digitalen Buchs, das weiterhin eine Seitenstruktur hätte. So ein Buch wäre dann eine Art langer Blog. Was ist davon zu halten?

Kommentare mit Kugelschreiber

Ich habe mir für die langen Messenächte eine Antwort gebastelt, die so kompliziert ist, dass sie mich interessant macht, aber wiederum nicht so kompliziert, dass ich sie mir im trunkenen Zustand nicht mehr merken könnte. Ich übergebe sie hiermit der freien Verwendung: Generell bin ich ein großer Freund des Internets. Es gibt viele schöne Projekte zur Literatur im Netz. Zum Beispiel auch das „Read and Meet“-Projekt des Freitag (siehe Seite 16/17, am 15.10.13 online).

Aber! Ich bin komplett dagegen, dass in Büchern mitdiskutiert wird. Ich rege mich doch schon auf, wenn ein ausgeliehenes analoges Buch mit Anstreichungen, womöglich noch mit Kugelschreiber, zurückkommt (auch wenn man froh sein darf, dass es überhaupt zurückkommt). Bücher sind zum Lesen da. Mindestens in der Belletristik muss gelten: Kunst ist totalitär, man muss sich ihr unterwerfen. Das klingt nach Jonathan Meese – bedeutet aber nur: erst lesen, dann diskutieren. Über alles. Also auch über den Tod des gedruckten Buchs, wenn es so in einem Roman steht, oder meinetwegen auch über das „Buch, an dem alle mitschreiben“, obwohl das bisher eher etwas für das avancierte kulturwissenschaftliche Seminar war.

Die Literaturwissenschaft hat ja längst festgestellt, dass das Lesen selbst eine kommunikative, dialogische Sache ist. Das muss reichen. Ich lese gerade Honig vonIan McEwan, einen „Unterhaltungsroman“. Aber selbst da hat man als Leser jede Menge zu tun. Die Hauptfigur ist eine wunderschöne Mathematikerin, die als Literaturagentin für den britischen Geheimdienst arbeitet und das Monty-Hall-Paradox auf eine Erzählung ihres Zielobjekts zu übertragen versucht. Work, don’t cry, sagt Rainald Goetz. Wir ergänzen: And talk later! Wo? Im Seminar, am Küchentisch, im Buchladen und natürlich im Netz, kurzum: überall dort, wo sich literarische Öffentlichkeit bildet. Vielleicht ja sogar auf der Buchmesse.

12:50 10.10.2013
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